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Kultur im Norden Robert De Niro braucht „Kamillentee und einen guten Espresso“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Robert De Niro braucht „Kamillentee und einen guten Espresso“
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11:47 26.11.2019
„Meist mache ich halt einfach meinen Job“: Robert De Niro hat zwei Oscars gewonnen, gibt sich im Interview bescheiden. Quelle: Invision/AP
Marrakesch

Er ist einer der wenigen Menschen weltweit, die man nicht vorstellen muss: Robert De Niro, Kultschauspieler, Chamäleon, Jahrhundertmime. Für seine Rollen ging er oft bis an die Grenzen psychischer und physischer Belastbarkeit, gewann zwei Oscars, verschmilzt mit seinen Figuren, verbirgt dafür aber alles Private und Persönliche. Ihn zu treffen oder zu sprechen, ist eine Rarität. Vielleicht, weil Interviews nicht seine Paradisziplin sind, meist muss man ihm die Sätze mühsam aus der Nase ziehen. Als das Filmfest Marrakesch dem 76-Jährigen Tribut zollte, konnten wir mit ihm über „The Irishman“sprechen: Das Prestigeprojekt von Netflix ist mit einem Budget von geschätzten 160 Millonen Dollar das teuerste, das es je bei ihnen gab.

Mr. De Niro, sieht man Sie in „The Irishman“ endlich wieder in einem gewichtigen Meisterwerk wie „Taxi Driver“, „Goodfellas“ oder „Casino“? Wer ist der „Irishman“?

„The Irishman“ erzählt die wahre Geschichte des irischen Auftragsmörders Frank Sheeran. Eigentlich hatten Marty und ich etwas anderes vor, aber dann las ich zufällig dieses Buch und wir haben sofort beschlossen, den zu drehen.

Szene aus „The Irishman“ mit Joe Pesci (l) als Russell Bufalino und Robert DeNiro als Frank Sheeran – ab 27. November bei Netflix zu sehen. Quelle: Netflix

Was verbindet Sie mit „Marty“ Scorsese außer nunmehr neun Filmen?

Wir sind in derselben New Yorker Gegend aufgewachsen, in Little Italy, und lernen uns mit 15, 16 kennen. Wir hatten schon damals denselben Filmgeschmack und denselben Appetit auf gute Storys. Daher haben wir so oft miteinander gedreht. Ich habe es aufgegeben zu erklären, wie wir miteinander arbeiten. Das Einzige, was ich in Worte fassen kann, ist, dass unsere Arbeit auf Vertrauen basiert.

Sie sind per digitalen Tricks als jüngere Version von sich selbst zu sehen. Was halten Sie von diesen technologischen Möglichkeiten?

Die Ursprungsidee war, den „Irishman“ über vier, fünf Jahrzehnte zu spielen. Ich finde die Technik toll, ich musste mir keine Sorgen machen, ob die Maske das Make-Up gut hinkriegt.

„The Irishman“ soll mit einem angeblichen Budget von 160 Millionen Dollar der teuerste Netflix-Film überhaupt sein…

Was, ist es so viel? Was für ein Glück, dass wir das bekommen haben! Ich weiß nur, dass es nicht leicht war, ihn auf traditionelle Art finanziert zu bekommen. Die großen Hollywood-Studios kriegten es nicht hin, daher waren wir selig, als Netflix zusagte. Sie haben den Film nicht nur finanziert, sondern haben uns komplette künstlerische Freiheit gewährt.

Wo stehen Sie in der Debatte: Wird Netflix der letzte Sargnagel sein, um die Filmkunst aus den Sälen zu treiben? Oder werden Streamingdienste zum Refugium der Filmemacher, die kaum noch Hoffnung hatten, ihre Visionen für das Kino umsetzen zu dürfen?

Ich verstehe die Problematik und weiß, warum viele etablierte Studios Angst vor Streaming-Diensten haben. Wir haben mit Netflix auch lange darüber diskutiert, sie haben zugestimmt, unseren Film zusätzlich in ausgewählten Kinos zu zeigen. Der Konflikt zwischen Streamingdiensten und Kinos muss irgendwie gelöst werden, auch wenn die Lösung nicht jedem gefallen wird. Aber natürlich kann ich die Zukunft des Kinos nicht voraussehen.

