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Kultur im Norden Zwischen Beatles und Bach: Was ist eigentlich gute Musik?
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13:14 13.09.2019
Ilja Ruf (Piano), Bernd Ruf (Klarinette), Raul Jaurena (Bandoneon) und Ivo Ruf (Klarinette, v.l.) spielen einen Mix aus Klezmer, Tango, Latin und Jazz. Quelle: Jan Baruschke
Lübeck

Seit mehr als 20 Jahren musizieren der Bandoneon-Maestro Raul Jaurena (78) und der Klarinettist und Dirigenten Bernd Ruf (54) gemeinsam, sie wurden mit einem Grammy Award geehrt, haben mehrere CD’s aufgenommen. Die Musik entwickelt sich aus der Begegnung von Tango, Klassik, Klezmer und Jazz. Erstmals sind jetzt auch Bernd Rufs Söhne Ilja (18) und Ivo (20) mit dabei. Das verbindende Element der vier ist die Improvisation. Wir haben Bernd Ruf gefragt, woran man eigentlich gute Musik erkennt.

Haben Sie heute schon gute Musik gehört?

Ja, vorhin im Radio: „Billie Jean“ von Michael Jackson.

Wobei man ja für gut oder schlecht Kriterien braucht.

Allerdings, auch wenn sie in der Musik nicht wirklich objektiv sein können. Musik sollte mich als Hörer berühren, mich neugierig machen und überraschen, mich fordern, emotional wie intellektuell. Wobei auch rein unterhaltende Musik gut gemacht werden sollte. Die Qualitätskriterien müssen je nach Art der Musik eigens gefunden werden.

Gibt es auch guten Kitsch?

Mozart, Klavierkonzert Nummer 21 in C-Dur, 2. Satz ist ein super Beispiel. Mozart bewegt sich da virtuos auf einem sehr schmalen Grat zum Kitsch.

Er hat ja auch Tafelmusik geschrieben.

Ja, z.B. ganz wundervolle Divertimenti – also zur Unterhaltung, zum Vergnügen. U.a. für Klarinettentrio. Aber wenn dieser Mozart - Satz zu süßlich gespielt oder mit zu viel Hall versehen wird, kann das kippen – wie in der mit einem E-Bass gespielten Version von James Last geschehen, jedenfalls für meinen Geschmack.

Konzerte im Norden

Am Sonnabend, 14. September, ist das Jaurena Ruf Quartett mit der Sängerin Marga Mitchell ab 19.30 Uhr im Kolosseum Lübeck zu erleben mit einem Mix aus Tango, Klezmer, Latin und Jazz. Grammy Gewinner Raul Jaurena (78) gehört zu den weltbesten Bandoneon-Spielern, Bernd Ruf (54) zu den bekanntesten Lübecker Persönlichkeiten im Pop/Klassik-Bereich. Seit mehr als 20 Jahren spielen sie zusammen – jetzt erstmals mit Rufs Söhnen Ivo (20) und Ilja (18).

Am Sonntag, 15. September, spielen sie um 19 Uhr in der Kirche zu Carlow (Nordwestmecklenburg), freier Eintritt.

Am Mittwoch, 18. September, ist das Jaurena Ruf Duo mit Tango Tales ab 20 Uhr in der Galerie Kristine Hamann in Wismar zu erleben.

Ist Geschmack letztlich die entscheidende Kategorie?

Da muss man fragen: Was ist Geschmack? Geschmack setzt sich zusammen aus dem, was ich im Laufe meines Lebens erfahren, gehört, gelernt habe. Nehmen wir als Beispiel eine Brahms-Sinfonie. Bei den Brahms-Sinfonien etwa ist Konsens, dass es sich um gute Musik handelt. Aber wer sie zum ersten Mal hört, kann das vielleicht nicht nachvollziehen, weil er keinen Sinn für die vielen feinen Verästelungen entwickelt hat.

Ist das Urteil eines geübten Hörers mehr wert als das eines ungeübten?

