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Kultur im Norden Toaster, Tassen, Tierknochen
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19:12 24.03.2017
Kannen, Toaster, Föne aus der Kinderstube der elektrischen Haushalts-Helfer. Bettina Zöller-Stock begeistert sich für das frühe Industriedesign. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Lübeck. Es sieht ganz harmlos aus: ein Ei, etwa so groß wie das Gelbe im Überraschungs-Ei. Fein verziert ist es und hat kleine Löcher und man kann es in der Mitte öffnen.

Das Lübecker St. Annen-Museum zeigt ab morgen außergewöhnliche Sammlungen.

In Wahrheit ist das hübsche Ding eine Flohfalle, erklärt Dagmar Täube. Die Leiterin des St. Annen-Museums berichtet, dass man es von innen mit Sirup oder Honig einstrich und unter der Wäsche trug – die Flöhe hüpften hinein und klebten fest. Hygiene im 19. Jahrhundert.

Die Flohfalle ist eines der kuriosen Stücke in der neuen Ausstellung zum Thema „Lebenslange Leidenschaften“, die morgen eröffnet wird. Zu sehen sind Kunst- und Alltagsgegenstände von vier privaten Sammlern aus dem Norden, die dem Museum überlassen wurden.

Das Floh-Ei gehört zu der Knochensammlung des Kieler Juristen Klaus G. Glüsing. Man hat den Eindruck, als seien die fragilen Gegenstände aus Elfenbein gefertigt, doch sie sind aus Rinderknochen, dem Elfenbein des kleinen Mannes. Aber sie sind nicht minder schön.

Da gibt es Ess- und Kochgegenstände wie Löffel, Kinderbesteck, einen Schwarzsauer-Rührer, Austern- und Flusskrebsbestecke, einen Schnuller, Miniaturspielzeug und das Equipment für ein It-Girl des 19.

Jahrhunderts: Fächer, Parfümflakon, Opernglas, Sträußchenhalter, Schirmgriff und das Tanzbüchlein. Der „Knochenmann“ Glüsing hat binnen 30 Jahren die wohl größte Privatsammlung von Geräten aus Knochen des 18. und 19. Jahrhunderts zusammengetragen, sagt Dagmar Täube. Nach seinem Tod 2008 übergab die Witwe sie dem St. Annen-Museum.

In den Vitrinen korrespondieren die zarten Gebrauchsgegenstände aus Knochen erstaunlich gut mit feinem Silberzeug. Die Meisterwerke der Lübecker Gold- und Silberschmiedekunst hat der Lübecker Bauunternehmer Erich Trautsch zusammengetragen, 72 wertvolle Objekte erwarb das Museum im Jahr 2000. Einige Tassen, Kannen, Terrinen und Pokale sind in der aktuellen Ausstellung zu sehen, unter anderem eine Hansekanne von etwa 1580. Sie stand in den 1960er Jahren für 900 Mark zum Kauf – zu teuer für das Museum. Trautsch kaufte sie, es war der Beginn einer lebenslangen Sammlerleidenschaft.

Trautsch, der nicht gerne reiste, schickte seine Familie durch Europa auf die Suche nach den Silber-Schätzchen von der Renaissance bis zum Klassizismus.

Was die unterschiedlichen Sammlerstücke der aktuellen Ausstellung eint, ist ihr Gebrauchswert. „Alle sind innovativ und erleichterten die Bewältigung des Alltags“, erklärt Kuratorin Bettina Zöller-Stock. So auch das Porzellan des Lübecker Sammlers C.J. Heinrich. Da ziehen bonbon-bunte Tassen aus Meißner Porzellan die Blicke auf sich, sie stammen aus dem 18. Jahrhundert. Zu sehen ist ein Service mit chinesischen Alltagsszenen, die der Fantasie der Meißner Porzellanmaler entsprungen sind. Aber auch ein echt chinesisches, blau bemaltes Tee-Service, das auf dem Handelsschiff „Geldermalsen“ verschifft worden war. 1752 sank das Schiff auf dem Weg von China in die Niederlande. Erst 1986 wurde die Fracht geborgen.

Persönliche Erinnerungen verbinden die Besucher vielleicht mit der Sammlung der Hamburgerin Angelika Jensen. Sie war eine der ersten, die moderne Alltagsgegenstände sammelte. Alte Toaster, bei denen man das Brot noch selbst rechtzeitig vorm Verbrennen herausfingern musste, Föne, elektrische Tee- und Kaffeekocher und gar ein Erhitzer für Lockenwickler erinnern an die Zeit, in der Mamas kleine Helfer in den Haushalt einzogen. Rund 200 elektrische Geräte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert vermachte Angelika Jensen 1999 dem St. Annen-Museum. „Sie sind Zeugnisse der Sammlerleidenschaft und helfen dabei, Dinge für die Nachwelt zu erhalten und die Vergangenheit zu bewahren“, sagt Bettina Zöller-Stock. Mal sehen, wie lange es dauert, bis der erste Thermomix ins Museum Einzug hält.

Und was sammeln Sie? – Einblicke in kuriose private Sammlungen

Die Ausstellung wird morgen um 11.30 Uhr eröffnet. Sie ist bis zum 24. September Di-So von 11-17 Uhr, ab 1. April 10-17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt für Erwachsene/Ermäßigt/Kinder 7/3.50/2,50 Euro.

„Was sammeln Sie?“ wollten die Lübecker Museen Anfang dieses Jahres wissen, viele begeisterte Sammler meldeten sich. Am 1. April und am 6. Mai werden nun die kuriosesten, ungewöhnlichsten Sammlungen in der Kunsthalle St. Annen gezeigt. Die Besitzer präsentieren ihre Schätze selbst und stehen im St. Annen-Museum von 13 Uhr bis 14.30 Uhr für Fragen und Austausch zur Verfügung.

Um 14.30 Uhr können interessierte Besucher mit dem Kurator der Ausstellung „Lübeck sammelt“, Dr. Oliver Zybok, einen Blick hinter die Kulissen der aktuellen Schau werfen und Fragen dazu stellen.

Von 15 Uhr bis 15.30 Uhr geht es dann um die Frage: Warum sammeln Museen? Der Nachmittag im Museumsquartier kostet für Erwachsene 12 Euro (ermäßigt 10 Euro), für Kinder 6 Euro.

Petra Haase

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