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Kultur im Norden Sex und Macht in Bonn
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16:33 13.03.2019
Freude über den Wahlsieg 1972: Willy Brandt (r.) mit SPD-Wahlhelfer Günter Grass, Bundesaußenminister Walter Scheel von der FDP und dem Vorsitzenden der Jungsozialisten, Wolfgang Roth (v. l.) am Wahlabend in Bonn. Die SPD wurde erstmals stärkste Partei im Bundestag. Quelle: dpa
Berlin

Wir haben das Knarzen seiner brüchigen Stimme noch in den Ohren. 1972 erlebt Willy Brandt einen Erfolg. Er wird mit überwältigender Mehrheit zum Kanzler der Bundesrepublik gewählt und regiert mit der FDP. Aber er hat viele Feinde, die schärfsten in den eigenen Reihen, sie heißen Helmut Schmidt, Herbert Wehner oder Horst Ehmke. Während den abgehängten konservativen nur das Lästern bleibt und das Sinnen auf Rache.

Der Wahlkampf war brutal, Brandt zog monatelang durch Bundesländer des Westens, fuhr im Sonderzug mit Journalisten, seine Statements wurden erwartet. Nach dem Siegestag ist seine Stimme fast kaputt, er wird an den Stimmbändern operiert, soll sich schonen. Aber wie soll das gehen? Ein Bundeskanzler muss Reden halten, das Volk will ihn hören und sehen im Fernsehen.

Brigitte Glaser (63), zunächst als Krimiautorin und mit Jugendbüchern bekannt geworden, gelang 2016 mit dem Roman „Bühlerhöhe“ über die Adenauer-Epoche ein Bestseller. Jetzt ist sie mit „Rheinblick“ wieder in die Bonner Republik zurückgekehrt. In eine Zeit mit viel Biederkeit und Muff, aber hochspannend wegen der Überschaubarkeit des Milieus und interner Einblicke in das politische Leben. Als gewiefte schriftstellerische Handwerkerin hat die Autorin Menschliches und allzu Menschliches in einem abwechslungsreichen Kapitel-Potpourri zusammengeführt. Es geht um eine Zeit des Umbruchs und neuer Werte, eine bewegte Periode, in der die Bildungspolitik neu definiert wurde und Frauen ihre Rechte einforderten.

Es ist ein Unterhaltungsroman, aber die Lektüre lohnt sich, denn Glaser kann Stimmungen und vor allem Menschen beschreiben. Die studierte Sozialpädagogin, später Journalistin, bevor sie Schriftstellerin wurde, schaut tief in menschliche Gefühlswelten. Diese Tiefenschau und die Rasanz des Romans, die ansprechenden Dialoge, sorgen für ein Lesevergnügen, das auch in Erinnerung bleibt.

Verrat, Loyalität und Liebe. Darum geht es in den drei ineinander verflochtenen Geschichten. Beim „Rheinblick“ handelt es sich um das etablierte Lokal der Bonner Politiker. Die Prominenz der Vertreter der Regierung, Mitarbeiter und vielwissendes weibliches Personal in Assistenzfunktion verquirlt sich hier. Geführt wird das Restaurant, in dem Kölsch in Mengen ausgeschenkt wird, dazu Pichelsteiner, Dujardin und viel Kaffee, von Hilde Kessel. Die nicht mehr ganz junge Witwe ist ein Vorbild der Diskretion: Sie hört viel, weiß viel mehr als die meisten anderen, gibt aber nichts davon preis. Allerdings ist sie erpressbar. Wegen ihrer finanziellen Notlage, ihr verstorbener Mann hat zu üppig über Darlehen investiert, und ihrer Liebessehnsucht. Hilde ist in eine Affäre mit einem Bundestagsabgeordneten gestrudelt, das Kind, das bereits gezeugt war, hat sie verloren. Die resolute Chefin ist angeschlagen.

In der zweiten Geschichte geht es um Willy Brandts Logopädin. Sonja soll dem Kanzler zu einer neuen Sprach- und Strahlkraft verhelfen, doch der Mann ist ein bockiger Fall, der sich lange nicht auf seine Helferin und ihre Heilmethoden einlässt. Kein Wunder, er steckt in der schwierigen Phase der Koalitionsverhandlungen, die Rekonvaleszenz kommt zur falschen Zeit.

Dazwischen hat die Autorin die Geschichte von Lotti geschoben. Eine junge Journalistin aus dem badischen Offenburg, die für eine Reportage nach Bonn reist, in einer WG wohnt und für ihre Zeitung den seinerzeit noch jungen, unbekannten Bundestagsabgeordneten Wolfgang Schäuble begleiten soll. Allerdings gerät sie in das Drama eines jungen Mädchens hinein, das vergewaltigt und ermordet wurde. Eine ganz traurige Geschichte.

Krimi, Action- und Liebesroman. Brigitte Glaser hat alles dicht vermengt, sie arbeitet mit viel Lokalkolorit und viel Faktenmaterial aus der Zeit, die für viele Bundesbürger, die sie miterlebten, eine des Aufbruchs war. Wählern konservativer Parteien wird es bisweilen eine Plage sein, viel von den Ränkespielen der Sozialdemokraten um die Macht zu erfahren. Die Ostpolitik spielt hinein, der Vietnamkrieg, die Studentenunruhen. Aber die Autorin ist souverän, weiß vor allem zwischen Loyalität und Verrat zu unterscheiden und schildert ausgesprochen dynamisch den bewegten parlamentarischen Betrieb. Sie kann Charaktere schildern und bettet sie ein in die kleine Hauptstadt, von der aus lange das Land geführt wurde.

Sex und Bonn. Das hat man nicht so im Hinterkopf. Die Kommunarden, die Lotti und Sonja kennen lernen, wollen Frauen, mit denen sie Sex haben, Butter in den Hintern reiben. So wie Marlon Brando es im Film „Der letzte Tango“ bei Maria Schneider tat. Man erfährt in diesem Buch viel über die Alltage in den frühen Siebzigern und emotionale Verstrickungen. In Bonn hatten nicht alle nur Pfeffer im Hintern.

Brigitte Glaser: „Rheinblick.“ List, Berlin, 432 S., 20 €

Roland Mischke

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