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Kultur im Norden Streitbar, um umstritten sein zu können
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20:30 26.02.2015
Fritz J. Raddatz legte viel Wert auf seine äußere Erscheinung. Quelle: dpa
Hamburg

Ein sehr gepflegter älterer Herr, stets sorgsam gekleidet, Wohnsitze in Hamburg, Nizza und auf Sylt. Ein Herr, der wunderbar über den Wert von Messerbänkchen und sorgsam gedeckten Tischen plaudern konnte. Und der zugleich nicht nur mit der spitzen Feder zustechen konnte, sondern auch gerne mit der ganz groben Kelle zulangte. Fritz J. Raddatz, ob man ihn und seinen Stil nun mochte oder nicht, war eine der wichtigsten Figuren des bundesdeutschen Feuilletons. Streitbar wie kaum ein anderer, aber wohl immer mit dem Hintergedanken, im Gespräch und selbst umstritten zu bleiben. Eine seltsam zwiespältige Person und Persönlichkeit.

Hochgebildet war Fritz J. Raddatz, so groß wie seine Belesenheit war aber auch sein pfauenhaftes Benehmen. Er war ein unglaublicher Besserwisser von Format, der jeden Menschen, der weniger wusste als er selbst, mit Leidenschaft verächtlich machte. Dabei war er selbst nicht gerade der sorgfältigste Arbeiter. Als Feuilleton-Chef bei der „Zeit“ war er häufig abwesend, was seinen Redakteuren ermöglichte, ein wirklich gutes Blatt zu machen. Zum Jahresende 1985 musste Raddatz seinen Abschied nehmen und wurde zum Kulturkorrespondenten degradiert, weil er über ein gefaktes Goethe-Zitat gestolpert war: „Man begann damals das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern“. Das schrieb Raddatz in einem Leitartikel. Schwer möglich, da Goethe 1832 starb, die erste Eisenbahn in Deutschland aber erst 1835 von Bahnhof zu Bahnhof fuhr. Den Hinauswurf bei der „Zeit“ konnte Raddatz nie wirklich verwinden, dabei hatte man ihm auch schon eine Veröffentlichung über Schriftsteller, die während der Nazi-Diktatur nicht emigriert waren, wegen zahlloser sachlicher Fehler um die Ohren gehauen hatte. Einen „beruflichen Herzinfarkt“ nannte Raddatz seinen Abgang bei der Wochenzeitung.

Der Sohn eines preußischen Offiziers, der in der DDR studiert hatte und erst 1954 in den Westen wechselte, wusste sich allerdings zu rächen. In seinen Tagebüchern ging er in einer derart gnadenlosen Weise auf seine wirklichen oder auch nur vermeintlichen Gegner los, wie man es kaum jemals erlebt hat. Diese Tagebücher zu lesen, in all ihrer Galligkeit und mit dieser unvergleichlichen Mischung aus Voyeurismus und Eitelkeit ist zwar über manche Seiten unterhaltend. Aber diese Lektüre hinterlässt einen schalen Nachgeschmack, weil all die Beschimpfungen letztlich auf den Autor selbst zurückfallen. Es ist keine Freude, dieser Selbst-Destruktion zuzusehen.

Fritz J. Raddatz veröffentlichte 25 Bücher, schrieb ungezählte Zeitungsartikel, wirkte als Lektor in Ost- und Westdeutschland, drehte Fernsehfilme — sein berufliches Leben war über Jahrzehnte hinweg ausgefüllt. „Genie, Geck, Galan. Paradiesvogel, Polemiker, Provokateur“, schrieb der ehemalige „Zeit“-Herausgeber Theo Sommer einst über Raddatz. Treffender konnte man den Mann kaum beschreiben, der einer der letzten Vertreter der Generation der Groß-Kritiker gewesen war.

Vor fünf Monaten erst aber hatte Raddatz in der „Welt“ geschrieben, dass er nach mehr als 60 Jahren seine journalistische Arbeit beenden würde. „Ich habe mich überlebt“, schrieb er in der Ausgabe vom 19. September 2014. „Meine ästhetischen Kriterien sind veraltet, das Besteck des Diagnostikers rostet, meine Gierfreude am Schönen der Kunst ist zu Asche geworden, der gefiederte Pegasus, mit dem ich durch Bild und Text galoppierte, lahmt“. Er schloss mit den Worten „Time to say goodbye. Goodbye.“ Jetzt ist er wirklich gegangen, dieser letzte Dandy der literarischen Welt, ein Mann mit viel und manchmal auch sehr wenig Stil. Jürgen Feldhoff

„Das grauselige Oberlehrer-Gequatsche von Helmut Schmidt, der nicht mal einer Dame beim Betreten des Raumes den Vortritt lässt — gockelte er Politweissagerei vom Ende des Sozialismus, und niemand, keine einzige Zeitung, hat den Vortrag oder diesen Empfang erwähnt.“
Fritz J. Raddatz

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