Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Udo – Warmlaufen in Timmendorf
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Udo – Warmlaufen in Timmendorf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:40 13.05.2019
„Sehr groovy hier, viele Experten, viele Freunde“: Udo Lindenberg mit Begleitung bei der ersten Generalprobe im „Maritim Seehotel“ in Timmendorfer Strand. Quelle: Olaf Malzahn
Timmendorfer Strand

Ist ja gar nicht zu verhindern, dass sich der Vergleich heranschleicht. Gut drei Jahre ist es her, da feierten Udo Lindenberg und sein Panik-Orchester hier im ausverkauften Saal des Maritim Seehotels in Timmendorfer Strand einen Triumph bei der öffentlichen Generalprobe für die „Keine-Panik!“-Tour. Auch am Sonnabend (11. Mai) ist der Saal rappelvoll, lauter vorfreudige Fans bei der ersten von zwei Generalproben für die Tour „Udo Lindenberg: Live 2019“, die am 31. Mai in der Bremer ÖVB-Arena startet. Aber so richtig Dampf entwickelt die Show irgendwie nur phasenweise. Und hatte der Panik-Präsident 2016 noch satte drei Stunden gerockt samt prachtvollem Zugabenblock, waren es jetzt zwar noch immer beachtliche zweieinhalb, doch ohne einen einzigen Nachschlag.

Drei Konzerte in Hamburg

Nach einigen Radio- und TV-Terminen – zum Beispiel „Udo Lindenberg – Live vom Atlantik“ in der Nacht vom 25. auf den 26. Mai im NDR-Fernsehen – ist Udo Lindenberg live auf der Bühne unter anderem am 31. Mai und 1. Juni in Bremen zu sehen. Am 7. und 8. Juni spielt er in Berlin, vom 20. bis 22. Juni gleich dreimal in der Hamburger Barclaycard-Arena. Am 25. Juni kann man ihn im Norden noch einmal in Hannover in der Tui Arena erleben.

Über die Gründe ließe sich trefflich spekulieren. Zwar wirkt Lindenberg nicht so dynamisch wie damals, nicht so präsent. Und wie bei einer Generalprobe kaum vermeidbar „waren noch ein paar Fische dabei, aber das macht ja nix hier am Meer“, wie er am Schluss feststellt. Doch es gibt nun mal bei jedem eine Tagesform, und für einen Mann, der am 17. Mai seinen 73. Geburtstag feiert, ist das alles zweifellos nach wie vor allerhöchst respektabel. Also, Schluss mit dem Jammern auf recht hohem Niveau, stürzen wir uns in die Show.

Die startet mit „Honky Tonky Show“ und bringt schon mal gleich die ganze Panik-Familie auf die Bühne. Udo setzt kurz die Sonnenbrille ab für einen Blick auf Publikum, schwingt das Mikro, schlackert seine schlaksige Gestalt. Beim Stampfer „Ich mach mein Ding“ übernimmt Steffi Stephan, Bassist und Urgestein des Panikorchesters, den gepfiffenen Part, und Udo hält im dafür sein Mikro hin. Die Band ist und bleibt eine Bank, rockt tight, perfekt eingespielt.

„Kein Udopia“

„Endlich wieder da, es gab schon Entzugserscheinungen, der Dealer war im Urlaub, es gab kein Udopia“, heißt Lindenberg dann seine Fans willkommen. „Jetzt geht es wieder los und ihr seid die ersten von ungefähr 300 000 Leuten, die die Show sehen werden.“ Seit zehn Tagen seien sie nun hier in Timmendorfer Strand mit „Unterwasserschnorcheln und so, sehr groovy hier, viele Experten, viele Freunde“ – und Lindenberg grüßt ins Rund: „Hallöchen! Hallöchen!“

