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Kultur im Norden Daniel Hope holt Indien in die Gollan-Werft
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14:08 03.08.2019
Musik-Marathon am Freitag in Lübeck: 15 Minuten vor Mitternacht endete das letzte Konzert mit Daniel Hope und befreundeten Musikern. Quelle: Axel Nickolaus
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Lübeck

„Moin“ rief der Geiger am Nachmittag im Saal der Gemeinnützigen. Seine Begrüßung war nicht der Beginn des Konzertes. Hope hatte drei seiner Mitstreiter vorgeschickt. Ikki Opitz (Violine), CarlaMaria Rodrigues (Viola) und Josephine Knight (Cello) boten Ungewöhnliches. Kein Geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart hat bei seinen Kontrapunkt- und Fugenstudien Werke von Johann Sebastian und Wilhelm Friedemann Bach für Streicher umgeschrieben. Aus der Gruppe der sechs Präludien und Fugen, zusammengefasst unter der Nummer KV 404a, spielte das Trio in der Gemeinnützigen die Nr. 2. Es wurde ein besinnlicher, fast weihevoller Auftakt im Präludium, zupackend musiziert in der Fuge.

Leider gab es keine Programmzettel

Danach zogen Daniel Hope und weitere Musiker ein. Auf dem Programm stand Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44, ein Meilenstein im Schaffen des Komponisten, wie Hope betonte. Die Musiker mit Hope an der ersten Geige gingen gleich schwungvoll zur Sache, achteten aber auch auf Details. Das Cello konnte seine Melodiebögen schön aussingen, wurde abgelöst von Simon Crawford-Phillips am Klavier. Da es keinen Programmzettel gab, applaudierte das Publikum gleich nach dem ersten Satz.Hand aufs Herz: Wer weiß schon auswendig, wie viele und welche Sätze ein bestimmtes Werk der Kammermusik hat?vEigentlich seien Zugaben bei der engen Taktung der Konzerte nicht vorgesehen, sagte Daniel Hope nach dem Schluss-Allegro. Aber Regeln seien dazu da, gebrochen zu werden. So wiederholten die Fünf einen Teil des Scherzos, vom rumpelnden Mittelteil, dem Trio, an.

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700 Gäste in der Gollan-Werft

Abends hatte Daniel Hope in die Gollan-Kulturwerft eingeladen. Von intimer Atmosphäre kann bei 700 gestellten Stühlen nicht gesprochen werden. Der Abend war jedoch besonders aufwändig. Gleich zwei Konzertprogramme waren angesagt, mit Umbaupause dazwischen. Da freie Platzwahl herrschte, füllte sich die Halle lange vor Beginn. Ohne Begrüßung oder Ansage begann das Polnische Kammerorchester, vom Klavier her geleitet von Simon Crawford-Phillips, mit einer Komposition aus dem Jahre 1939, Benjamin Brittens „Young Apollo op. 16 für Klavier und Streicher“, ein energiegeladenes Stück, hervorragend musiziert, elegisch eingetrübt im langsamen Mittelteil, kompositorisch vorausweisend auf kommende Zeiten.

Klatschen an der falschen Stelle

Nach diesem Auftakt rief Daniel Hope auch hier sein „Moin“ in den Saal und gab die Reihenfolge des Programms bekannt. Das Doppelkonzert op. 88 von Max Bruch folgte, komponiert 1911, hier in einer Fassung für Violine (Daniel Hope), Viola (Philip Dukes) und Orchester. Zwei eher langsame Sätze stehen am Anfang. Jedesmal, wenn die Solisten den Bogen absetzten, brandete Beifall auf. Klatschen an der „falschen Stelle“ - gibt es das überhaupt? - ist natürlich kein Fehler, vielleicht aber der Hinweis auf eine Informationslücke oder die Bitte um einen Programmzettel.

Hochromantisch erklang bei Max Bruchs Doppelkonzert das Andante, der erste Satz. Sehr klar beherrschte die Sologeige das Geschehen, während die Bratsche sich zurückhielt. Romantisch ausgedeutet auch der zweite Satz mit dem bestens aufspielenden Kammerorchester, das ohne Dirigenten, von Körperbewegungen Philip Dukes’ angefeuert, mit Verve in den letzten, den schnellen Satz ging.

Träumereien bei Edward Elgar

Bei den folgenden Werken stand Philip Dukes als Dirigent vor dem Orchester. Edward Elgars dreisätzige Streicherserenade erklang voller Ruhe, abgestuft, schön schattiert am Beginn. Der langsame mittlere Satz lud in seiner Abgeklärtheit zu Träumereien ein. Heiter und gelöst dann der fröhlich dargebotenen Schlusssatz.

