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Kultur im Norden Virtuelle Welten im Günter-Grass-Haus
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16:30 22.11.2019
„Sensationell“: Bürgermeister Jan Lindenau hat die Virtual-Reality-Brille ausprobiert und war begeistert. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Ab und zu schreit jetzt jemand im Günter-Grass-Haus. Das klingt seltsam, hat aber seine Richtigkeit. Es gehört zur neuen Virtual- Reality-Technik, mit der das Haus ganz neue Wege in der Literaturvermittlung geht. Weltweit gebe es dafür kein Vorbild, sagte Hans Wißkirchen, der Direktor der Lübecker Museen.

Die Schreie kommen von Besuchern, die eine Virtual-Reality-Brille vor den Augen haben. Bei der Vorstellung des Projekts hat sich Bürgermeister Jan Lindenau als Proband zur Verfügung gestellt. Und er war sehr begeistert: „Sensationell. Ein völlig neues Erlebnis, eine völlig neue Wahrnehmung. Man ist in einer anderen Welt.“

Feier im Theater

Der 60. Geburtstag der „Blechtrommel“ wird am 19. Dezember mit einer Veranstaltung in den Kammerspielen des Theaters Lübeck gefeiert. In Kooperation mit dem Günter-Grass-Haus wird Katharina Thalbach aus dem Roman lesen und der Literaturkritiker Denis Scheck mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering über das Buch und den Autor reden (19.30 Uhr). 2021 soll es in Lübeck eine internationale Tagung zur digitalen Literaturvermittlung geben.

Mit der Brille lernt man den im September vor 60 Jahren erschienen Roman auf ganz besondere Art kennen. Für Betrachter sieht es merkwürdig aus, wenn da jemand in dem kleinen Raum unter der Treppe steht und offenbar geheimen Befehlen gehorcht. Wenn er Dinge in die Hand nimmt, die gar nicht da sind. Wenn er nach Wänden tastet, wo keine stehen. Oder wenn er plötzlich laut losbrüllt. Aber er kann nichts dafür, es wurde ihm so gesagt. Und wenn er in seiner Brille wie Oskar Matzerath Glas zerbersten sieht, weiß er auch, warum.

Kerzen auf der imaginären Torte

Er steht im Danziger Kolonialwarenladen der Familie Matzerath und greift in die Regale. Er sieht die Kellertreppe, die sich Oskar hinunterstürzt und dann so klein bleibt, wie man mit drei Jahren ist. Er pustet Kerzen auf einer imaginären Geburtstagstorte aus. Er hört einen Erzähler. Und plötzlich hört er Günter Grass, der „zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt . . .“ sagt, den legendären ersten Satz aus der „Blechtrommel“, der in Volker Schlöndorffs jetzt auch schon 40 Jahre alter Verfilmung ebenso wenig auftaucht wie manch anderes aus dem Buch, dem man hier in der virtuellen Wirklichkeit begegnet.

Ein Interview mit Salman Rushdie zur „Blechtrommel“ lesen Sie hier

220 000 Euro hat das Projekt gekostet, zu etwa 90 Prozent gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Es ist Teil der digitalen Strategie, die sich die Stadt Lübeck verordnet hat, betonte der Bürgermeister. Und es steckt eine Menge Arbeit darin, sagte Grass-Haus-Leiter Jörg-Philipp Thomsa, „etwa zweieinhalb Ausstellungen“. Es ist jetzt fertig, die Besucher können es ab sofort benutzen. Aber es wird immer noch weiter verfeinert. Demnächst zum Beispiel mit der Stimme von Mario Adorf, der in der Verfilmung Oskars Vater spielt.

Grass’ alte Schreibmaschine

Etwa zehn Minuten dauert eine Brillen-Runde. Und obwohl es vier Brillen gibt, kann sie immer nur einer zur Zeit benutzen, denn es erfordert die Begleitung durch einen Mitarbeiter des Hauses. In der Zwischenzeit aber kann man sich natürlich die Dauerausstellung anschauen. Oder das nachgebaute Ladenlokal aus der „Blechtrommel“, in dem jetzt auch die „Lettera 22“ von Olivetti zu sehen ist, die Reiseschreibmaschine, auf der Günter Grass seinen Jahrhundertroman einst getippt hat. Oder den neuen Multitouchtisch, der auch Teil des Projekts ist.

Auf ihm kann man durch Wischen wie auf dem Smartphone Tafeln mit Erläuterungen aufrufen. Zum Brausepulver etwa, das im Roman eine Rolle spielt, zum Skatspiel oder zu anderen Dingen aus dem „Blechtrommel“-Kosmos. Und man kann sich kurze, in Lübeck und am Strand gedrehte Videos anschauen, in denen der Literaturkritiker Denis Scheck über den Roman und dessen Autor spricht. Und es gibt ein Interview mit Grass’ Freund Salman Rushdie. Im kommenden Jahr soll das Projekt dann noch um Augmented Reality erweitert werden.

Keine Gaming Show

In diese Richtung müsse es gehen, sagte Wißkirchen. Museen müssten die virtuelle mit der analogen Welt verbinden, wenn sie relevant bleiben wollten. Das helfe, die „leere Mitte“ zu füllen, der sich Literaturmuseen gegenüber sehen. Eine reine „Gaming Show“ würde dem nicht gerecht, ergänzte Thomsa. Zumal bei einem sinnlichen Autor wie Günter Grass. Immer aber gehe es darum, zum Lesen zu animieren, „das ist das oberste Ziel“.

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