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Kultur im Norden Thomas Quasthoff begeistert mit Jazz
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17:18 27.08.2018
Thomas Quasthoff in der Elbphilharmonie
Thomas Quasthoff in der Elbphilharmonie Quelle: Axel Nickolaus
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Hamburg

Nachdem er 2012 seinen Abschied vom klassischen Repertoire erklärt hatte, fand er jetzt im Jazz eine neue Berufung und mit der NDR-Bigband und dem Dirigenten und Arrangeur Jörg Achim Keller angemessen prominente Begleiter.

Quasthoff ist auch in seiner neuen Rolle ein Klassiker: Die Songs der Herren Sinatra, Martin, Crosby, die man zu ihrer Zeit Crooner nannte, weil sie so lässig jazzmäßig phrasierten, die sind auch die seinen. Und wenn er dann doch einen neueren Popsongs wie „Imagine“ von John Lennon anstimmt, dann adelt er ihn mit seinem volltönenden Organ zur frei gestalteten Ballade. Ganz unbescheiden darf man konstatieren: Gesangstechnisch steckt Quasthoff die amerikanischen Jazz-Vorbilder alle in die Tasche.

Nach dem Einstieg der Bigband mit einem krachenden „St. Louis Blues“ gibt der Sänger die eigentliche Richtung des Abends vor: Mit dem Sinatra-Heuler „Nice’n’Easy“ zeigt er seinen unbändigen Willen zum eigenen Ausdruck – aber ganz lässig. Bei „Moonglow“ verfällt er in improvisierenden Scat-Gesang, und dann stürzt er sich in tiefere Register, landet atemberaubend zielsicher auf dem Grund des gesanglich Möglichen.

„Ich muss mich mächtig zügeln, um nicht komplett auszurasten“, lässt er das Publikum in der Elbphilharmonie wissen, und man darf teilhaben an seinem großen Glück, hier, in diesem Konzertsaal und mit dieser Band seine späte Erfüllung als Musiker zu finden.

Man wusste von Thomas Quasthoff, dass er ein offener, einnehmender Mensch ist. Die Art seines Auftretens macht seine Contergan-Schädigung nicht etwa vergessen, sie ist vielmehr ein unverstellter Teil dieser Künstlerpersönlichkeit. Berühmtes Zitat: „In Deutschland leben 80 Millionen Behinderte. Ich habe den Vorteil, dass man es mir ansieht.“ Und nun kann man erleben, dass er auch noch ein origineller Entertainer ist: Nachdem Kontrabassist Dieter Ilg ein paar Kunststücke auf seinem Instrument vorgeführt hat, steigt Quasthoff in ähnlich virtuoser Weise in den Song „I Can’t Stand the Rain“ ein und lässt sofort – mit Verlaub – die Rampensau raus. Der Saal bebt unter seiner Stimme, so dass auch der feine Frank Chastenier am Flügel alle Reserviertheit fahren lässt und mit einem Solo abhebt, für das andere Pianisten vier Hände bräuchten.

„Macht manchmal mehr Spaß als die ,Winterreise‘“, bemerkt der Sänger nach diesem Parforceritt trocken. Doch das war noch nicht der Höhepunkt des Abends. Den bestreitet Quasthoff ganz alleine. Im A-capella-Stil eines Bobby McFerrin intoniert er einen schlichten Blues, den er ständig erweitert zum großen Hörspiel mit vielen Stimmen – er grantelt, er schnauft, er hustet und klingt schwer bedröhnt. Und jodelt sich durch mindestens drei Oktaven. Doch immer bleibt er im harmonisch streng gegliederten Zwölf-Takte-Schema und ganz im Jazz-Idiom.

„Ich habe ein neues Instrument gelernt, das heißt Mikrofon“, sagte Quasthoff einmal in einem Interview. Wie bei allem, was er sich angeeignet hat, ist auch sein Umgang mit der verstärkten Stimme souverän. Er erzeugt am Mikro eine Intimität, die auch nicht verloren geht, wenn um ihn herum das Hochleistungsgebläse der NDR-Bigband große Töne spuckt. 2000 Menschen in der Elbphilharmonie fühlten sich von dem kleinen großen Sänger persönlich angesprochen und dankten es ihm mit Beifallsstürmen.

Michael Berger

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