Mit Bela Bartoks Divertimento für Streichorchester endete das erste Konzert. Welch ein Kontrast zu Elgars eher besinnlicher Serenade. Nervig, in pochendem Rhythmus servierten die Gäste aus Polen den ersten Satz, ein Allegro. Leise, intim, mit fahlen Anklängen schloss sich das Adagio als langsamer Mittelsatz an. Über dem geheimnisvoll dunklen Klangteppich setzten die ersten Geigen und ihr Konzertmeister die Klagen. Schwerblütig und elegisch verebbte dieser Satz, um in einen feurigen Schluss überzugehen. Hierbei bekam der ausgezeichnet spielende Konzertmeister viel zu tun.

Umbau um 21.45 Uhr

Inzwischen war es 21.45 Uhr. Die Saaltüren wurden zum Umbau für das zweite Konzert geschlossen. „East meets West“ lautete eine halbe Stunde später das Motto, und Daniel Hope wies daraufhin, dass seinen Lehrer und Mentor Yehudi Menuhin eine Freundschaft mit dem Sitar-Virtuosen Ravi Shankar verband. Deshalb habe er zwei hervorragende Musiker aus Indien eingeladen, Sitar-Meister Gaurav Mazumdar und Tabla-Spieler Shahbaz Hussain. Mazumdar habe zwei Stücke eigens für dieses Treffen komponiert.

Daniel Hope im Schneidersitz

Das Konzertpodium war nun zweigestuft, Erhöht, mit den Mikros nach unten zeigend, war den Gästen der Platz bereitet. Daniel Hope setzte sich mit seiner Geige im Schneidersitz dazu. Was nun folgte, war der spannendste Teil des Abends. Die Sitar übernahm die Führung, die Geigenstimme aber war genau passend hineinkomponiert. Nach langsameren Einleitungsteilen setzte die Tabla rhythmisch forsche Akzente. Shahbaz Hussain bearbeitete die beiden kleinen Kesseltrommeln virtuos mit den Fingern. Das Publikum lauschte atemlos für etwa 25 Minuten diesem Eröffnungsstück der Begegnung von Ost und West.

Die Gäste treten ab. Pianist Sebastian Knauer setzt sich an den Flügel. Leise impressionistische Klänge füllen den Raum, eine Abendstimmung von Maurice Ravel. Daniel Hope kommt mit der Geige dazu. Die Beiden zelebrieren einen ausgiebigen Mittelblock, der zeigen soll, dass Ost und West sich schon früher musikalisch begegnet sind. Der japanische Komponist Toru Takemitsu wird zitiert, Jahrgang 1930. Er liebte westliche Musik bis hin zum Schlager. Auch er versuchte, die Kulturen anzunähern.

Daniel Hope gibt kleine Einführungen. Manuel de Falla, der Spanier, habe der Musiktradition Andalusiens nachgespürt, Einflüsse der Mauren seit dem achten Jahrhundert mit andalusischer Volkskunst verbunden. Seine Lieder für Geige und Klavier zeugen von dieser Verbindung. Bilder von Granada steigen vor dem geistigen Auge auf, mit der Alhambra, die erst im Jahre 1492 als letzte Bastion der Araber in Spanien fiel.

„Kaddisch“ in Gedenken an Yeduhi Menuhin

Auch Bela Bartok sei auf der Suche nach der Musik ferner Länder gereist, weiß Hope zu berichten, in die Türkei und nach Ägypten. Fündig wurde er für einen Zyklus aber auf dem Balkan. Bartoks Rumänische Tänze für Violine und Klavier bilden den nächsten Block, mal besinnlich oder gar traurig, dann wieder Volksfeststimmung ausstrahlend. Nun wird Hope persönlich. Bei seinem letzten Konzert mit Yehudi Menuhin 1999 sei das „Kaddisch“ von Maurice Ravel als Zugabe erklungen, ein jüdisches Totengebet. Fünf Tage später sei Menuhin gestorben. Klagend erklingt dieses Lied für Verstorbene in der Gollan-Werft.

Ein Nachtkonzert mit Musik aus Ost und West

Die indischen Musiker haben leise wieder ihre Plätze eingenommen. Die Klagelaute der Geige nimmt Gaurav Mazumdar mit der Sitar auf, und noch einmal verbinden sich Ost und West, ohne ineinander aufzugehen. „A Night of Hope“ hatte der Gastgeber die Konzerte überschrieben. Ob Musik Hoffnung bietet – darüber sollte offenbar nachgedacht werden. Der letzte Ton des zweiten Konzertes verklang exakt eine Viertelstunde vor Mitternacht. Das Abendprogramm war zum Nachtkonzert geworden.

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Konrad Dittrich