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Kultur im Norden „John Möller aus Hamburg“
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17:32 22.12.2018
1961: Willy Brandt besucht seine Mutter Martha Frahm. Quelle: LN-Archiv
Lübeck

„Über meinen Vater sprachen weder Mutter noch Großvater, bei dem ich aufwuchs“, schrieb Willy Brandt in seinen „Erinnerungen“. „Dass ich nicht fragte, verstand sich von selbst. Und da er so offenkundig nichts von mir wissen wollte, hielt ich es auch später für nicht angezeigt, die väterliche Spur zu verfolgen.“

Erst nach dem Krieg, er war schon über dreißig und brauchte Angaben für seine Wiedereinbürgerung, fragte er. Seine Mutter schickte ihm „prompt einen Zettel“, und darauf stand: „John Möller aus Hamburg.“ Kennengelernt haben sich die beiden aber nie. „Papa“, so Brandt, habe er zu seinem Großvater Ludwig Frahm gesagt. Selbst im Abiturzeugnis des Johanneums habe er noch als Vater hergehalten.

Dabei hat sich Möller durchaus um seinen unehelichen Sohn gesorgt, wie aus Papieren hervorgeht, die im Lübecker Stadtarchiv aufgetaucht sind. In einer schmalen Vormundschaftsakte fanden sich dort Unterlagen des Jugendamts, Berichte des eingesetzten Berufsvormundes, Protokolle zu Unterhaltsfragen, wie der „Spiegel“ in seiner jüngsten Ausgabe berichtet.

Ausflug zur Insel Poel

John Möller war Lehrer in Hamburg, ein Sozialdemokrat wie Brandts Mutter Martha Frahm. Bei einem Ausflug der Hamburger Naturfreunde am ersten Ostertag 1913 zur Insel Poel, so vermutet Brandts Biograf Martin Wein, dürften sie sich getroffen haben.

Möller unterrichtete an einer Realschule, wurde aber bald nach der NS-Machtergreifung entlassen und arbeitete fortan als Buchhalter in einer Kohlenhandlung. Die Beziehung zu Martha Frahm war nicht von Dauer, Möller heiratete vielmehr 1919 eine andere Frau, Helene Matz. Aber die hat laut Wein dafür gesorgt, dass ihr Mann „wenigstens geringe Alimente“ für seinen Sohn überwies.

Das hat er getan, und zwar regelmäßig. 1920 ist er laut dem „Spiegel“ auch zweimal nach Lübeck gefahren, um vor dem Amtsgericht zu versichern, dass er Herbert Frahm – so hieß Willy Brandt, bevor er sich im Exil umbenannte – bis zu dessen 16. Lebensjahr alimentieren werde. Möller starb 1958, zu einer Zeit, als sein Sohn Regierender Bürgermeister von West-Berlin war und sich anschickte, einer der großen Staatsmänner des vergangenen Jahrhunderts zu werden. Aber das sollte ihm verborgen bleiben.

Gefunden wurde die Akte eher durch Zufall. Bettina Greiner, seit diesem Jahr Leiterin des Lübecker Willy-Brandt-Hauses, hatte im März die ZDF-Serie „Ku’damm 59“ gesehen und war dabei über eine Szene gestolpert, in der einer jungen Mutter das uneheliche Kind weggenommen wurde. Auf Verdacht hat sie beim Amtsgericht Lübeck einen Antrag gestellt, und tatsächlich kam im Sommer von dort eine Akte.

„nicht vernichten: Willi Brandt

Eigentlich hätte sie 1940 nach den Regeln des Lübecker Jugendamts entsorgt werden sollen, aber das ist aus unbekannten Gründen nicht geschehen. In den 50er- oder 60er Jahren aber hat jemand auf dem Aktendeckel geschrieben: „nicht vernichten Willi Brandt“, und daran hat man sich gehalten – zum Glück.

So geht aus den elf Seiten hervor, dass John Möller regelmäßig und freiwillig Alimente zahlte, und zwar eine Summe, die „dem Durchschnitt“ entsprach. Bis Januar 1915 waren das 160 Mark, direkt an die „Mündelmutter“, so heißt es in einem Bericht aus dieser Zeit. Denn obwohl noch am Tag nach Willy Brandts Geburt am 13. Dezember 1918 der Großvater zum Vormund bestellt worden war, setzte das Jugendamt an Heiligabend 1913 einen Berufsvormund ein, der sich regelmäßig ein Bild verschaffte.

Das fiel offenbar immer zur Zufriedenheit aus. Herbert sei „gesund“ und „bei guter Pflege“, hieß es Anfang 1915, genauso wie vier Jahre später. Während des Krieges, zu dem auch John Möller eingezogen wurde, erhielt Martha Frahm eine staatliche Unterstützung, nach Kriegsende zahlte Möller wieder selbst. Aus 30 Mark monatlich wurden aber im Zuge der rasenden Inflation im August 1920 schon 900 Mark, spätere Aufzeichnungen sind nicht erhalten.

John Möller musste seinen Sohn bis zum vollendeten 16. Lebensjahr unterstützen. Und nichts lasse darauf schließen, dass er das versäumt habe, so Bernd Rother, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundeskanzler Willy Brandt Stiftung, in einer Mitteilung. Der letzte Eintrag in der Akte stammt vom Dezember 1934. Herbert Frahm wurde 21, also volljährig, weswegen die Amtsvormundschaft endete.

„Eine Korrektur“

Die Geschichte Willy Brandts müsse nicht umgeschrieben werden, sagt Bettina Greiner. „Es ist kein weltbewegender Fund. Aber es erweitert seine Geschichte um eine wichtige Facette. Und es ist auch eine Korrektur. John Möller hat bisher als säumiger Unterhaltszahler gegolten. Aber das war er nicht.“ Wie man mit den Unterlagen im Brandt-Haus oder in der Ausstellung umgehe, sei noch nicht klar.

Es hat immer wieder Spekulationen über Brandts Vater gegeben. Von einem mecklenburgischen Grafen sei die Rede gewesen, berichtete Brand selbst in seinen „Erinnerungen“. Vom Dirigenten Hermann Abendroth, der ab 1905 Musikdirektor in Lübeck war, von einem deutschnationalen Amtsgerichtsrat und einem bulgarischen Kommunisten namens Pogoreloff. Selbst Julius Leber, der große Lübecker Sozialdemokrat, wurde in Erwägung gezogen. Aber der, so Brandt, sei erst nach Lübeck gekommen, als er schon acht Jahre alt war.

Dennoch hat den späteren Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger seine ungewisse Herkunft verfolgt. Und das lag nicht zuletzt an seinen politischen Gegnern, an Konrad Adenauer, der den Konkurrenten im Wahlkampf 1961 einen Tag nach dem Mauerbau als „Brandt alias Frahm“ bezeichnete. Dass er sich „gegen Unterstellung nicht energisch gewehrt habe“, habe auch an „besonderer Rücksichtnahme“ gelegen – „auf die Stimmung der Landsleute, die die Ausnahme von der Regel nicht erklärt wissen wollten“, schrieb Brandt in seinen „Erinnerungen“ drei Jahre vor seinem Tod. Aber „ein Stachel“, der sei doch eingepflanzt worden.

Peter Intelmann

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