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Kultur im Norden Sie machen den SHMF-Stars das Leben leicht
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18:33 21.08.2019
Auch Wäsche waschen gehört zum Job der Künstlerbetreuer: Hannah Bregler und Daniel Weth erinnern sich an ihre Einsätze. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Quer über den Dachboden im schicken Lübecker Palais Rantzow, der Schaltzentrale des Schleswig-Holstein Musik Festival, hängen Wäscheleinen mit dunklen Handtüchern und bunten Putztüchern.  Mit den Tüchern wurden die Scheiben der BMW-Fahrzeugflotte poliert, in denen die Stars zu den Konzerten gefahren werden, mit den Handtüchern haben sich wahrscheinlich noch am Vortag die Künstler auf der Bühne den Schweiß von der Stirn getupft.

Die Farbe der Handtücher

„Wichtig ist hier zum Beispiel die Farbe der Handtücher. Jazzer etwa bevorzugen Schwarz“, sagt Daniel Weth, Marketingleiter beim SHMF. Er arbeitete bereits 1996 und 1997 als Künstlerbetreuer beim Festival, war also einer jener guten Geister, die den Künstlern von ihrer Ankunft bis zur Abreise ein Rundum-Sorglos-Paket bieten. Und dazu gehören eben auch saubere Handtücher, die zum Trocknen auf dem Dachboden aufgehängt werden.

Perfekte Vorbereitung ist alles

Was hat so ein Künstlerbetreuer zu tun? „Das beginnt bei dem Anruf im Hotel und der Nachfrage, ob alles perfekt vorbereitet ist. Dann wird der Künstler abgeholt, zum Hotel und später zum Veranstaltungsort gefahren. Und wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, gilt es natürlich zu improvisieren“, sagt Daniel Weth. Er hat Kulturwissenschaften studiert und zunächst in einer Hamburger Agentur gearbeitet, ehe er sich damals als Künstlerbetreuer beim SHMF bewarb.

Traubenzucker, Desinfektionstücher, Kugelschreiber: Notfallset für Künstlerbetreuer. Quelle: Lutz Roessler

Seine Kollegin Hannah Bregler arbeitet heute in der Konzertplanung des Festivals und ist verantwortlich für die Masterclasses und die Musikfeste auf dem Lande. Eigentlich ist die 31-jährige ausgebildete Fagottistin, wollte sich aber umorientieren und entschied sich so, während der beiden Festivalmonate im Sommer 2017 Künstler des SHMF zu betreuen. „Ich war davon ausgegangen, dass beim Vorstellungsgespräch Details rund um das Festival abgefragt würden, deshalb hatte ich die Website in- und auswendig gelernt“, sagt sie, „Aber es lief dann ganz anders: Im Vordergrund stand die große Verantwortung, die wir Künstlerbetreuer zu tragen haben, und die Frage, ob wir uns dem gewachsen fühlen. Im Anschluss folgte dann ein kleiner Fahrtest.“

6000 Kilometer pro Festival quer durchs Land

Das Fahren, gutes Thema. Gut 6000 Kilometer juckelt jeder Künstlerbetreuer im Sommer durchs Land, denn das SHMF-Revier ist groß. „Zu meiner Künstlerbetreuer-Zeit in den 90ern gab es nur in zwei Autos Navigationssysteme. Ich hatte also immer einen Riesenstapel Karten dabei und habe mir vorher die Route immer genau eingeprägt“, sagt Daniel Weth. Aber schon bei seinem ersten Projekt, der Betreuung des Alban Berg Quartett, lief dann doch nicht alles glatt. „Um Haaresbreite hätte ich mich vor Aufregung verfahren, aber letztendlich waren die Musiker wahnsinnig nett und haben mir mit den Karten geholfen, sodass wir rechtzeitig die Insel Föhr erreichten.“ Der Rückweg verlief nicht so glimpflich, da landete Weth mitten im Wald. „Gott sei Dank war ich allein, die Künstler hatten eine Übernachtungsmöglichkeit auf Föhr bekommen.“

Die besten Schleichwege zu 100 Spielstätten

Auch Hannah Bregler ist schon einmal mit ihrer schicken Festival-Limousine auf dem Weg zum Schloss Wotersen auf einem matschigen Waldweg gelandet. „So etwas passiert einfach trotz der vielen Fahrpraxis über die Sommermonate. Kein Wunder, welcher Künstlerbetreuer kennt schon alle unsere über 100 Spielstätten und die besten Schleichwege.“

