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Kultur im Norden András Schiff: Sternstunde mit Bach
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17:19 18.07.2019
Erfasst wie kaum ein anderer den Geist eines musikalischen Kunstwerkes: der gebürtige Ungar Sir András Schiff. Quelle: Erhard Brüggemann
Lübeck

Johann Sebastian Bachs zweiteiliger Zyklus „Das wohltemperierte Klavier“ ist ein Meilenstein der Musikgeschichte. Beide Teile des Werkes bestehen aus je 24 Präludien und Fugen in allen Tonarten – von C-Dur bis hin zu h-Moll. Allein der harmonische Reichtum dieser Komposition ist kaum zu beschreiben, auch die Formen und melodischen Konzepte sind in ihrer Vielfalt kaum zu übersehen.

András Schiff, der Ausnahmepianist, widmete sich in seinem Konzert in der MuK dem zweiten Teil des „Wohltemperierten Klaviers“. Und er zeigte vor allem eines auf: Bachs Werk ist weitaus mehr als eine bloße Handreichung für Klavierspieler, es ist auch weit mehr als eine Aneinanderreihung von Stücken in aufsteigender chromatischer Reihe. „Das wohltemperierte Klavier“ ist höchste Kunst, von großer poetischer Kraft geprägt.

Winzige Details

Schon allein die Art, wie András Schiff die Bühne betrat und sich hinter dem Flügel verbeugte, zeigte einen Künstler, der die eigene Person hinter das Werk stellt. Unprätentiös und sachlich spielte er diese Tour de Force durch den Quintenzirkel. Es waren winzige Details, die diese Interpretation so einzigartig machten. Subtilste Accelerandi und Ritardandi erzeugten größte Wirkung, ebenso die feinen dynamischen Abstufungen. Immer blieb die Struktur der Präludien und der Fugen erkennbar, András Schiffs Bach wirkte umso authentischer.

Schiff ist kein Pianist, der sich der historisch informierten Aufführungspraxis verschrieben hat. Er spielt auf einem modernen Flügel, und das hätte Bach wohl auch getan, wenn ihm ein solches Instrument zur Verfügung gestanden hätte. Was dieser Pianist jedoch kann wie kaum ein anderer, ist, den Geist eines musikalischen Kunstwerkes zu erfassen und in Klänge zu transformieren. Niemand weiß, wie Bach seine Instrumente „temperiert“ (gestimmt) hat, man kann nur vermuten, dass die Intervalle zwischen den Halbtönen nicht so exakt bestimmt waren wie heutzutage bei modernen Klavieren. Tonarten hatten deshalb zu Bachs Zeiten weitaus mehr Charakteristika als in unseren Tagen – umso erstaunlicher ist, wie András Schiff es gelingt, den unterschiedlichen Charakter etwa von Cis-Dur und h-Moll aufzuzeigen.

Zugabe nach drei Stunden

Diese harmonische Reise durch das Bach’sche Universum war eine hochemotionale Angelegenheit, packend von der ersten bis zur letzten Note. Bachs Genius schwebte sozusagen über András Schiff und dessen Flügel. Diese Offenbarung des Innerlichsten, was Musik überhaupt leisten kann, ließ wohl niemanden im sehr gut besuchten Konzertsaal unberührt. Am Ende gab es minutenlangen Jubel und Ovationen im Stehen, der Meister gewährte nach fast drei Stunden noch ein Präludium und eine Fuge als Zugabe.

Zeuge eines solchen musikalischen Ereignisses wird man nur selten – wer dabei war, darf sich glücklich schätzen. Wegen der Musik von Johann Sebastian Bach, diesem der Menschheit unverdienterweise zugekommenen Genie. Und wegen der hohen Kunst von András Schiff – ein Abend, den man in Erinnerung behalten wird.

Jürgen Feldhoff

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