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Kultur im Norden In der WG mit Moondog
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07:00 29.07.2019
„Er predigte einen freien Geist“: Hiltrud Kulwicki in ihrer Lübecker Wohnung. Links ist ein Notenblatt von Moondog zu sehen, das sie all die Jahre aufbewahrt hat. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Als Hiltrud Kulwicki nach Hause kam, saß ein fremder Mann am WG-Tisch. Lange Haare, langer Bart, eine Art Cape um die Schultern. Er sah seltsam aus. „Das ist Moondog“, sagte Jean, der die Wohnung gemietet hatte. „Wenn er will, kann er hier übernachten.“

Hiltrud Kulwicki hatte noch nie von Moondog gehört. Aber es kam vor, dass fremde Leute in der Wohngemeinschaft waren. Es war Mitte der Siebzigerjahre in Hamburg, eine bewegte Zeit. Da gab es Gesichter, die man kurz sah und sich nicht unbedingt merkte. Moondog aber blieb. Den ganzen Winter über, etwa vier Monate. Dann verschwand er und kam nie wieder.

Moondog-Konzertreihe in Hamburg

Im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals finden in Hamburg fünf Moondog-Konzerte statt:

3. August: „Movement“ – (Dockland, 21 Uhr)

Das Werk „Canto Ostinato“ des niederländischen Komponisten Simeon ten Holt (1923-2012) hat starke Bezüge zur Minimal Music. Bei dem Konzert verteilen sich die fünf Musiker auf verschiedene Räume.

8. August: „Roommates“ – (Uebel & Gefährlich, 21 Uhr)

Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson spielt Werke von Philip Glass, bei dem Moondog in New York zeitweilig gewohnt hat. Und natürlich von Moondog selbst.

10. August: „Floating“ – (Thalia Theater, 21 Uhr)

Die Pianistin Katia Labèque hat mit dem Trio Triple Sun einige Stücke von Moondog für Klavier, E-Gitarre, E-Bass, Percussions und Synthesizer arrangiert. Auf der Bühne ist außerdem der Tänzer Yaman Okur zu erleben.

16. August: „A Taste of Lemonade“ – (Halle 424, 21 Uhr)

Das Streichquintett Wooden Elephant verbindet Klassik mit aktueller Pop-Musik – mit seinen Instrumenten, aber auch mit Alltagsgegenständen wie Milchaufschäumern, Badewannenstöpselketten und Partytröten.

30. August: „The Viking“ (Kunstverein Harburger Bahnhof, 21 Uhr)

Stefan Lakatos, ein schwedischer Musiker und langjähriger Freund Moondogs, setzt sich seit fast 40 Jahren für die Pflege und Verbreitung von dessen Werken ein. An diesem Abend wird er begleitet von dem jungen Lübeck-Hamburger Klarinettentrio ClariNoir.

Bis auf das Konzert am 16. August gibt es noch für alle Termine Karten.

Hiltrud Kulwicki war Anfang zwanzig damals und arbeitete im Universitätskrankrankenhaus Eppendorf. Sie wollte Ergotherapeutin werden, studierte dann doch Sozialarbeit, wurde Psychotherapeutin und arbeitete bis zum vergangenen Jahr bei der „Brücke“ in Lübeck.

Wo Jean Moondog aufgelesen hatte, weiß sie nicht. Vielleicht in Künstlerkreisen, Jean Bayhurst war Maler und Bildhauer. Vielleicht hatte er ihn auch irgendwo an der Straße stehen sehen und eingeladen. Jedenfalls war er jetzt da, eine Art Wikinger in einer Wohngemeinschaft in der Hamburger Hochallee Nummer 106. Ein rätselhafter Mann auf rätselhaften Reisen. Und eine Begegnung, die Hiltrud Kulwicki tief beeindruckte.

Mit 16 Jahren blind

Moondog kam aus den USA. Er hatte mit 16 sein Augenlicht verloren, war nach New York gegangen, nach Manhattan, und dort zu so etwas wie einer Attraktion geworden. Er stand mit Wikingerhelm und Speer an der 6th Avenue, machte Musik, verkaufte eigene Gedichte, sprach mit den Leuten.

