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Kultur im Norden WIEDER GELESEN
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18:10 28.02.2018

So beginnt Jörg Fausers Junkie-Roman „Rohstoff“, der aber viel mehr ist als eine klamme Drogenerzählung. Fauser schaut hinein in die bewegten Jahre Ende der Sechziger, als die Studenten die Revolution wollten und Harry auch, wenigstens aber den großen Roman schreiben. Es wird dann nichts daraus, nicht aus der Revolution und nicht aus dem großen Roman. Aber Fausers alter Ego Harry Gelb mäandert durch die Szene und lässt auftreten und passieren, was einem heute sehr, sehr weit entfernt vorkommt.

Harry macht Schluss mit den harten Drogen, landet aber beim Alkohol. Er schreibt, verliebt sich, verliebt sich neu, hängt in Wohngemeinschaften herum, in besetzten Häusern, in Kneipen, bewegt sich überhaupt an den Rändern, pendelt aber immer wieder zurück in bürgerliche Zonen mit Aushilfsjobs bei der Bundesbank oder als Wachmann. Er ist Kurzzeit-Chefredakteur einer irren Zeitungsidee, lebt auf dem Land, lebt in der Stadt, hat irgendwann „Stamboul Blues“ fertig, seinen Roman, seinen großen Wurf, aber die literarische Welt mag sich nicht wirklich erschüttert zeigen.

Fausers Erzählen kommt so beiläufig daher, dass man keine Anstrengung dahinter vermutet. Was natürlich täuscht, wie seine Lektorin Hanna Liehr sagt. Jeden Satz seien sie durchgegangen und hätten daran gefeilt. Es ist ein lakonisches Treiben, ein steter Fluss, wie man ihn auch bei Wolfgang Welt findet, den vor zwei Jahren verstorbenen Autor und Pförtner beim Bochumer Schauspielhaus. Und dann berichtet er von den Spelunken, in denen mittags die alten Leute saßen, „jeden Tag in der Kneipe, jeden Tag blau, jeden Tag pleite, aber die Rente kam ja pünktlich, das war also im Grunde solide Kundschaft, auch mit offenem Hosenlatz, vertrieltem Mund und dem AOK-Gebiss, das immer mal ins Bierglas rutschte“.

Nein, sagte Fauser in einem Gespräch mit dem damaligen „Spiegel“-Kulturchef Helmut Karasek, „Rohstoff“ sei kein Abgesang auf 1968. Er singe nicht, er sei kein Sänger. „Ich fand diese Zeit toll, das war meine Jugend, das war ein großes Abenteuer.“

1984 hat er seinen halbautobiografischen Roman über das große Abenteuer veröffentlicht, drei Jahre nach „Der Schneemann“, der mit Marius MüllerWesternhagen verfilmt wurde. Da hatte Jörg Fauser noch drei Jahre zu leben. Er starb 1987 nach der Feier zu seinem 43. Geburtstag. Ein Lastwagen hatte ihn erfasst, nachts als Fußgänger auf der Autobahn. Die Umstände sind bis heute ungeklärt.

int

LN