Seit über 50 Jahren stehen Sie vor der Kamera. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf Ihre bisherige Karriere zurück?

Ich sah neulich einen Zusammenschnitt einiger Filme. Viele davon hatte ich schon lange nicht mehr geschaut. Und ich muss sagen: Das hat sich gar nicht schlecht angefühlt! Vielleicht lag’s auch daran, dass ich nur Ausschnitte sah. Sobald ich mir selbst etwas länger zuschaue, wird mir das sehr peinlich. Dann bin ich einfach froh, dass so viele Menschen meine Arbeit mögen und schätzen.

Fällt es einem Schauspielgiganten leicht, den Erwartungen seiner Kollegen gerecht zu werden? Haben gerade junge Schauspieler vor Ihnen keine enorme Ehrfurcht?

Ach, das vergeht schnell wieder. (lacht) Meist mache ich halt einfach meinen Job. Als ich „In den Straßen der Bronx“ drehte, hatte ich gleich am ersten Tag eine Szene mit drei Kindern, ich wusste nicht, wie ich mit ihnen spielen und sie von A nach B bekommen sollte… Keine Ahnung, wie ich’s schaffte, aber am Ende hat’s geklappt. Zu leben bedeutet, sich auf das Unbekannte einzulassen. Und schnell Entscheidungen zu treffen.

Sind Sie schwierig am Set?

Nein. Ich weiß ja, wie schwer es ist, dass man als Filmemacher dauernd wichtige Entscheidungen treffen muss. Ich scherze oft mit dem Regisseur: „Dieser Film ist dein Problem. Aber wenn du weißt, was du willst: Ich bin zu allem bereit, wenn du mich brauchst..“

Warum Netflix Rivale der Hollywoodstudios ist

Für Verjüngungskuren gibt man in Hollywood gerne viel Geld aus. Doch die teure Anti-Aging-Aktion in „The Irishman“ setzt in der Filmbranche in vieler Hinsicht neue Maßstäbe. In dem jüngsten Mafia-Meisterwerk von Regisseur Martin Scorsese altern und verjüngen sich Stars wie Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci über einen Zeitraum von 40 Jahren. Teure Digitaleffekte machten es möglich, doch die Drehkosten schossen auf über 160 Millionen Dollar.

Scorsese, der seine letzten Filme, darunter „Silence“ und „The Wolf of Wall Street“ mit Paramount Pictures herausbrachte, erhielt diesmal von dem Hollywood-Studio eine Abfuhr. „Wir mussten einen teuren Film machen“, erklärte Scorsese im Oktober im Interview mit dem US-Branchenblatt „Variety“ über seine Pläne für „The Irishman“. „Das Filmgeschäft ändert sich von Stunde zu Stunde - nicht unbedingt zum Besseren - und viele Stellen, die wir früher um Geld gefragt hätten, waren nicht mehr praktikabel. Dann nahmen wir Gespräche mit Netflix auf“, erzählte der Oscar-Preisträger.

Der Rest ist Geschichte. Scorsese brachte das dreieinhalbstündige Epos bei dem Streamingdienst unter, Kosten und Überlänge spielten offenbar keine Rolle. Eine Schockwelle ging durch Hollywood. Ein Cineast wie Scorsese, Verfechter des klassischen Kinos und großer Leinwände, wechselt zum Streamen? Ausgerechnet mit einem Film, der in brillanter Optik die epische Geschichte des Gangsters Frank „The Irishman“ Sheeran (De Niro) erzählt, der im Auftrag der Mafia den Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Pacino) umgebracht haben soll.

Vor dem Streamingstart bei Netflix an diesem Mittwoch war „The Irishman“ nur wenige Wochen in wenigen ausgewählten Kinos zu sehen. Die großen US-Kinoketten boykottierten den Film, die Betreiber fürchten um ihre Geschäfte. Sie verlangen eine deutlich längere, profitable Laufzeit, um einen Streifen in ihr Programm aufzunehmen. Darauf wollte sich der Streamingriese aber nicht einlassen.

