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Kultur im Norden Vincent Cassel im Interview: „Ich liebe den Blick in den Abgrund“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Vincent Cassel im Interview: „Ich liebe den Blick in den Abgrund“
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16:40 10.12.2019
Ausdrucksstark und besonders: Der französische Schauspieler Vincent Cassel. Quelle: imago images/ITAR-TASS
Paris

Schlagzeilen machte er zuletzt, weil er ein 30 Jahre jüngeres Model heiratete und mit 52 Jahren noch mal Vater wurde. Aber der französische Charakterdarsteller Vincent Cassel besticht lieber mit seinem Können – derzeit im Kinofilm „Alles außer gewöhnlich“.

Hatten Sie Bedenken, die Hauptrolle anzunehmen, weil Sie unsicher waren, wie und ob man mit Behinderten dreht?

Als mich der Regisseur Olivier Nakache kontaktierte, hatte ich noch keine Ahnung, was er mir vorzuschlagen hatte. Ich war aber gleich völlig begeistert. So sehr, dass mich Nakache bremsen musste, weil das Drehbuch noch gar nicht fertig war. Ich sagte nur: „Macht Ihr, was Ihr müsst - ich bin auf jeden Fall dabei, wann immer ihr mich braucht.“

Sie stehen schon seit über 30 Jahren vor der Kamera. Wird das Spielen für Sie immer einfacher?

Schauspielen ist einfach! Schwierig ist es nur, wenn man in schlechten Filmen mit schlechten Regisseuren dreht, dann muss man auch als Mime mehrere Jobs gleichzeitig machen, um das auszugleichen. Wenn man jedoch mit echten, guten Regisseuren dreht und das Projekt kohärent ist, ist das Spielen immer leicht.

Selbst, wenn Ihr Gegenüber ein Autist ist?

Beim Drehen sucht ein Schauspieler unbewusst immer kleine Unfälle oder Vorkommnisse, auf die er spontan reagieren muss - denn dann blitzt plötzlich etwas Wahrhaftiges durch. Abweichungen vom Drehbuch schaffen Authentizität. Mit den autistischen Laien zu drehen, war nicht anders als mit einem Kind zu spielen, das eine geringere Aufmerksamkeitsspanne hat und immer bei Laune gehalten werden will. Natürlich ist anfangs auch etwas Angst dabei, wie man sich am besten verhält. Ich hatte kaum Ahnung von Autismus. Höchstens ein etwas romantisiertes Bild von jemanden, der Klavier spielt, aber sonst menschenscheu ist.

Also ein Kenntnisstand wie aus Hollywoods „Rain Man“.

Genau. Ich habe mich vor allem gefragt, wie und ob man miteinander lachen kann. Die Kids haben mich so beeindruckt, dass ich nicht wußte, wo ich Leichtigkeit hernehmen sollte. Was mir half, waren die „Papotins“, eine Theatergruppe von Autisten, jeder in einem anderen Alter und mit anderen Symptomen der Krankheit. Die interviewten mich. Die Fragen waren so weit her geholt oder auch in Babysprache, dass ich lachen musste. Dabei habe ich gemerkt, dass es nur wichtig ist, dass man in Interaktion tritt, nicht wie oder ob dabei Informationen vermittelt werden. Wir befinden uns ja eigentlich alle auf unbekanntem Terrain. Das ist dann hochinteressant zu drehen.

Hat diese Erfahrung Sie nur beeindruckt oder sogar bereichert?

Gegen Drehende hatte ich Angst, am Set zur Heulsuse zu werden. Denn diese Kids haben mich sehr bewegt und wir hatten viele enge Beziehungen aufgebaut. Sie haben keinen Filter. Am Anfang habe ich viel mit ihnen abgehangen, um mich an Ihre Art zu gewöhnen. Zwei-, dreimal die Woche bin ich mit ihnen zum Reiten gegangen oder zum Essen.

Bis Sie sich sicher fühlten?

Bis ich nach zwei Wochen zumindest spielen konnte, dass ich selbstsicher wäre. (lacht) Einer der Jungs hat zu Ende jedes Drehtags seinen Kopf auf alle unsere Schultern gelegt, ein Zeichen, dass es ihm mit unserem Chaos aus Profis und Amateuren gut ging.

