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Kultur im Norden Shakespeare mit viel Testosteron
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16:41 25.03.2019
Wie antike Statuen: Das  Ensemble agiert virtuos auf dem schmalen Grat eines goldglänzenden Dreiecks, das sich wie eine Waage nach links oder rechts neigt.
Wie antike Statuen: Das Ensemble agiert virtuos auf dem schmalen Grat eines goldglänzenden Dreiecks, das sich wie eine Waage nach links oder rechts neigt. Quelle: Markus Scholz
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Hamburg

William Shakespeares Dramenwelt wird bevölkert und dominiert von Figuren, die machtgierig sind, oft bösartig und demagogisch, zuweilen gewalttätig, immer aber: männlich. Regisseur Stefan Bachmann lässt daran keinen Zweifel: Seine Shakespeare-Charaktere stellen den Männlichkeitskult ganz offen zur Schau — mit Penissen wie man sie von antiken Statuen kennt. Überhaupt sehen die Männer zu Beginn aus wie aus Marmor gehauen, selbst ihre Posen sind die von Standbildern. Wir befinden uns schließlich im alten Rom.

Viel Witz und Ironie

„Rom“ ist auch der Titel dieser großen Shakespeare-Inszenierung am Hamburger Thalia-Theater. Bachmann, Intendant am Kölner Schauspiel, aber oft auf anderen großen Bühnen im deutschsprachigen Raum unterwegs, hat John von Düffels Version der drei Shakespeare­Stücke „Coriolan“, „Julius Cäsar“ und „Antonius und Cleopatra“ auf die Bühne gebracht, ein politisches Panorama über den Triumph von Despoten und Populisten über Plebejer und Demokratie, über Allianzen und Liebesbande. Und das mit einer großen Portion Witz und Ironie.

Alle Rollen sind mit Männern besetzt

Und weil es Bachmann um die Darstellung von „toxischer Maskulinität“ geht (ein Begriff aus der Soziologie für die Wirkung von Testosteron: Imponiergehabe, Kampfverhalten, Begattungsdrang), nutzt er einen Rückgriff auf die Aufführungspraxis der Shakespeare-Zeit: Alle Rollen sind mit männlichen Schauspielern besetzt. Zum Beispiel in der ersten Szene – da säugt Volumnia ihren Sohn Cajus Marcius Coriolan und dessen Konkurrenten Auffidius bis Blut fließt. Die Mutter wird dargestellt vom bärtigen Nicki von Tempelhoff als vielbusige Wölfin, die einst Romulus und Remus, die mythologischen Gründer der Stadt Rom, genährt hat. Coriolan (Thomas Niehaus) und Auffidius (Pascal Houdas) werden sich später wie die Gockel in einem homoerotischen Tanz bekämpfen. Der eine, während einer Hungersnot, als Vertreter des Patriziertums („Die Patrizier schlagen sich die Bäuche voll? Was habt ihr gegen Bäuche?“), der andere als Sozialpolitiker und Volkstribun.

Das Volk in seiner „Schwarmdummheit“

Niehaus ist danach in der Rolle des Julius Cäsar zu sehen, dem Helden vieler Schlachten und Opfer von Verschwörern. Diese sind nun durch glitzernde Business-Anzüge als domestizierte Meute kenntlich gemacht. Wenn ihre steinernen Masken fallen, geht es Cäsar an die Toga. In einer grotesken Szene wie aus einem Stummfilm, von Musik untermalt, bringen die Herren um Brutus (Jirka Zett) den Volkshelden um. Aus Staatsräson. Die Revolutionäre streben nach Freiheit durch Terror. Doch Brutus bleibt in der perfiden Rhetorik des Marcus Antonius (eine Paraderolle für André Szymansky) „ein ehrenwerter Mann“. Das Volk in seiner „Schwarmdummheit“ versteht – und Brutus ist am Ende.

Cleopatra ist sexuell überdreht

Mit „Antonius und Cleopatra“ hat die Zivilisierung der Römer ihren Höhepunkt erreicht. Sie tragen Gewänder mit Boticelli-Prints wie von Versace geschneidert (Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes). Doch der Krieg bleibt ihre bevorzugte Kommunikationsstrategie. Und nun kommt auch eine Frau ins Gewaltspiel – die ägyptische Königin, der Marc Antonius verfallen ist. Sie ist Vertreterin der Liebesmacht, die Männer halten an der Machtliebe fest. Pascal Houdus stellt Cleopatra als launische Diva dar, sexuell überdreht und voller Anmaßung. Pathos und Slapstick bestimmen das Gerangel um Geltung auf einem goldglänzenden Dreieck, das sich wie eine Waage mal auf die eine, mal auf die andere Seite neigt (Bühne: Olaf Altmann). Das gesamte Ensemble agiert virtuos auf seinem schmalen Grat und verliert doch nie das Gespür für den tiefen Shakespeare-Grund, auf dem es seine Späße macht.

Das Spiel kommt zu keinem Ende, auch wenn sich Marc Antonius ins (nur eingebildete) Schwert stürzt. Die Geschichte wird weitergetrieben von nachkommenden Testosteron-Helden, das ist gewiss. Ein großes Klagen über die grausamen Weltläufte ist der vereinsamten Cleopatra vorbehalten.

Weitere Vorstellungen: Do., 28. März., Di., 2., Sa., 6., So., 7. April Karten-Tel.: 040 32 81 44 44; www.thalia-theater.de

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Michael Berger