Schwierige Frage. Jedenfalls kann Wissen und Erfahrung wie überall auch in der Musik nicht schaden. Aber für mich ist Authentizität eines der wichtigsten Kriterien. Wer etwa als Schlagersänger nicht selbst in dieser Schlagerwelt lebt, dem wird man es nicht abnehmen.

Gerade der Schlager steht im Ruf, die Menschen ruhigzustellen und einverstanden sein zu lassen mit der Welt, die eben nicht so heil ist wie behauptet.

Zumindest kann man sagen, dass es neben hervorragend produzierter auch schlecht gemachte Schlagermusik gibt. Wie es auch viele Beispiele für schlechten deutschen Hip-Hop gibt. Oder übrigens auch schlecht komponierte Klassik, die wir heute nicht mehr kennen, weil aufgrund der mangelnden Qualität vergessen. Hinter den sehr gut produzierten Schlagern stehen wie in allen Musik-Genres Top-Profis mit sehr viel Können, wie z.B. das Team um und mit Helene Fischer. Sie ist eine ausgekochte, professionelle Sängerin und Entertainerin, die mit Sicherheit musikalisch nicht da stehen bleiben wird, wo sie jetzt ist. Ich denke, sie strebt eine internationale Karriere an.

Der eine wird von Helene Fischer erbaut oder getröstet, der andere von Bach. Und beide mit Recht?

Auf jeden Fall.

Aber Musik als Beruhigung für die Massen, diese Kritik würden Sie nicht gelten lassen?

Ich tue mich schwer, daran gute oder schlechte Musik festzumachen. Da muss man differenzierter schauen. Wenn Musik bewusst als Manipulation eingesetzt wird oder sie in der Absicht zu durchschaubar ist, dann finde ich es kritisch. Säuselnde Synthesizermusik im Meditationskreis zum Beispiel löst bei mir eher Aggressionen als Entspannung aus. Da bevorzuge ich die menschliche Stimme oder ein akustisches Instrument.

Die Unterscheidung von E- und U-Musik hat für Sie vermutlich noch nie eine Rolle gespielt?

Nein. Für mich ist neben der Glaubwürdigkeit und der Neugierde vor allem wichtig, dass die Ganzheit des Menschen angesprochen wird. Also der Geist, die Seele, das Herz.

Bei Bach, sagt man, findet sich nach 250 Jahren immer noch etwas Neues. Ist das auch ein Kriterium für gute Musik?

Bach bleibt selbst auch für Musiker ein Rätsel. Man studiert Bach-Choräle und lernt die Regeln, aber dann macht er hier eine Ausnahme und dort eine zweite, dann passt es hier überhaupt nicht, dort sieht es wieder anders aus – man lernt über die Ausnahmen, über die Überraschungen. Das macht ihn immer noch so interessant.

Und bei „Let it be“ von den Beatles ist jedes Geheimnis gelüftet?

Nein, gerade die Beatles sind ja auch ein Phänomen, vor allem in der zweiten Hälfte des Beatles-Jahrzehnts. Beim „White Album“ ist in Drei- oder Fünfminutensongs alles auf den Punkt gebracht, und man fragt sich: Wie geht das? Wie kann das sein?

Müssen Sie sich als Professor für Popularmusik Vorwürfe von Ihren klassischen Kollegen anhören?

Es gab schon die ein oder andere Grundsatzdiskussion und auch die Frage: Müssen wir uns als Institut der Hochkultur auch der Coca-Cola-Kultur widmen? Das war zu Beginn, als wir den Bereich aufgebaut haben – als eine der letzten Musikhochschulen in Deutschland übrigens. Aber gerade für angehende Musiklehrer ist es enorm wichtig, auch mit populärer Musik umzugehen.

Darf man sich unter seinem Niveau an Musik freuen?

Mein Musikpädagogikprofessor in Stuttgart sagte: Man kann nicht jeden Tag Haute Cuisine essen, man braucht zwischendurch auch mal eine Currywurst mit Pommes.

Was ist Ihre Currywurst?