Um bei den Oscars mitzumischen,müssen Filme jeweils vor dem Jahresende eine Woche lang in einem Kino im Raum Los Angeles gezeigt werden - diese Auflage hat Scorsese erfüllt, sagt der amerikanische Kino-Experte Jason Squire, Professor an der kalifornischen USC School of Cinematic Arts, der Deutschen Presse-Agentur. „Netflix hat ein riesiges Interesse, bei den Oscars Wirkung zu zeigen, ähnlich wie mit „Roma“ im vorigen Jahr. Streamingdienste sind echte Rivalen der traditionellen Hollywood-Studios geworden“, meint Squire. dpa

Ist es unumgänglich, dass ein guter Schauspieler für eine Rolle manchmal leiden muss, wie Marlon Brando in „Der letzte Tango in Paris“ oder Sie in „Wie ein wilder Stier“?

Leider trifft das zu: Manchmal muss ein Schauspieler für eine gute Rolle leiden. Aber wenn ich leide, dann muss ich auch wissen warum. Ich mag es nicht, wenn Regisseure ihre Schauspieler ohne Grund quälen!

Wann wussten Sie zum ersten Mal, dass Sie Schauspieler werden wollen?

Mit etwa zehn, da habe im Schultheater bei „The Wizard of Oz“ mitgespielt. Jeden Samstag war Probe, und ich war mit größtem Eifer dabei. Mit 15 oder 16 habe ich wieder diesen Traum verfolgt, parallel zur Schule. Mit 18 habe ich mich dann endgültig dazu entschlossen.

Gibt es auch Dinge in Ihrer Karriere, die Sie bereuen?

Natürlich. Aber das werde ich hier nicht erzählen…! (lacht)

Warum sah man Sie so oft in albernen, fäkalhumorigen Streifen wie „Dirty Grandpa“?

Ich liebe Komödien. Natürlich unterscheiden sie sich sehr von klassischen Filmdramen. Aber oft sind Komödien sogar noch schwerer zu drehen als die Dramen. Ich bin leider kein begnadeter Komiker. Ich kann gewisse komödiantische Rollen spielen, aber das war’s dann auch schon. Ich bin definitiv kein Comedy-Genie wie Billy Crystal!

Empfinden Sie die gleiche Leidenschaft für Ihren Beruf wie zu Anfang Ihrer Karriere?

Selbstverständlich, wenn ich eine gute Rolle habe. Wenn ein großer Regisseur mir eine Rolle anbietet und ich bei diesem Projekt sein Partner in Crime sein soll, fühle ich mich immer noch sehr geschmeichelt!

Lernen Sie Texte schnell?

Nein, langsam. Sehr langsam, das macht mir viel Mühe. Darin bin ich nur Durchschnitt.

Hätten Sie Lust, selbst noch einmal „Action“ zu rufen, nach „In den Straßen der Bronx“ 1993 und „Der gute Hirte“ 2006?

Ich bin nicht scharf darauf, aber falls ich demnächst ein Drehbuch in die Hand bekomme, das ich liebe, könnte ich mir vorstellen, die Regie und auch die Hauptrolle zu übernehmen. In den beiden Filmen, die ich bisher inszeniert hatte, standen meine Figuren nicht so sehr im Mittelpunkt. Ich bewundere ja Bradley Cooper: Bei „A Star Is Born“ hat er nicht nur zum ersten Mal Regie geführt, sondern ist auch dauernd zu sehen, eine riesige Rolle! Das war bestimmt alles andere als einfach! Und der Film ist exzellent geworden! Verdammt gut!

Sie haben schon öfter mit ihm gearbeitet, spielten in „Silver Linings“ seinen Vater. Was verbindet sie beide?

Ich mag ihn. Weil er mich auch mag.

Das genügt schon? Es mögen Sie sicher noch viel mehr Menschen...!

