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18:10 26.06.2018
Da sind sie schon keine Familie mehr: Die Schauspielerin Liv Ullman mit Tochter Linn und Regisseur Ingmar Bergman im Jahr 1972.
Da sind sie schon keine Familie mehr: Die Schauspielerin Liv Ullman mit Tochter Linn und Regisseur Ingmar Bergman im Jahr 1972. Quelle: Foto: Ddp

„Ich hätte gern ein Buch ohne Namen geschrieben. Oder ein Buch mit sehr vielen Namen. Oder ein Buch, in dem alle Namen so alltäglich sind, dass man sie auf der Stelle vergisst“, schreibt die Norwegerin Linn Ullmann (51) zu Beginn ihres sechsten Romans in einer glasklaren, unprätentiösen Sprache und nennt die berühmten Eltern sowie auch den eigenen Namen nicht ein einziges Mal. Sich lässt sie abwechselnd als „ich“ und „sie“ auftreten.

Rechnet mit ihrer Familie ab: Linn Ullmann (51) Quelle: Foto: Action Press
Liv Ullmann 1968 mit ihrer zweijährigen Tochter Linn. Quelle: Foto: Scanpix

In diesem Fall kennt alle Welt den Rahmen: Der große Ingmar Bergman und die schöne Liv Ullmann verliebten sich bei den Dreharbeiten zu „Persona“ 1965. Die Tochter kam ein Jahr später zur Welt, da war der Vater 48 Jahre alt, und konstatiert nüchtern: „Ein Kind mehr oder weniger. Er hatte acht aus früheren Beziehungen und war als dämonischer Regisseur (was immer das bedeuten soll) und als Schürzenjäger bekannt (ziemlich eindeutig, was das bedeutet).“ Die Beziehung hielt, bis die Tochter drei war. Zu den Vereinbarungen des weiter zusammenarbeitenden und lebenslang befreundeten Ex-Paares gehörten jedes Jahr ein paar Sommerwochen für Tochter Linn beim Vater auf der kleinen Ostseeinsel Fårö, wo der Filmemacher 2007 gestorben ist. Ansonsten aber lebte sie wie alle Bergman-Kinder bei der Mutter.

Eine endlose Reihe von Kindermädchen zieht sich durch das Buch, wenn die Schauspielerin wieder zu Engagements in Oslo, New York oder Los Angeles unterwegs ist. Die Tochter wird vor Sehnsucht halb verrückt. Linn Ullmann erinnert sich an ihre Jahre als 11- bis 15-Jährige auf der Suche nach einem Zuhause und festem Boden unter ihren Beinen (die sie viel zu dünn findet). Eine Herkulesarbeit ist das beim ziemlich entrückten, mit unverrückbar festem Stundenplan am Künstlertum arbeitenden Sommer-Vater und der ewig unsicheren, mit sich hadernden, auch in den eigenen vier Wänden kräftig schauspielernden Mutter.

Ein durch raffinierte Montagen und den zurückgenommenen, dabei aber unglaublich treffsicheren Grundton vollbrachtes Kunststück des Buches ist die Kombination der eigenen kindlichen Perspektive auf die nie gemeinsam erreichbaren Eltern mit dem erwachsenen Blick auf beide als Persönlichkeiten für sich. Der Teilzeit-Vater kommt ungleich besser weg als die mit den schnöden Alltagsproblemen kämpfende Vollzeit-Mutter. Er bekommt auch viel mehr Platz. Denn Auslöser für dieses grandiose Erinnerungsbuch war ein gescheitertes Projekt der erwachsenen Tochter mit dem betagten Bergman: Er wollte über das Altwerden als harte Arbeit schreiben, fühlte sich aber schon zu schwach und vereinbarte eine Interviewserie mit der als Autorin bestens etablierten Linn. Vom Scheitern auch dieses Vorhabens, weil Bergman einfach zu schnell weiter abbaute, bis zu seinem noch mal von ihm selbst akribisch durchgeplanten Begräbnis auf Fårö erzählt die Tochter im Wechsel mit den Kindheitsgeschichten und gibt Dialoge im Wortlaut wieder.

Ist alles so passiert oder auch im Genre Autofiktion ausgedacht? Linn Ullmann hat dazu in vielen Interviews unterschiedlich geantwortet: Sie habe sich schon nach Kräften angestrengt, immer „wahr“ und getreu der eigenen Erinnerung zu schreiben. Aber wann und wie sei Erinnerung wahr?

„In Wahrheit kann man nicht sonderlich viel über das Leben anderer Menschen wissen“, schreibt Linn Ullmann im Buch, „und erst recht nicht, wenn diese Eltern es darauf angelegt haben, ihr Leben in Geschichten zu verwandeln, die sie anschließend mit einer begnadeten Fähigkeit dafür erzählen, sich nicht im Geringsten darum zu scheren, was wahr ist und was nicht.“

Linn Ullmann: „Die Unruhigen.“ Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand, München. 416 S., 22 €

Von Thomas Borchert