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Kultur im Norden Skulpturen von Pierre Schumann in Groß Grönau
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08:00 22.06.2019
Pierre Schumann ist nach Italien gefahren und hat sich in den Steinbrüchen von Carrara selbst die Blöcke ausgesucht. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Groß Grönau

Im Eingangsbereich haben die Galeristen Müller und Petzinna einen kleinen Altar aufgebaut: Er ist bestückt mit Hammer und Meißel, Arbeitshandschuhen, einer Schutzbrille, einem Strohhut und einem Porträt aus Bronze. Es zeigt Pierre Schumann (1917-2011). In Groß Grönau ist ab dem 23. Juni eine umfangreiche Retrospektive des vielfach ausgezeichneten schleswig-holsteinischen Bildhauers zu sehen: Gut 60 überwiegend figurative Arbeiten dokumentieren das Schaffen des großen Künstlers vom Land zwischen des Meeren. Unter den Skulpturen sind einige Unikate, die der gebürtige Dithmarscher zu Lebzeiten nie verkaufen wollte.

Eine seiner eindrucksvollsten Arbeiten steht jetzt im Groß Grönauer Skulpturengarten: „Madre Universale“, entstanden 1964. Diese Urmutter ist eine stilisierte meterhohe Frauenfigur aus Zebrino Marmor mit einem kugelrunden schwangeren Bauch. „Mein Vater hat erzählt, dass er sich von diesem Marmorbrocken wie magisch angezogen fühlte“, sagt seine Tochter Elisabeth Schumann. Die Maserung des glatten Steins folgt wie mit dem Pinsel in dunklere Farbe nachgezogen den sanften Rundungen des weiblichen Körpers.

Vor acht Jahren in Eutin gestorben

Das bevorzugte Material Pierre Schumanns ist Marmor. „Er ist persönlich in die Steinbrüche von Carrara gegangen und hat sich die Blöcke ausgesucht“, berichtet seine Tochter. Die Zweitjüngste seiner fünf Kinder kümmert sich um den künstlerischen Nachlass des Vaters. Dieser ist vor acht Jahren im Alter von 94 Jahren in Eutin verstorben.

In Sagau bei Eutin lebte Pierre Schumann seit 1973, hatte sich dort eine alte Schule zum Wohnen und Arbeiten umgebaut. „Ich höre noch das ‚Tok, Tok’, wenn sein Hammer auf Stein traf“, erinnert sich die heute 67-Jährige an ihre Kindheit. Rückblickend freut sie sich über seine große Offenheit gegenüber Besuchern, die ihm beim Arbeiten über die Schulter blickten.

Pierre Schuhmann wurde als 22-Jähriger eingezogen, kämpfte als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Polen, Frankreich und an der Ostfront bis zum Ende des Krieges. „Gegen dieses Schreckliche, was er erlebt hat, wollte er mit seiner Kunst etwas Schönes setzen“, sagt Elisabeth Schumann. Bereits vor dem Krieg hatte Pierre Schumann eine Steinmetzlehre begonnen, studierte von 1947 bis 1949 in Hamburg an der Hochschule für Bildende Künste und anschließend an der Kunstakademie in Stuttgart.

Sechs Möwen

Das Schöne sah der Bildhauer in den Tieren seiner Heimat Schleswig-Holstein: Er brachte Möwen aus Marmor und Bronze zum Fliegen, Fische zum Schwimmen. Sein Dithmarscher Stier strotzt vor Kraft. Die kleinste seiner Skulpturen ist wenige Zentimeter groß, die größte drei Meter hoch und ebenso breit: In weißen Marmor steht eine Möwenkomposition in Neustadt in Holstein auf der Kunstmeile. In Bronze mit goldbrauner Patina ist die „Komposition sechs Möwen“ in der Galerie Müller & Petzinna zu sehen.

Das Schöne sah Pierre Schumann auch in den Menschen seiner unmittelbaren Umgebung: 19 Jahre jung war er, als er das Porträt „Alter Schleswiger Schäfer“ aus weißem Marmor schuf, eines der Unikate, an denen er zeitlebens hing. Er gestaltete Liebespaare und Frauenfiguren – anmutig Liegende und Stehende. Viele Male variierte er das Thema „Madonna mit Kind“, wohl auch inspiriert von den Schwangerschaften ihrer Mutter, mutmaßt die Tochter. Sie wird bei der Ausstellungseröffnung einen Einblick in das Leben und Werk ihres Vaters geben.

Pendler zwischen Italien und dem Norden

Seit 1963 pendelte Pierre Schumann zwischen Italien und Norddeutschland hin und her. In Carrara besaß der Künstler eine kleine Wohnung und konnte bei einem Freund arbeiten, der eine Marmorwerkstatt am Hafen hatte. Der Bildhauer gewann in Schleswig-Holstein zahlreiche Wettbewerbe, seine Kunst-am-Bau-Arbeiten sind in der ganzen Region zu entdecken.

Beispielsweise steht auf dem Gelände der jetzigen Technischen Hochschule in Lübeck eine Freiplastik aus Stahlrohren und Blechen sowie die Arbeit „Architektonischer Vogelturm“ auf dem Campus des Universitätsklinikum. In Bad Schwartau wartet seine Familie aus Marmor vor dem Standesamt, in Eutin sind knapp ein Dutzend seiner Werke auf öffentlichen Plätzen zu sehen. In seiner italienischen Wahlheimatstadt gewann er 1969 den 1. Preis auf der „Internationalen Biennale für Skulpturen“ in Carrara für seine „Madonna Nera“ aus schwarzem Marmor. Sein berühmter Bildhauer-Kollegen Henry Moore sagte damals voller Wertschätzung, Pierre Schumann sei hier mit den besten Skulpturen vertreten.

Info: Vernissage Pierre Schumann (1917-2011) Retrospektive, Müller & Petzinna, Groß Grönau, Sonntag, 23. Juni, 14 Uhr

Dorothea Kurz-Kohnert

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