Und er komponierte. Er lernte Musiker kennen, Leonard Bernstein, die New Yorker Philharmoniker. Manchmal wohnte er bei Philip Glass. Er veröffentlichte Platten und wurde bekannt. 1974 lud ihn der Hessische Rundfunk nach Deutschland ein – und Moondog blieb. 1999 starb er in Münster, wo er auf dem Zentralfriedhof begraben liegt. Er hinterließ ein gewaltiges Werk, mehr als tausend Sinfonien, Madrigale, Lieder sollen es sein. In diesem Sommer, in seinem 20. Todestag, widmet ihm das Schleswig-Holstein Musik Festival eine Reihe mit fünf Konzerten.

Den Mond anheulen

Moondog war Jahrgang 1916, wie Hiltrud Kulwickis Vater. Aber er war so völlig anders, sagt sie. Da saß ihr jemand gegenüber, der sich für alles interessierte. Der offen war, wach, neugierig, warmherzig, ein kluger Mensch. Einer, der über vieles nachgedacht hatte und zu ganz eigenen Schlüssen gekommen war. Einer, der Louis Thomas Hardin hieß, sich aber Moondog nannte, nach einem seiner Hunde, der den Mond anheulte. Einer, der morgens mit seinem Wikingerhelm und dem Speer aus dem Haus ging, als zöge er in einen Kampf. „Er sah aus wie Odin persönlich“, sagt sie und lacht.

Moondog hatte schon in New York den Norden entdeckt, dessen Sagen und Mythologie. Er hatte sich tief in diese Welt hineingegraben, bis er fast selbst ein Wikinger geworden war. In Hamburg, sagt Hiltrud Kulwicki, hat er an der Vertonung der „Edda“ gearbeitet. Sie fand das einigermaßen irre, aber er war fast besessen davon.

Untergang der Welt

Er hatte Handzettel, die er verteilte. Kopien seiner Arbeiten. Darunter waren auch die Noten der „Heimdall Fanfare“. Heimdall war ein Gott, Sohn des Odin und Bruder des Thor. Ein blinder Seher und Wächter, der vor dem Untergang der Welt warnen sollte. „Heimdall sieht, was man nicht sehen kann“, steht über dem Notenblatt. „Und er hört, was man nicht hören kann.“

Hiltrud Kulwicki hat die Zettel aufbewahrt. Sie hat über die Jahre vieles aussortiert, sagt sie, die aber sind geblieben. Genauso wie ein Moondog-Text über die Verwandtschaft des Englischen mit dem Sächsischen. Das hat sie sehr interessiert. Und sie hat damals nicht gleich bemerkt, dass er blind war. „Er hat sich total sicher bewegt.“ Und er hat Kaffee gekocht, „Cowboy-coffee“, so nannte er das. Also Bohnen zermahlen, in einem alten Alutopf eine Dreiviertelstunde kochen, den Sud abschöpfen, fertig.

Moondog war in diesem Winter 1973/74 nicht die ganzen vier Monate in der WG. Er kam, blieb, ging, tauchte wieder auf. Er wird also noch andere Kontakte in der Stadt gehabt haben, vermutet Hiltrud Kulwicki. Sie weiß auch nicht, wovon er gelebt hat. Er hat Englischkurse gegeben, unter anderem, er verkaufte seine Gedichte in den Straßen. Und er muss in den USA wohl auch einen Musikverlag gehabt haben.

Ein früher Ökologe

Er konnte etwas Deutsch, nicht viel. Er verstand weit mehr, als er sprach. Und er fand ihren Namen interessant: Hiltrud, wie eine Walküre. Das mochte er. So haben sie oft am Tisch in der WG gesessen und geredet. Und sie hörte, wie da ein früher Ökologe sprach. Einer, der für den sorgsamen Umgang mit der Erde warb. Der sich als Weltbürger verstand, nicht als Amerikaner, und der zu allem etwas Gescheites sagen konnte. Der froh war, nichts mit dem großen Treiben da draußen zu tun zu haben, mit dem „rat race“ um noch mehr Wohlstand und noch weniger Zeit. Der in der Wissenschaft den letzten großen Aberglauben sah. Der, wenn er überhaupt etwas gepredigt hat, dann „einen freien Geist“, wie sie sagt. Und der sie zu fragen lehrte, „wer ich bin auf dieser Welt und was ich hier will“. Er sei sich der Vergänglichkeit bewusst gewesen, sagt sie, aber er habe „ein ganz tiefes Vertrauen in das Dasein“ gehabt. Und eines Tages war er fort.

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