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Kultur im Norden Eine volle Meese-Kirche
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20:19 18.02.2019
Man ist gewarnt: Schild am Beginn der Installation in der Petrikirche. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

„Keine Angst“ steht auf einem Schild. Das ist keine schlechte Empfehlung, fürs Leben nicht und nicht für die Kunst. Jonathan Meese hat die Weisung in seiner Ausstellung in der Petrikirche platziert, in dieser weitläufigen Installation, die den ganzen weiten Kirchenraum kolonisiert. Am Sonntag ist sie mit mehr als 900 Besuchern eröffnet worden. Es war mit der Vernissage im Günter-Grass-Haus zwei Stunden später der offizielle Auftakt für „Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)“, die Lübecker Meese-Festspiele.

„Die Irrfahrten des Meese“

Am 30. März werden zwei weitere Meese-Ausstellungen in der Kunsthalle St. Annen und in der Overbeck-Gesellschaft eröffnet. Am 7. Mai folgt eine Performance in der Gollan-Werft. Im Mai/Juni soll es eine Dokumentation geben. In München läuft noch bis März eine Meese-Ausstellung in der Pinakothek der Moderne mit dem Titel „Die Irrfahrten des Meese“. Im April/Mai beteiligt sich der in Ahrensburg aufgewachsene Künstler an einer Ausstellung in Antwerpen.

Es gibt viel zu sehen in dem ehemaligen Gotteshaus, das jetzt anderen als religiösen Zwecken dient, zumal wenn man Jonathan Meese den Raum überlässt. Pastor Bernd Schwarze als Hausherr listete denn auch einige Argumente auf, warum er hier als Theologe eigentlich gar nichts sagen dürfte, wo Meese doch die Theologie nach allen Regeln der Kunst seziert, sie und alles andere, was er im trüben Schein der Ideologie wähnt.

Und das ist eine Menge, im Grunde alles, was dem freien Spiel der Kräfte Widerstand leistet und sich aufhält mit dem Tragen von Bedenken und falscher Bedeutung. Dem ruft er „Keine Angst“ entgegen. Und wenn am Anfang des Kirchenschiffes ein Schild warnt: „Achtung! Spielende Kinder“, und gegenüber in der Apsis statt des Kreuzes ein Bild von Richard Wagner hängt, dann macht das die Spannbreite deutlich, in der sich Meeses Installation bewegt. „Es gilt ja in der Kunst die Zwischenräume zu füllen“, hatte er gesagt.

Klicken Sie hier, um zahlreiche weitere Bilder von der Vernissage der ersten beiden Ausstellungen von Jonathan Meese im Günter-Grass-Haus und der Petrikirche in Lübeck zu sehen.

Große Styroporblöcke bevölkern St. Petri wie außer Rand und Band geratene Altäre. Oder wie ein zerbrochenes Kreuz dort, wo zwei Blöcke schräg aufeinander liegen. Dazwischen findet man ganze und halbe Schaufensterpuppen, Skelette in abgestorbener Unterhaltung, Plastikblumen, aufblasbare Schwimmtiere, leere Red-Bull-Dosen, leere Chips-Dosen, Bilder, neben „Heidegger’s Trog“guckt einen ein großer Elchkopf an. Man sieht Richard Wagner, der durch die Mangel gedreht wird, ein Tyrannen-Quartett und bemalte Papierbahnen, die wie sozialistische Wandzeitungen die Wände bevölkern, nur dass sie nicht die Diktatur des Proletariats propagieren, sondern die Diktatur der Kunst. Und das alles wird beschallt mit Hörspielen oder Musik von D.A.F. und Boney M.

Es kommt nichts weg bei Meese

Zwei 40-Tonner haben das alles hergefahren aus Berlin, wo Meese lebt und arbeitet. Dazu kamen sieben Sprinter-Ladungen, und dann wurde es angerichtet. Es kommt ja nichts weg im Meese-Kosmos. Es wird alles aufbewahrt und dokumentiert. Für später, für die Zukunft. Denn da will er hin mit seiner Kunst, sagt er. Wie sich der Mensch im Buddhismus von den schädlichen Anhaftungen befreien soll, so zieht Meese mit seiner Kunst zu Felde, damit man die Ideologie hinter sich lässt.

In der Petrikirche hat er so eine begehbare Ideologiekritik eingerichtet, in der auftaucht, was ihm wichtig ist, natürlich auch all die bekannten Chiffren: Zardoz, Caligula, Wagner, Conan, Alex de Large, seine Mutter. Er feiert an ihnen ihre Unbedingtheit, ihren Mut und ihre Hingabe. Sie sind ihren Weg gegangen, wie er seinen geht, sie haben nicht gehört auf die Einflüsterungen von interessierter Seite. Und lustig anzuschauen ist das allemal.

Im Grass-Haus erinnere das Rot und Weiß der Ausstellungswände an die Flagge Japans, wo Meese 1970 geboren wurde, sagte Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa. Oder eben an die Farben der Blechtrommel. Meese ist denn auch auf einem Plakat als Oskar Matzerath zu sehen, ebenso in einem Video, in dem er Auskunft gibt über sich und seine Kunst. In einer anderen Video-Box sieht man ihn im Interview mit Jason Dark, dem Vater der John-Sinclair-Hefte. „Muss man lesen“, sagt er. „Jason Dark ist Weltliteratur wie Günter Grass.“

Auch hier lässt sich Meeses Biografie besichtigen. So findet man zwei Mumins hinter Glas, Kuscheltiere aus seinen frühen Jahren, als er mit einem Freund Kuscheltier-Partys veranstaltete. Ein Schulheft ist zu sehen, Wissenswertes über die Hanse, notiert in Schülerhandschrift mit Pelikan- oder Geha-Tinte. In einem Schaukasten sieht einen neben zwei Claudia-Schiffer-Fitnessvideos („Upper Body Workout“) Stanley Kubrick an. Kubrick hat „Clockwerk Orange“ gedreht hat, eines der für Meese zentralen Kunstwerke. An der Wand hängt ein Porträt von Rudolf Mooshammer, dem einzigen Menschen, von dem Meese sich ein Autogramm geholt hat, sagte Thomsa. Und man sieht 21 weitere Porträts, jeweils im gleichen Format, von Sartre bis Hegel, von Mao bis Kant.

„Ich bin ein Störenfried“, sagte Meese. „Aber mit Liebe muss man stören. Mir gefällt auch nicht alles, was ich mache. Aber es ist notwendig.“ Es gehe um das Gesamtkunstwerk Lübeck, dann um das Gesamtkunstwerk Deutschland, Welt, Kosmos – „und dann um das Gesamtkunstwerk Zuhause. Dann geht’s wieder los.“

Peter Intelmann

Jonathan Meese wird in diesem Jahr in Lübeck gleich an fünf Orten zu erleben sein – Bilder von den Vorbereitungen.

So kündigte Meese seine Veranstaltungen an: