Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Soll man den Gottesdienst abschaffen, Herr Leyendecker?
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Soll man den Gottesdienst abschaffen, Herr Leyendecker?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 30.05.2019
Spärlicher Besuch – in vielen Kirchen ein gewohntes Bild. Quelle: epd
Lübeck

Hans Leyendecker (70) ist einer der renommiertesten deutschen Journalisten . Für den „Spiegel“ und ab 1997 für die „Süddeutsche Zeitung“ war er an der Aufdeckung zahlreicher Affären und Skandale beteiligt. Er ist auch Präsident des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages, der vom 19. bis 23. Juni in Dortmund stattfinden wird. Hans Leyendecker wurde katholisch getauft, ist aber als junger Mann konvertiert und seit gut 50 Jahren in der evangelischen Kirche zuhause.

Sie gehen häufig in die Kirche?

Jeden Sonntag. Seit fast 70 Jahren.

Was gibt Ihnen das?

Kraft. Der Glaube ist für mich immer Halt gewesen. Der Gottesdienst gehört für mich zu meinem Leben.

Manchmal nur 40 Gläubige

Da zählen Sie zu den etwa drei Prozent der Gläubigen, die nach Angaben der EKD noch regelmäßig die Kirche besuchen.

Ich gehe vor allem in den Altenberger Dom, aber auch in andere Kirchen und bekomme mit, dass die Besucher dort weniger werden. Manchmal sind es nur 40 Gläubige, und sie sind in der Regel schon älter. Aber es wird immer ein Kern bleiben.

Kritiker wie der Autor Erik Flügge schlagen vor, den Gottesdienst in der evangelischen Kirche abzuschaffen. Eine gute Idee?

Erik Flügge neigt dazu, die Dinge zuzuspitzen. Sicher, wir brauchen Veränderung und müssen mutiger sein, auch hoffnungsvoller. Und es gibt natürlich Pfarrerinnen und Pfarrer, die sagen: Wir haben schon alles versucht, es bringt doch nichts. Da kann man immer nur eine Bibelstelle empfehlen, Lukas 5, wo Simon sagt: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Eigentlich will er aufhören, nach Hause gehen. Aber auf das Wort Jesu wirft er noch mal die Netze aus, und die platzen. Jetzt werden bei uns in der Kirche sicher nicht die Netze platzen, aber den Gottesdienst einfach ausfallen zu lassen, das ist mit meinem Glauben nicht zusammenzuführen.

„Ein verdammt heidnisches Land“

Aber die Zahlen sind alarmierend: Bis 2060 halbiert sich laut einer Prognose die Zahl der christlichen Kirchenmitglieder.

Ich will das nicht schönreden, aber diese Minderheitenposition bietet auch Chancen. Die Kirche ist ja ein gewaltiger Apparat, der kann kleiner werden. Und Katholiken und Protestanten können über gemeinsame Kirchenhäuser nachdenken. Weniger Gläubige, knapper werdende Finanzen führen vielleicht dazu, dass sich Protestanten und Katholiken stärker auf Gemeinsamkeiten im Glauben besinnen. Ökumene kann auch gelingen. In vielen Kirchengemeinden gelingt sie schon im Alltag. Es wird einen harten Kern geben, der nicht aus Konvention in der Kirche ist, sondern aus Überzeugung. Das kann nicht schlecht sein in einer Situation, in der andere Religionen Deutschland für ein verdammt heidnisches Land halten. Und es werden weiter an Weihnachten und zu Ostern sehr viele Leute in die Kirche gehen. Aber die Kirche muss neue Wege suchen.

Zum Beispiel?

In England hat es Mitte der Neunziger auch eine große Krise gegeben. Da hat sich eine neue Bewegung gegründet und gefragt: Welche Bedürfnisse gibt es vor Ort wirklich? Und wie können wir auf die Menschen mit diesen Bedürfnissen zugehen? Da ist Kreativität gefragt.

Cafés gründen

Das ginge dann mehr in Richtung Sozialarbeit?

Auch. Ich fand es immer gut, wenn Verkündigung und Diakonie vor Ort nach Möglichkeit Hand in Hand gehen. Man kann Familienarbeit stärken, Cafés gründen, solche Dinge. Und es gab viele Ideen, Gemeinde und auch Mission neu zu denken. Wohnzimmer-Gottesdienste, hinein in die Alltagswelt. Und daneben gibt es das Phänomen, dass die Menschen sich von der Kirche abwenden und dennoch immer noch zwei Drittel der Gesellschaft sagen: Ich glaube.