Blödelei und politische Haltung sind bei Lindenberg schon lange koexistent. Die „Fridays-for-Future“-Bewegung kriegt ein Sonderlob („die Jugend steht auf und und stellt die richtigen Fragen“), allen voran Greta Thunberg („die will Panik“) und für sein Statement „wir müssen die Kriege beenden, bevor die Kriege uns beenden“ kriegt Lindenberg fetten Beifall. Passend zum Thema hätten sie einen Song von 1982 wieder ausgepackt, das rockige „Ratten“, und das ein Jahr jüngere „Straßenfieber“ spinnt den Faden thematisch weiter. Später spielen sie das neue, hymnische „Wir ziehen in den Frieden“, der Düsseldorfer Kinderchor „Kids on Stage“ macht mit, und Lindenberg hatte dem gesungenen Appell vorausgeschickt: „Bevor die Naziwichser und Kriegshetzer laut werden, lasst uns endlich zur Sache kommen.“

„Blutwäsche und so“

Auch Nabelschau hält Lindenberg wieder. Zur bluesigen Ballade „Lady Whisky“, einem der stärksten deutschsprachigen Songs über Alkoholexzesse und die Konsequenzen, erinnert er sich „als junger Mann griff ich voll zum Whisky, yeah“ und sinkt am Schluss erst auf die Knie, geht dann zu Boden und steht wieder auf – wie so oft in seinem Leben. „Mein Body und ich“, jene Danksagung an seinen widerstandsfähigen Körper, weckt in ihm Erinnerungen an „radikale Maßnahmen“, Blutwäsche und so, „aber ist ja erstaunlich gut gegangen, manchmal war es auch sehr knapp“. Viele seien vorausgegangen – Lemmy Kilmister, Lou Reed, Prince. „Irgendwann kommen wir nach, aber erst in 30 Jahren. Lasst uns den Club der 100-Jährigen gründen. Seid ihr dabei?“

Bärenstarker Block

Wie oft hätten sie „breit unterm Mischpult im Studio gelegen, trotzdem erschreckend produktiv – 800 Lieder!“ Von denen finden sich alte Fan-Favoriten wie die laut mitgesungenen „Horizont“, „Cello“ oder „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau’n“ und frische Stücke wie „König von Scheißegalien“, das sich offen bei Lou Reeds „Walk On The Wild Side“ bedient. Aber der Höhepunkt der Show steht an, als spät der „Sonderzug nach Pankow“ losrollt, angetrieben von den Pustefix-Bläsern, und endlich ist richtig Dampf im Kessel. Schlag auf Schlag ballern sie „Alles klar auf der Andrea Doria“ raus, „Candy Jane“ in einer XXL-Version und „Reeperbahn 2011“ – ein bärenstarker Block, in dem Udo ausgiebig seine Band vorstellt.

Schwache Stimme

Kein Glanzpunkt ist dagegen das Duett „Bist du vom KGB“ mit dem einzigen „Special Guest“ des Abends, der Schauspielerin Maria Furtwängler. „Eine Welturaufführung, eine Premiere, das gibt’s nur hier, davon träumen sie in Las Vegas“, hatte Lindberg es augenzwinkernd angepriesen. Doch dass die Schauspielerin „vorher noch nie gesungen“ (Lindenberg) hat, hört man ihrer wackligen, nicht immer treffsicheren Stimme an. Aber das müsse man sich „ja auch erst mal trauen, auf die Bühne zu gehen“, lobt Lindenberg. Stimmt. Also: kein Jammern auf hohem Niveau.

Thomas Bunjes

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Im Industriemuseum Herrenwyk erinnert eine neue Sonderausstellung an die Arbeit und das Leben auf dem Gelände des Hochofenwerks – und zeigt, wie es heute aussieht.

12.05.2019

Zehn Tage lang haben Udo und sein Panikorchester sich an der Ostsee auf die Tour 2019 vorbereitet – am Wochenende gab es eine Kostprobe im ausverkauften Saal des Maritim Seehotels.

12.05.2019

Am Freitag hatte „Don Giovanni“ am Theater Lübeck Premiere. Regisseurin Martina Veh erzählt die Mozart-Oper dieses Mal aus Sicht der Frauen – leider nicht gelungen, findet unser Autor.

11.05.2019