Kühlen Kopf im Stau bewahren

Die Künstlerbetreuer müssen die Autos jeden Abend zurück nach Lübeck bringen. Nicht selten wird es dabei 2 oder 3 Uhr. „Übermüdet erscheint jedoch keiner am nächsten Morgen“, sagt Hannah Bregler, „es wird streng darauf geachtet, dass die Künstlerbetreuer ihre Ruhezeit von elf Stunden einhalten.“ Schließlich hätten die Betreuer eine große Verantwortung. Sie müssen nicht nur die Stars, sondern auch deren teure Instrumente sicher von A nach B kutschieren. Wenn eine Diva etwa plötzlich mit sechs Koffern für ihre Garderobe anreist, muss eben schnell ein zweites Fahrzeug organisiert werden. Und wenn kurzfristig ein Künstler nach einem Bügeleisen, einem besonderen Getränk oder einem exklusiven Zwischensnack fragt, wird auch das ermöglicht.

Ein typisches Problem in Lübeck: Stau in der Innenstadt. Da kommt es nicht selten vor, dass man vom Radisson Blu Senator Hotel bis zum Dom ganze 40 Minuten braucht. „Klar wäre man in solchen Fällen zu Fuß viel schneller – aber in Abendgarderobe ist das für die Künstler natürlich nicht zu machen“, sagt Daniel Weth. Die meisten Künstler behalten die Ruhe, aber es kommt auch mal vor, dass sie angespannt sind und Sorge haben, zu spät zum Konzert zu kommen. „Dann bekommt man schon mal die Aufforderung, auf dem Seitenstreifen am Stau vorbeizufahren, aber das machen wir natürlich nicht, wir brechen keine Gesetze und Regeln.“

Diskretion ist Ehrensache

 Namen verraten die beiden natürlich nicht – Diskretion gehört zur Jobanforderung, ebenso wie Improvisationstalent. Denn besorgt werden muss oft irgendwas. „Dass plötzlich schwarze Socken fehlen, ist ein echter Klassiker, aber die gibt’s in jedem Supermarkt“, sagt Hannah Bregler. Einmal hat sie einer Künstlerin auch geistesgegenwärtig ihre eigenen Socken geborgt. Kontrabässe gibt’s nicht im Supermarkt. Gut, dass es in Lübeck die Musikhochschule gibt – so konnte einem Künstler, der tatsächlich sein Instrument vergessen hatte, geholfen werden. Auch kleine Teppiche für Cellisten oder Leselampen sind gern georderte und dringend notwendige Accessoires.

Ganz nah an den Künstlern

 Keiner kommt den Stars so nah wie die Künstlerbetreuer – entwickeln sich dabei auch echte Freundschaften? „Ich habe vor zwei Jahren den ganzen Sommer den Mandolinisten Avi Avital betreut, der als Porträtkünstler 20 Konzerte gegeben hat. Er hat mit seiner Familie über die beiden Festivalmonate hinweg in Lübeck gewohnt. In dieser Zeit war ich ein paar Mal zum Essen eingeladen, das war schon ein sehr herzliches Verhältnis“, erzählt Hannah Bregler. Daniel Weth erinnert sich an eine enge Verbindung zum 2018 verstorbenen Irwin Gage. Der amerikanische Pianist war für ein Konzert fünf Tage lang in Lübeck. „Er war damals sehr krank. Ich habe ihn zum Essen oder ins Kino begleitet, daraus ist eine Freundschaft entstanden“, sagt Daniel Weth. Doch das seien die Ausnahmen, meist ist einfach zu wenig Zeit zwischen Hotel, Probe und Konzert.

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Nicht nur Hannah Bregler und Daniel Weth haben als Künstlerbetreuer beim Festival angefangen. Insgesamt zehn ehemalige Saisonkräfte sind heute Bestandteil des festen SHMF-Teams: „Wer den Job als Betreuer gut gemacht hat, weiß ganz genau, wie der Festivalkosmos funktioniert und wird als Bewerber sehr gerne genommen, wenn eine Stelle zu besetzen ist“, sagt Weth. Wer würde vermuten, dass das Waschen von Handtüchern und Putzlappen der Beginn von wunderbaren Karrieren sein kann.

Von Petra Haase

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