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Kultur im Norden So klingt Neil Young im Thalia-Theater Hamburg
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14:04 18.11.2019
Das Thalia Theater Hamburg bringt Navid Kermanis Buch über Neil Young auf die Bühne. Quelle: Armin Smailovic
Hamburg

Die Drehbühne im Hamburger Thalia-Theater lässt einen nächtlichen deutschen Mischwald mit Unterholz kreisen. Oder einen Park, in dem eine deutsche Straßenlaterne, ein deutscher Papierkorb, eine deutsche Parkbank und Musikinstrumentarium zu ahnen sind. Aus dem Dickicht schälen sich nach und nach einige Gestalten, allesamt wie Repräsentanten des nordamerikanischen Hinterwäldlertums kostümiert – Fernfahrer, Holzfäller, Redneck, allesamt Kerle. Und sie singen mehrstimmig nur zwei Silben: „Tonight!“

Diese Töne bilden den Auftakt zu Neil Youngs Song „Tonight’s The Night“ und den Auftakt zum Theaterabend „Die Nacht der von Neil Young Getöteten“ nach einem Buch von Navid Kermani. Regisseur Sebastian Nübling hat daraus ein Konzertstück gemacht, in dem Schauspieler und Theatermusiker (Felix Knopp, Thomas Niehaus, Merlin Sandmeyer, Gabriela Maria Schmeide, Maja Schöne, Cathérine Seifert und Carolina Bigge) einige Lieder des Kanadiers intonieren, meist schöner als die Originalversionen, und Kermanis Texte über seine Verbindung mit dem Songschreiber szenisch referieren.

Auch weibliche Darsteller verkörpern weiße Kerls-Kultur.

Ausgezeichnter Navid Kermani

Navid Kermani, das muss man wissen, ist ein deutscher Großintellektueller. Er hat fast sämtliche Auszeichnungen für angestrengtes Denken und anspruchsvolles Schreiben bekommen, die der deutsche Ehrenmarkt hergibt.

Der bedeutendste, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, wurde ihm 2015 verliehen, für seine „Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens“.

Der Titel von Kermanis 2002 erschienenem Buch „Die Nacht der von Neil Young Getöteten“ ist ebenfalls ganz und gar friedlicher Natur und enthält den Nachweis, dass sich der Mann auch in den Niederungen der Popkultur auskennt.

Er ist vom Schaffen Youngs so begeistert, dass er es gleichsetzt mit der Schönheit des Korans, über den er promoviert hat.

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Tochter dank Neil Young beruhigt

Er kenne eine mystische Handschrift, hat Kermani des öfteren gesagt, „Das Buch der vom Koran Getöteten“, in dem von Gläubigen berichtet würde, die angesichts der ästhetischen Qualität der heiligen Schrift des Islams ihr Leben aushauchten.

Und dann kann er noch von einer beglückenden Erfahrung berichten, die ihm die Musik Youngs beschert hat: Als seine neugeborene Tochter an Dreimonatskoliken litt, konnten sie sehr laut verabreichte Young-Songs wie „Last Trip To Tulsa“ oder eben „Tonight’s The Night“ von ihrem Leiden erlösen.

Der kanadische Sänger Neil Young –hier 2016 beim Roskilde-Festival im dänischen Roskilde. Quelle: dpa

Und so sammeln sich auf der Lichtung zwischen den Gehölzen der Thalia-Bühne die Hillbilly-Gestalten um einen Kinderwagen, aus dem Geschrei ertönt, und besingen einen Säugling mit melancholischen Strophen von Heimweh und Fernweh, die bei Young ohnehin zwei Saiten einer Gitarre sind.

Dazu referieren sie essayistische Kermani-Sätze, etwa: „Was, wenn nicht die Blähungen seiner Tochter, sollte einen Vater beunruhigen, nicht weil er sich ernstlich um ihre Gesundheit sorgte, sondern vielmehr weil er das Elend alles Irdischen in ihr zappelnd verkörpert sieht?“

Das Elend der Welt sei auch Neil Youngs Antrieb, vermerkt der Autor, als Umweltschützer, politischer Kopf des Folk-Pop, als Philosoph der ländlichen Idyllen und als Fremdenführer bei der Rückkehr ins Paradies. Die Texte des Kanadiers sind allerdings zum Teil verrätselt und zum Teil abstrus.

Was soll man von einem Mann halten, der beklagt, von seiner Liebsten allein gelassen worden zu sein, die er selbst unten am Fluss erschossen hat („Down by the River“)? Navid Kermani ist zu sehr Fan, um sich bei Kleinigkeiten aufzuhalten. Er preist den Sänger noch für dessen Schwächen: „Neil Young hat diese metallene Seite, dieses periodisch auftretende Beharren darauf, sich den Harmonien zu verweigern, für das ich ihm durch alle Auszeiten der Harmlosigkeit hindurch die Treue gehalten habe wie sonst nur dem 1. FC Köln.“

Musik durch Worte hörbar

Kermani ist ein Meister der Sprache, er kann tatsächlich Musik durch Worte hörbar machen, die nicht dem Fachvokabular entstammen. In Regisseur Sebastian Nübling hat er einen weiteren Meister gefunden – den der Bilder.

Schriftsteller Navid Kermani. , Quelle: Oliver Berg/dpa

Die Szenen auf der Bühne, die sich weiter wie von einem Uhrwerk angetrieben dreht, verändern sich unmerklich und ohne Hast. Die ohnehin wuchtige Gabriela Maria Schmeide tapert im Fatsuit durchs Gehölz, den Beat von „Pocahontas“ aufnehmend.

Mondsüchtig und verliebt in Wiederholungen stolpern die Sänger samt Gitarren von einem Lied zum nächsten, auch noch, als ein Sturm Plastiktüten über das Biotop verteilt. Leider ist der Abend mit mehr als zwei Stunden ein wenig zu lang.

Dabei hatte Neil Young doch die Parole ausgegeben: „It’s better to burn out than to fade away“ (aus dem Song My My, Hey Hey“). Man solle schnell verglühen und nicht langsam verblassen.

„Die Nacht der von Neil Young Getöteten“, Uraufführung am Thalia-Theater Hamburg; weitere Vorstellungen: Di., 19. 11., 20 Uhr, Fr., 29. 11., 19 Uhr, Sa., 30. 11., 15 Uhr; Karten unter theaterkasse@thalia-theater.de oder Tel. 040-32814-444

Von Michael Berger

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