Ist dieser Film auch ein Appell an die Politik, das Über-Bürokratische fallen zu lassen?

Natürlich. Es ist unverständlich, wie Familien und später sogar der Staat diese Kinder aufgeben. Wenn ein Film wenig Beachtung findet, wird er wenig ändern, wenn er aber ein Erfolg wird, dann kann er viel bewirken.

Sind Sie nach diesem Film ein besserer Vater Ihrer mittlerweile drei Kids geworden?

Ach, ich war schon vorher mit Leib und Seele Vater. Ich bin sogar so väterlich, dass wenig fehlte und ich hätte auch noch eine Mutter ersetzt. (lacht)

Warum spielen Sie so gern Figuren am Rande der Gesellschaft, Außenseiter?

Wahrscheinlich, weil ich den Blick in den Abgrund liebe oder gerne hinter den Vorhang gucke. Mir gefällt es, für die anderen das Unbekannte zu entdecken, das Verrückte, das Seltsame. Das Außer-Gewöhnliche eben.

Sie scheinen angstfrei zu sein. Ist es Ihnen auch egal, was über Sie geschrieben wird? Lesen Sie Kritiken und Kommentare?

Ich lese vieles, denn mich interessiert, was die Leute denken, was ich wohl tue und lasse. Aber es definiert mich nicht. Wenn ich eine Nacht drüber geschlafen habe, erinnere ich mich nur noch an das, was für mich relevant ist. Aber meine Erfahrung ist: Wenn man etwas tut, was man wirklich mag, dann wird es honoriert, Vielleicht nicht sofort, vielleicht dauert es ein paar Jahre, aber diesem Prinzip kannst Du vertrauen.

War das bei Ihren Skandalfilm „Irreversible“ 2002 der Fall, in dem es um eine brutale Vergewaltigung ging und das Festival von Cannes unter Schock setzte?

Das war ein Paradebeispiel. Damals hörten wir nur: „Schämt Euch, wie könnt Ihr nur?“ Jetzt wurde der Film nochmal beim Festival Venedig gezeigt, und das Publikum war hingerissen. Meine Lektion heißt also: „Richte Dich nach dem, was Dir selbst gefällt. Mach’s für Dich!“

Würden Sie diesen Film heute drehen? In Venedig wurde eine zweite Version präsentiert…

Obwohl ich genug Distanz zu diesem Film habe, konnte ich ihn jetzt nicht mal anschauen. Ich war wohl vor 17 Jahren um einiges wilder als heute. Heute habe ich ein Problem damit, Gewalt zu sehen. Selbst „Clockwork Orange“, früher einer meiner Favoriten, kann ich heute nicht mehr ausstehen! Wenn ich im Kino sehe, wie Menschen vermeintlich umgebracht werden, wird mir schlecht. Ich glaube, ich bin geheilt.

Sie waren damals mit Monica Bellucci verheiratet, die das Opfer spielte. Wo ziehen Sie heute die Grenze zum Privaten?

Das kann man an meinem Instagram-Account sehen: Ich poste das, was man über mich wissen kann. Was mich berührt. Alles andere ist meine Sache.

Sind Sie ein Fan von Social Media?

Ich habe dieses Insta-Konto nur eröffnet, weil ich für ein Filmfestival Geld sammeln wollte. Je lauter Deine Stimme in den Social Media zu hören ist, umso sichtbarer bist du, umso weniger brauchst Du herkömmliche Medien. Du wirst ja Dein eigenes Magazin.

Das Duo Nakache/Toledano wurde mit „Ziemlich beste Freunde“ zum Hitgaranten. Kennen Sie das Hollywood-Remake dieses Films, bei der Bryan Cranston mitspielte?

Ja. Der ist wie der andere, aber aus Plastik.

Ihr Vater Jean-Pierre Cassel, der 2007 starb, war einer der berühmtesten Mimen Frankreichs. Er hatte Ihnen von dem Beruf abgeraten, weil Sie es schwer haben würden, sich aus seinem Schatten zu befreien. Hatte er Recht?

