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Kultur im Norden Warum Klaus Störtebeker in Lübeck erfunden wurde
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18:36 26.09.2019
Franziska Evers, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Hansemuseums und Kuratorin der Ausstellung, mit einer Drehbasse, einem Hinterlader aus dem 15. Jahrhundert. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

„Störtebeker & Konsorten“ heißt die Sonderausstellung, die ab dem 27. September im Burgkloster des Hansemuseums zu sehen ist. Der Untertitel lautet: „Piraten der Hansezeit?“, und das Fragezeichen lässt ahnen, dass das vielleicht alles gar nicht so eindeutig ist.

Störtebeker ist denn auch nur ein Teil der Schau, wenn auch der wohl bekannteste. Sie schlägt den Bogen aber weiter, stellt andere Akteure vor, die vom 14. bis 16. Jahrhundert in Nord- und Ostsee unterwegs waren und landläufig als Piraten bezeichnet werden. Und sie weitet den Blick bis in unsere Zeit, bis zu den Männern in den kleinen Booten, die große Schiffe vor Somalia oder Nigeria attackieren. Es steht mithin der Mythos Störtebeker und der seiner ganzen Zunft auf dem Programm. Die Ausstellung sei im Mittelalter angesiedelt, aber zugleich „aktueller denn je“, sagte Musuemsdirektorin Felicia Sternfeld gestern bei einem Pressegespräch.

Aufgefächert wird das Problem unter anderem anhand von 17 Fallbeispielen. Da werden Männer wie Bartholomäus Voet, Gödeke Michels oder Bernd van Vreden vorgestellt, Männer wie Paul Beneke, der vor Brügge ein Schiff mit wertvoller Fracht kaperte, mit einem Altar von Hans Memling, der heute noch im Danziger Nationalmuseum zu sehen ist. Piraten also, Seeräuber, wie sie im Buche stehen. Aber das ist eben nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte lässt sie als honorige Männer ihrer Zeit kenntlich werden, als Kaufleute oder Ratsherren, die auch als das unterwegs waren, was der Historiker Gregor Rohmann als „Fehdehelfer“ oder „Gewaltunternehmer“ bezeichnet.

„Störtebeker ist in Lübeck erfunden worden“

Rohmann hat die von Franziska Evers konzipierte und kuratierte Ausstellung als wissenschaftlicher Berater begleitet. Er befasst sich seit Jahren mit dem Thema und hat dabei viele Legenden in sich zerfallen sehen. Unter anderem die von Klaus Störtebeker, dessen Mythos seinen Ursprung ausgerechnet im Lübecker Burgkloster hat. „Im Grunde“, sagt er, „ist er hier erfunden worden“.

Ausstellung & Programm

Zur Ausstellung ist ein hochinteressanter Katalog erschienen (176 Seiten, 29,90 Euro). Sie läuft bis zum April 2020 und wird begleitet von einem vielfältigen Rahmenprogramm mit Vorträgen, Lesungen, Filmen oder Workshops. Im Februar nächsten Jahres ist unter anderem der deutsch-amerikanische Journalist Michael Scott Moore zu Gast, der 2012 in Somalia von Piraten entführt worden ist und fast drei Jahre gefangen gehalten wurde. Weitere Informationen: www.hansemuseum.eu

Und zwar von Hermann Korner, einem Dominikanermönch, der Störtebeker in einer Chronik aus dem frühen 15. Jahrhundert auftauchen lässt. In einer späteren Version fügt er weitere Angaben hinzu, eine eher schattenhafte Figur nimmt Formen an, immer erstaunlichere, andere Autoren steigen ein, Dichter auch, Komponisten, später Filme- und Geschäftemacher sowieso. Und heute sagt Rohmann, dass Klaus Störtebeker wohl tatsächlich Johann hieß, ein angesehener Kaufmann aus Danzig war und noch 1413 aktenkundig wurde. Zu einer Zeit also, als der Seeräuber der Legende nach schon zwölf Jahre zuvor enthauptet worden war.

Piraten in roten Samtpantoffeln

In der Ausstellung sind denn auch zwei rote Samtpantoffeln zu sehen, die Störtebeker angeblich gehört haben sollen. Sie waren dem Ostfriesischen Landesmuseum in Emden Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit einem bestickten Kissen und einem Nachthemd übergeben worden, sind aber längst als Boten aus einem ganz anderen Jahrhundert als dem 14. oder 15. entlarvt worden. Auch sind an einer Wand Störtebeker-Devotionalien zu betrachten, Groschenromane etwa, Schallplatten, Büchlein. Selbst der IC 605 der Bahn hat mal den Namen „Claus Störtebeker“ getragen.

Hör- und Mitmachstationen

Es gibt aber auch Originales zu sehen. Ein Richtschwert samt Kettenhemd aus dem 16./17. Jahrhundert etwa, Bootshaken und alte Moostaue. Ein Danziger Kapervertrag von 1460, ein Seeräuberprivileg, das es der Stadt Hamburg erlaubte, Piraten in ihrem Territorium zu verfolgen. Oder ein Vertrag zwischen ostfriesischen Häuptlingen und den Städten Lübeck, Hamburg und Bremen. Aber auch eine handelsübliche Aluleiter wie aus dem Baumarkt, die oben noch verlängert wurde (eine Leihgabe des Piraterie-Präventionszentrums der Bundespolizei im holsteinischen Neustadt) und vor Somalia ebenso zum Einsatz kam wie ein modernes AK-47-Gewehr.

Zwischendurch gibt es immer wieder Hör- und Mitmachstationen, gerade auch für Kinder, Erläuterungen auf Tafeln, in Filmen, auch einen Monitor, auf dem live die aktuellen Schiffsbewegungen auf den Weltmeeren zu sehen sind. Die Ausstellung richtet sich an Familien, wendet sich aber auch an den eingehender interessierten Besucher.

Von Peter Intelmann

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