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Kultur im Norden Sarah Connor in Hamburg zwischen Kitsch und Kult
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18:34 30.10.2019
„Legt doch mal die Handys weg, ich will in eure Gesichter sehen, ihr seid so schön“: Sarah Connor in Hamburg. Quelle: Public Address
Hamburg

Am Anfang droht die Drohne. Da das Konzert in der Hamburger Barclay Card Arena für eine spätere DVD aufgezeichnet werde, frotzelt ein Ansager vor Showbeginn, solle man sich genau überlegen, neben welchem Gast man vielleicht nicht gesehen werden wolle und sich schnell entsprechend umsetzen. „Wer heute die Schule oder Arbeit schwänzt, sieht alt aus“, bekräftigt die Künstlerin ein wenig später selbst. Kein Grund zur inneren Versteifung laut Connor: „Wir spacken trotzdem richtig ab!“ Im Volksparkstadion gegenüber, in dem auch Helene Fischer ihre Stadiontour im letzten Jahr für eine TV-Ausstrahlung mitfilmen ließ, bemüht sich derweil parallel der HSV gegen die Kicker aus Stuttgart. Sarah Connor hingegen schafft es, dank der Kraft ihrer ureigenen „Herzkraftwerke“, die 11 000 Fans zu mobilisieren, darunter Shootingstar Max Giesinger.

„Keiner pisst in mein Revier“

„Keiner pisst in mein Revier“ singt die 39-Jährige im Opener, nachdem sie den Katakomben der Bühne entstiegen ist. Gewagt hätte das ohnehin niemand. Mehrfach betont die Popqueen, mutmaßlich die anstehende DVD -Veröffentlichung im Blick, dass sie im Laufe ihrer Karriere bereits viermal die Hamburger Arena ausverkauft habe. Seit 18 Jahren sei sie nun bereits im Geschäft, Wow und Wahnsinn das alles und ohne die Fans gar nicht möglich. In ihr Album „Herzkraftwerke“ habe sie „so viel Liebe reingesteckt“, sei nach London und Nashville gereist, habe „ganz viele Sachen angehört, mich auch mal zurückgenommen, viel zugehört und alles in kleine Geschichten verpackt“. In den folgenden drei Stunden hören die Fans etliche dieser kleinen, mal routiniert, mal spontan klingenden Anekdoten und Aphorismen. Dass es da textlich und bei den Überleitungen mitunter gern mit an Kitsch kratzendem Pathos zugeht, stört die überwiegend weibliche Fangemeinde nicht. Auch wenn man im Laufe des Abends in einige angestrengt blickende Gesichter blickt. Die in Hamburg und Delmenhorst aufgewachsene Wahlberlinerin präsentiert sich lässig-gereift mit breitkrempigem Schlapphut und Lederschlaghose. Stolze 20 Musiker und Sängerinnen, inklusive Streichersextett und farbigem Gospelchor, unterstützen die blonde Künstlerin, die 2001 mit dem lasziven „Let’ s get back to bed, boy“ erstmals die Charts eroberte und im Jahr darauf mit einem Hauch von Nichts als Unterwäsche in „Wetten dass“ beim Vortrag der Ballade „From Sarah with love“ für einen Medienskandal sorgte.

Gänsehaut bei „Flugzeuge aus Papier“

In „Hör auf deinen Bauch“ wird das oftmals allzu lethargische Fußvolk aufgefordert, sich öfter mal auf die Dächer der Stadt zu stellen und laut zu singen. In „Ruiniert“ singt Connor zu roten Luftballons auf der LED-Wand gegen „Panzer und AFD-Idioten“, genießt den erwartbaren Zwischenapplaus und beteuert, sich als vierfache Mutter oft Gedanken zu machen, wohin die Gesellschaft driftet. Um die Antworten auf brennende Fragen der Zeit zu bekommen, müsse man hin und wieder „die richtigen Fragen stellen“. Die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören kann man bei „Flugzeuge aus Papier“, einer gehauchten Ballade, zu der Connor durch den Tod eines zweijährigen Mädchens inspiriert wurde, das im Pool einer Nachbarin ertrank. In „ Das Leben ist schön“ zelebriert sie tränendrüsíg die eigene imaginierte Beerdigung. Statt gesungener „Hallelujah“-Chöre, fordert das lyrische Ich, sollten die Gäste mit einem Drink in der Hand am Grab feiern.Ihre englischsprachigen Nummer-eins-Balladen „Living to love you“, „Music is the key“ und „From Sarah with love“ sowie die Discostampfer „Bounce“ und „From Zero to Hero“ werden in Medleys und in neuen Arrangements dargeboten. Da darf auch „The Impossible Dream“ aus dem Musical „La Mancha“ nicht fehlen, das Connor auf ihrem Coveralbum „Soulicious“ 2007 eingespielt hatte.

Authentisch und lebensweise

Während Exmann Marc Terenzi mittlerweile auf Schützenfesten auftritt, hat die Halbamerikanerin in ihrer Karriere alles richtig gemacht. Durch langjährige Konzertroutine, beeindruckende Verkäufe von Tonträgern, die eine oder andere schlagzeilenträchtig überwundene Krise und das zielgerichtete Entern einer neuen Zielgruppe mit deutschsprachigen Texten auf dem Album „Muttersprache“ hat sich Connor ein Standing erarbeitet, durch das sie als authentisch und nachgerade lebensweise gilt. Das zeigt sich auch beim Hamburger Konzert.

Viele Herzschmerz-Momente

Da werden Kinder mit einem Glitzertransparent auf die Laufstegbühne geholt und geherzt, mit Henning Wehland zu „Bonnie und Clyde“ gerockt, die eigene Tochter am Bühnenrand begrüßt und immer mal wieder ein Tränchen der Rührung verdrückt. Bei „Vincent“ mit seiner Botschaft gegen Homophobie darf es dann eine zehnminütige Gospelversion sein, im Verlauf derer sich Connor geschmeidig wie eine Raubkatze auf dem Boden wälzt. „Legt doch mal die Handys weg, ich will in eure Gesichter sehen, ihr seid so schön!“, beteuert die Popdiva. „Wie schön du bist“ erklingt dann auch passenderweise zum Finale der an (kalkulierten) Herzschmerz-Momenten nicht gerade krankenden Show.

Von Alexander Bösch

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