(lacht) Bradley ist einfach ein toller Kerl. Und ein ganz wundervoller Schauspieler. Er legt großen Wert darauf, gute Arbeit abzuliefern, das sehe ich an den Filmen, die er bisher abgeliefert hat. Sein Regiedebüt „A Star Is Born“ fand ich einfach umwerfend. Sagenhaft!

Wie sehen Sie den Umbruch in Hollywood durch die #MeToo-Bewegung?

Ich hatte nie etwas von diesen Dingen mitbekommen. Natürlich erzählt man mir nicht, wenn jemand hinter verschlossenen Türen jemanden verführt, belästigt oder sogar missbraucht wird. Wahrscheinlich ahnte man, wie ich reagieren würde. Aber es ist Zeit, dass Hollywood nun etwas dagegen unternimmt! Mir wurde erst jetzt klar, wie verbreitet das Problem war! Natürlich hat man schon mal von einer Casting-Couch gehört oder so etwas. (seufzt) Vielleicht war ich einfach zu naiv, ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Leute so schreckliche Dinge tun, nur um jemanden ins Bett zu bekommen! Das verstört mich.

Kann Macht aus Menschen solche Seiten herauskehren?

Ich weiß nur: Schauspieler sind von Natur aus sehr sensibel. Wenn man ihnen eine Rolle verspricht, nehmen sie das sehr ernst. Man hat also eine große Verantwortung als Produzent oder Casting-Direktor. Ich finde es völlig inakzeptabel, diese Macht zu missbrauchen, indem sie Sex fordern. Zu sagen „Wenn du mit mir schläfst, werde ich dir diese Tür in Hollywood öffnen“ – das ist indiskutabel, undenkbar, untragbar! Gerade, weil ich es früher einfach nicht gemerkt habe, bin ich jetzt umso aufmerksamer, wenn es um dieses Thema geht!

Sie greifen Trump und die US-Politik oft mit größter Deutlichkeit an. Entspricht diese Haltung Ihrer persönlichen Zivilcourage?

Wir alle wissen jetzt, was für ein Mensch Donald Trump ist. Als er gewählt wurde, war ich noch bereit, ihm eine Chance zu geben. Ich hoffte, dass er zumindest gute Absichten hat. Aber jetzt hat er unsere schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Meiner Meinung nach ist er eine Pest für unser Land. Die Republikaner sollten sich schämen, ihm so vieles erlaubt zu haben. Die Partei und er sollten das Volk repräsentieren – und sie haben versagt. Ihre eigene Agenda und ihr Machthunger führten dazu, dass sie diesen Menschen unterstützen und ihn so großmäulig daher reden lassen. Es ist eine Schande.

Sind Sie entschlossen, in Aktion zu treten?

Ich will mich nicht zur Zielscheibe machen. Aber wir müssen die, die so belogen wurden, davon überzeugen, dass man ihnen erst helfen kann, wenn sie nicht länger auf Trumps Versprechungen hereinfallen. Wer ihn jetzt noch unterstützt, tut das entweder aus Naivität, Informationsmangel oder aufgrund schlechter Bildung.

Sie haben Soziopathen, Psychopathen „und alle anderen Arten von Paten gespielt“, wie Scorsese mal über Sie sagte. Würden Sie auch Trump spielen?

Nie. Für jede Figur, die ich spiele, finde ich irgendwo etwas Mitgefühl. Ich beschäftige mich so lange mit ihnen, bis ich etwas finde, was sie mir nachvollziehbar macht. Bei Trump versuche ich jeden Tag auf Neue, etwas zu finden, was mir Mitgefühl abringt. Es gelingt mir nicht. Er ist und bleibt mir zutiefst unsympathisch.

Was gibt Ihnen die Kraft, Ihrem Ruhm und den Herausforderungen Ihres Jobs gewachsen zu sein? Sie sind mittlerweile auch 76 Jahre alt…

Kamillentee und ein guter Espresso. Abwechselnd. Das eine pusht mich, das andere bringt mich wieder herunter. Das wirkt Wunder! (lacht)

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