Es gibt wirklich sehr gut gemachte Popmusik. Sting zum Beispiel. Das ist für mich einfach stimmig. Er ist unverwechselbar, wie Supertramp oder Eric Clapton. Oder wie Bach und Mozart. Das ist ein wichtiges Qualitätskriterium: die eigene Stimme, der eigene Sound – in jeglicher Hinsicht. Da verschmilzt die Currywurst mit der Haute Cuisine. Das ist auch ein Zeichen von Qualität.

Auch, dass jemand die Entwicklung der Musik vorangebracht hat?

Auf jeden Fall. Miles Davis zum Beispiel hat sich nicht der Zeit angepasst, sondern die neuen Trends gesetzt. Oder Kraftwerk, deren immenser Einfluss bis in den New Yorker Hip-Hop reicht – und die selbst wieder von Karlheinz Stockhausen beeinflusst waren.

Jazzförderpreis für Ilja Ruf

Am Donnerstag erhält der 17-jährige Ilja ruf beim Kulturfestivals „KunstFlecken“ in Neumünster den Jazzförderpreis des Kulturforums Schleswig Holstein und gibt ein Konzert. „Ilja Ruf hat bereits in jungen Jahren bewiesen, dass er in der Jazz-Szene von Schleswig-Holstein ein Ausnahmetalent ist“, sagte Wolfgang Röttgers für die Jury.

Er ist in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen und schon als Schüler viel beschäftigt mit seiner Musik: Er spielt Klavier und Klarinette im Trio ClariNoir und im Jaurena Ruf Quartet, ist Pianist beim Hanse Jazz Quintett, komponiert Songs und Sinfonisches und studiert neben seinem Abitur Jazzklavier bei Prof. Laurens Patzlaff und Jazz-Gesang bei John Lehman als Vorstudent an der Musikhochschule Lübeck. Er spielt seit vier Jahren als Pianist im LandesJugendJazzOrchester Schleswig-Holstein, tourte mit der MHL Vocalband der Musikhochschule Lübeck durch Taiwan und nahm mit der MHL Bigband eine CD auf. In der OGT-Bigband des Ostsee-Gymnasiums Timmendorfer Strand startete Ruf vor acht Jahren als Saxophonist, bis er dort kurze Zeit später ans Klavier wechselte.

Ilja Ruf wurde als Pianist im Juni 2017 bei der Bundesbegegnung Jugend jazzt in Saarbrücken mit dem Konzertpreis der BigBand der Bundeswehr ausgezeichnet. Als Landessieger Jugend jazzt in Schleswig-Holstein nahm er dort gemeinsam mit Vincent Niessen (Kontrabass) und Alexander Ruess (Gitarre) als das ViaTrio teil. Im November 2017 gewann Ilja Ruf den Steinway Förderpreis Jazz in Hamburg.

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Ist es vielleicht gerade der Vorteil von Musik, von Kunst überhaupt, dass es fast der einzige Bereich ist, in dem nicht exakt gemessen und gewichtet werden kann?

Interessant sind ja Menschen, die das Normative, das uns umgibt, infrage stellen. Sie überschreiten Grenzen, die das Publikum vielleicht gar nicht verlassen wollen würde. Deshalb wirkt dies, vermutlich unbewusst, faszinierend.

Genregrenzen jedenfalls haben Sie noch nie interessiert?

Nein. Gerade durch die Zusammenarbeit mit Musikern aus ganz unterschiedlichen Kultursozialisationen habe ich gelernt, kein schnelles Werturteil zu geben. Die Zugänge sind eben ganz unterschiedlich, und wer sagt denn, dass meiner der richtige ist? Ich habe 2015 ein Orchesterprojekt mit Sodagreen gemacht, der bekanntesten taiwanesischen Rockband. Es klang nach asiatischem Pop und im ersten Eindruck etwas kitschig. Aber ich habe mir im Laufe der Arbeit die chinesischen Texte übersetzen lassen, las darin von Konzentrationslagern, Tschernobyl, Sisyphos, was ich durch den Klangeindruck nicht erwartet hätte. Der Text bricht bewusst die Musik und umgekehrt. Als ich dem Orchester davon erzählte, hat sich sein Spiel sofort verändert.

Man muss also offen bleiben?

Das ist das Wichtigste.

Von Peter Intelmann

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