Es gibt offenbar ein Bedürfnis nach Spiritualität, das die Kirche aber nicht befriedigen kann.

Die Gesellschaft ist anders geworden, mobiler. Da trifft die Kirche jenseits der Skandale und der zu sparenden Kirchensteuer ein Zweifel, mit dem sich alle Institutionen konfrontiert sehen: Gewerkschaften, Parteien, Vereine. Und da wird auch nicht zwischen den Konfessionen unterschieden. Es ist immer die Kirche. Hinzu kommen feintheologische Erklärungen etwa zu der Frage, warum es kein gemeinsames Abendmahl gibt, die man nicht vermitteln kann.

„Christen sind keine besseren Menschen“

Ist der Glaube letztlich nur noch eine Sache für Dogmatiker?

Die Dogmatiker machen daraus ein Dogma. Und das in Zeiten, in denen Kirchenvertreter aus anderen Teilen der Welt sagen: Worüber redet ihr? Unsere Probleme heißen Kinderarmut und Kindersoldaten.

Man kann auch die Auferstehung nehmen oder die Verwandlung von Brot und Wein in das Blut und den Leib Christi. Wer soll das glauben?

Christen sind keine besseren Menschen, das ist klar. Aber sie haben es besser, weil sie Hoffnung haben.

Es sind noch 40 Prozent, die an ein Leben nach dem Tod glauben.

Das mag so sein. Ich weiß nur nicht, ob es das Leben der 60 Prozent leichter macht, wenn sie nicht glauben.

Aber das sind doch alarmierende Zahlen für eine Institution.

Es sind jedenfalls Zahlen, die zeigen, dass man den Glauben erklären muss. Und dass man Haltung haben muss im Leben. Kirchen müssen sich um ihren Auftrag kümmern, um Schwache, Erniedrigte, Beleidigte. Sie müssen da sein, wo es wenig Hoffnung gibt, aber viel Zuversicht braucht.

„Warum muss ich mir das hier anhören?“

Steht der Kirche auch ihre Sprache im Weg?

Unterschiedlich. Es gibt großartige Prediger, und bei anderen fragt man sich: Warum muss ich mir das hier anhören?

Trotzdem verlangt die Situation der Kirchen unterm Strich nach radikalen Wegen.

Nach neuen Wegen. Dazu gehört Sozialarbeit, aber nicht allein. Nur mit einer Suppenküche ist es nicht getan. Aber es gibt kein generelles Konzept. Was den einen berührt, interessiert den anderen gar nicht. Man muss schauen, was vor Ort gebraucht wird, und daraus einen Arbeitsschwerpunkt machen. Darauf kommt es an. Es gibt viele Ansätze, die mir Spaß und Hoffnung machen. Es bringt nichts, im Frust zu versinken. Die Kirche muss zukunftsträchtige Wege finden, und die werden unterschiedlich sein. Man muss aktiv werden und attraktiv sein. Trotzdem findet man Halt und Zuversicht im Glauben und kann die Hoffnung in der Welt wachhalten. Die grundlegenden Dinge – die gelten weiter.

Peter Intelmann

Im Februar ist Karl Lagerfeld verstorben. Unvergessen bleibt sein Einfluss als Designer und Künstler in der Modewelt – und als Karikaturist wie ein neuer Band jetzt zeigt.

29.05.2019

Die Bigband der Musikhochschule Lübeck hat ein neues Album herausgebracht: „Changing Times“ ist originell und wunderbar gespielt. Dieser Lübeck-Sound macht ganz einfach Freude.

29.05.2019
Kultur im Norden Julia Hülsmann über das Elbjazz-Festival - „Da kann ruhig mal was explodieren“

Mehr als 50 Konzerte, Jazz in allen Facetten, dazu zugkräftige Namen wie Jamie Cullum, Sophie Hunger und Tower of Power: Am Freitag, 31. Mai, und Sonnabend, 1. Juni, nimmt das Elbjazz-Festival zum 9. Mal Kurs auf den Hamburger Hafen. An Bord als „Artist in Residence“ ist auch die Jazzpianistin Julia Hülsmann.

28.05.2019