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18:10 15.08.2018
Berlin

Das Reclam-Bändchen „Brief mit blauem Siegel“ war einst der erfolgreichste Lyriktitel in der DDR. Auf den rund 130 Seiten des mittlerweile vergilbten Taschenbuchs offenbart Reiner Kunze seine Sicht auf ganz alltägliche Dinge und Empfindungen. In unverwechselbarer Tonlage und freien Rhythmen beschreibt er den ersten Frühlingstag oder die Brücken von Budapest, erinnert an seine Thüringer Wahlheimat Greiz und erzählt von böhmischen Nachbarn.

Genauer Beobachter und sensibler Chronist: Der Schriftsteller Reiner Kunze wird 85 Jahre alt. Quelle: Foto: Imago

Das unscheinbare Büchlein machte den Lyriker, der heute im bayerischen Obernzell sein 85. Lebensjahr vollendet, in der DDR zum Geheimtipp. Vor allem junge Leser fanden ihre Lebenswelten wieder, etwa in der Beschreibung eines Minirocks „Zwanzig zentimeter überm knie, unter dem die luft der trottoire/vibriert vom geläut/der kurzen glocken“. Oder in der Aufforderung „Jugend in den Pfarrgarten“, die Kunze leicht ironisch mit der biblischen Himmelfahrtsgeschichte verknüpft: Der „rauch der rostbratwürste“ zeige immerhin den Weg.

Unter dem wachsenden Druck

selbst die Ausreise beantragt

Was damals jedoch nur Insider wussten: Als die Gedichte 1973 erschienen, war der Autor schon seit fünf Jahren im Visier der Staatssicherheit. Kunzes Stasi-Akte beginnt mit seiner Kritik an der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und reicht bis zur Übersiedlung mit seiner Frau Elisabeth ins Passauer Land im Frühjahr 1977. Bis dahin sah er sich und sein privates Umfeld seitens der „Sicherheitsorgane“ der DDR massiven „Zersetzungsmaßnahmen“ ausgesetzt. Die dazu gesammelten Berichte der Behörden hat Kunze später selbst ausführlich dokumentiert. Die Lektüre des Bandes „Deckname ,Lyrik’“ bietet gleichermaßen ernüchternde wie erschreckende Innenansichten aus dem sogenannten „Leseland DDR“. Dabei war Kunze ursprünglich alles andere als ein Dissident.

Als Bergarbeitersohn 1933 in Oelsnitz im Erzgebirge geboren, studierte er von 1951 bis 1955 an der Fakultät für Journalistik in Leipzig, damals bekannt als „Rotes Kloster“. Für seine frühen Gedichte war es ihm mit dem programmatischen Titel „Die Zukunft sitzt am Tische“ durchaus ernst. Die Universitätslaufbahn des SED-Mitglieds Kunze endete jedoch 1959 kurz vor der Promotion wegen „konterrevolutionärer Verbindungen“. Zunächst arbeitete er in einem DDR-Produktionsbetrieb, bevor er sich ab 1962 als freier Schriftsteller im ostthüringischen Greiz niederließ. Nunmehr schrieb er nicht mehr von einer lichten sozialistischen Zukunft im Kollektiv von „neuen Menschen“, sondern Texte, die Individualität betonten. „Sensible Wege“, wie der 1969 im Westen veröffentlichte Gedichtband hieß, sollten für Kunze so etwas wie ein Markenzeichen werden. Die Prosa-Miniaturen „Die wunderbaren Jahre“ über Kindheit und Jugend im DDR-System sorgten nach dem Erscheinen 1976 im Westen für große Betroffenheit – und in der DDR für den endgültigen Rausschmiss Kunzes aus dem Ost-Berliner Schriftstellerverband, was praktisch Berufsverbot bedeutete. Als drei Jahre später die „Wunderbaren Jahre“ via Westfernsehen in ostdeutsche Wohnzimmer kamen, lebten die Kunzes bereits in Bayern. Sie hatten nach dem Protest gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 unter dem wachsenden Druck selbst die Ausreise beantragt.

Auch in der neuen Umgebung blieb Kunze genauer Beobachter und sensibler Chronist. Darüber hinaus machte er sich einen Namen mit Übertragungen von tschechischer Lyrik. Seine literarische Arbeit wurde vielfach geehrt, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis und mehreren Auszeichnungen aus Tschechien. Doch nicht wenige nahmen Kunze seine unversöhnliche Haltung gegenüber kommunistischen Regimes übel. Umso wichtiger wurde ihm das Bewahren der Erinnerung an die dunklen Seiten der europäischen Nachkriegsgeschichte. Diesem Anliegen widmet sich auch die 2006 gegründete „Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung“, die sich in Obernzell „für eine Stätte der Zeitzeugenschaft und einen Ort des Schönen“ engagiert. Das Wohnhaus soll zu einem Ausstellungshaus über den „Hintergrund der Bücher“ werden. Schwerpunkt sei „das Erlebte, aus dem die Bücher hervorgegangen sind“, beschreibt Kunze seine Intention. Künftige Besucher sollen so bestärkt werden in der Ablehnung totalitärer Gesellschaftsentwürfe und ideologischer Indoktrination.

Neuer Gedichtband

Zum Geburtstag ist – nach zehn Jahren – ein neuer Gedichtband erschienen. Die 42 knapp gehaltenen Verse sind zwischen 2002 und 2017 entstanden und zum Teil eine Rückschau auf sein Leben, nicht im Zorn. In den fünf Abteilungen finden sich auch Erinnerungen an Orte wie Helsinki und Porto sowie Verneigungen vor anderen Dichtern. Auch den Tod thematisiert Kunze. In dem Gedicht „Fern kann er nicht mehr sein“ heißt es: „Noch dämmert er,/ der neue tag/ Doch sag ich, ehe ich's/ nicht mehr vermag:/ Lebt wohl!/ Verneigt vor alten bäumen euch,/ und grüßt mir alles schöne“. Ein berührendes Vermächtnis.

Reiner Kunze: die stunde mit dir selbst. Gedichte, S. Fischer Verlag, 70 Seiten, 18 Euro,

LN

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