Es ist interessant: Wenn deine Eltern sterben, hörst du auf, sich gegen sie aufzulehnen - und fängst an, so auszusehen wie sie! Mein Vater hat mir früher geraten: „Wenn du dich verliebst, schau dir die Mutter deiner Freundin gut an. Denn genau so wird sie später auch.“ Und er lag damit ganz richtig! Ich bemerke auch an mir, wie ich meinem Vater immer ähnlicher werde. Das ist wohl der Schlüssel zur Unsterblichkeit.

Was würden Sie davon halten, wenn Ihre Kinder auch Schauspieler werden wollten?

Warum nicht? Daran ist überhaupt nichts auszusetzen. Mein Vater war auch Schauspieler. Das ist ein wundervoller Beruf, wenn du ausreichend Aufträge kriegst und Karriere machst. Du reist viel herum und triffst extrem interessante und unterschiedliche Leute. Du arbeitest dich in Zusammenhänge ein, mit denen du dich sonst nie beschäftigt hättest. Du kannst Arzt, Spion, Cowboy oder Schamane sein. Auf diese Weise erhältst du Einblick in alle möglichen Welten, angeleitet von erfahrenen Fachleuten. Du verdienst gutes Geld und hast viel Freizeit. Das ist wunderbar.

Sie leben seit Jahren schon in Rio de Janeiro. Fühlen Sie sich nicht mehr an Frankreich gebunden?

Es gibt bei uns den Spruch : „Ich liebe nichts, ich bin Pariser!“ (lacht) Ich bin Pariser, aber mir gefallen auch viele andere Sachen. Mein Herz schlägt z.B. für die brasilianische Kampfkunst Capoeira. Ich bin 25 Jahre lang immer wieder nach Rio gereist. Irgendwann dachte ich mir, ich kann auch einfach dort bleiben. (lacht) Durch das Drehen bin ich eh immer ganz schnell wieder weg und unterwegs zum nächsten Set. Ich bin schon durch meinen Beruf gezwungen, ein Vagabund zu sein.

Beeinflusst es Ihre Identität, dauernd in Bewegung zu sein?

Die Identität ergibt sich daraus, wie du aufwächst. Ich fühle mich auch mit New York sehr eng verbunden. Meine Mutter lebte dort, ich war oft bei ihr und ging dort auch auf die Schauspielschule, das Actors‘ Studio. In New York kam ich mit Hip Hop in Berührung, für mich wurde damit ein Traum wahr. In Frankreich galt ich immer als Amerikaner.

Sie, der Paradefranzose?

Ja, ich lief in Turnschuhen herum und aß Junk Food, als die Franzosen mit dieser Kultur in den 80ern noch nicht vertraut waren. Mit New York wurde zwar mein Traum wahr. Doch dort realisierte ich auch, wie typisch französisch ich doch bin.

Also doch!

Einmal war ich so heimwehgeplagt, dass ich auf dem Walkman Edith Piaf hörte und mit meiner Vespa quer durch New York fuhr, um irgendwo Camembert aufzutreiben! Und dabei weinte ich Rotz und Wasser… In dieser Nacht wurde mir klar, wie französisch ich bin. Vive la Revolution!

Was halten Sie von der versuchten Revolution der Protestbewegung der „Gilets Jaunes“?

Diese Bewegung zeigte,wie viel Zorn in der französischen Gesellschaft vorherrscht. Frankreich sitzt ganz schön in der Tinte. Ich glaube, dass ich generell den zivilen Ungehorsam gut finde. Zumindest war der Anfang dieses Protests legitim und positiv, aber wenn dann Tausend Menschen losziehen, nur um Fensterscheiben einzuwerfen und Vandalismus zu betreiben, wird ihnen das auch nicht weiterhelfen. Die Bewegung ist urfranzösisch und ich war sehr stolz darauf. Aber jetzt wird sie längst nur noch für Randale missbraucht.

Sehen Sie hier den Trailer zum neuen Kino-Film „Alles außer gewöhnlich“

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