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Kultur im Norden Wasser trinken auf der Party
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00:12 26.10.2016
Schall und Rauch: Benjamin von Stuckrad-Barre mit Zigarette vorm Mikrofon. Quelle: Fotos: Daniel Reinhardt/dpa; Verlag
Lübeck

Lübeck. Es ist eine Einladung nur, die simple Nachricht, dass ein Klassentreffen stattfinde und man sich freuen würde, wenn er käme. Es ist also nichts, was einen wirklich irritieren sollte. Benjamin von Stuckrad-Barre aber wirft die Meldung völlig aus der Bahn. Er hadert, er überlegt. Er will da nicht hin. Und er entfaltet aus diesem kleinen Anlass ein Paranoia-Panorama, auf das man erst mal kommen muss.

Panikherz“ heißt das Buch, eine Autobiografie, wobei Stuckrad-Barres Bücher im Grunde alle autobiografischer Natur sind. „Panikherz“ aber leuchtet dieses inzwischen 41-jährige Leben mit einer seltenen Gnadenlosigkeit aus. Auf fast 600 Seiten nimmt er sich selbst auseinander und setzt sich wieder zusammen. Es war einer der großen Bucherfolge dieses Frühjahrs und erhielt blendende Kritiken.

Jetzt hat er ein zweites Buch geschrieben, ein Büchlein nur, knapp 80 Seiten stark, und es hat mit dem großen Vorläufer direkt zu tun.

Panikherz“ ist vor allem auch die Geschichte von Stuckrad-Barres Drogensucht. Er hatte furchtbare Kokain-Jahre hinter sich, sie hätten ihn fast das Leben gekostet. Jetzt ist er clean seit einigen Jahren, trinkt auch keinen Alkohol mehr und besieht sich die Dinge von der anderen Seite. Er ist jetzt der, der auf Partys mit dem Glas Wasser in der Hand danebensteht. Er ist nun der Mann aus dem „Stimmungserdgeschoss“, die „nüchterne Antithese“. Und es ist eine befremdliche Erfahrung.

Wobei, er ist keiner dieser Konvertiten, die nach dem Seitenwechsel die verlassene Welt am schärfsten von allen verdammen. Er lässt beiden Bereichen ihr Recht. Er kann sie jetzt nur nicht mehr gut vertragen, diese Reden nach dem sechsten, siebten Bier, diese geplapperten Beichten und Bekenntnisse im Morgengrauen. Er kennt das alles, er hat es ja früher selbst gemacht, bis zum Exzess und darüber hinaus. Denn da waren seltsame Mächte am Werk, die ihn immer in den Mittelpunkt trieben. Es ging um Aufmerksamkeit, um maximales Interesse. Er wollte mit den großen Jungs zu tun haben, schon immer. Und es spielte keine Rolle, ob das zu Schulzeiten die angesagte Punkband aus der Region war oder später Udo Lindenberg, der US-Autor Bret Easton Ellis oder der Regisseur Helmut Dietl. Er wollte dazugehören, er wollte einer von ihnen sein, die Kosten waren egal.

Jetzt aber muss er erklären, warum er keinen Alkohol trinkt. Er guckt nun in mitleidige Augen. Und wenn er keine Lust mehr darauf hat, kommt er mit der Wahrheit und sagt, dass am Ende dieses einen Glases wieder nur die harten Drogen stünden, „der eine Rausch würde, einmal hereingebeten, dem anderen mitteilen, wo der Schlüssel ist, und flugs würden die mir die Bude auf links drehen“.

Es ist also ein großes Thema, für das er jetzt die kleine Form wählt. Es ist genau andersherum als bei der Einladung zum Klassentreffen. Aber es ist wieder in diesem Stuckrad-Barre-Sound gehalten, in diesem Ton aus Abgeklärtheit und Präzision, der ihn zu einem der interessantesten Erzähler dieser Tage macht. Und eine Meditation über das Rauchen gibt es auch noch.

„Nüchtern am Weltnichtrauchertag“ von Benjamin von Stuckrad-Barre, KiWi, 80 Seiten, 8 Euro.

Am 6. November liest der Autor in Lübeck im Rider’s Café (20 Uhr).

DREI FRAGEN AN...

. . . Benjamin von Stuckrad-Barre (41).

1 Sie trinken auch beim Ausgehen keinen Alkohol, nur Wasser. Wie lange halten Sie sich schon daran, und was hilft dabei? Seit über zehn Jahren. Es hilft die Gewissheit, dass es nur sehr kurz lustig würde für mich – und danach ziemlich rasch außerordentlich bitter. Wenn ich wirklich komplett, und anders ist es mir nicht möglich, die Avenue des Rauschs runterlatsche, wird es biografisch etwas unübersichtlich. Und da war ich schon, da will ich nicht mehr hin.

2 Und wenn Ihr Freund Udo Lindenberg Eierlikör auf den Tisch stellt, lehnen Sie ab? Von Udo kann man sehr viel lernen, zum Beispiel: Alkohol trinken, ohne Alkohol zu trinken. Höflich nippen oder so tun als ob. Ihm ist ja eine beneidenswerte, auch im kristallklaren Zustand vorhandene, habituelle Volltrunkenheit zu eigen, also alle Vorteile des Rauschs ohne dessen Nachteile. Und er beherrscht eine Technik, die er „Eiserne Wand“ nennt. Diese schnellt immer hoch, wenn die Alkoholwellen doch mal höher schwappen als üblicherweise, und er ist dann der Deichgraf, der erhaben entscheidet: So weit und nicht weiter.

3 Ist Nikotin die letzte Droge, die Sie sich gönnen können? Momentan ja. Aber auch das muss man dann beizeiten mal wieder ändern, weil einfach eine Sucht am Ende immer eine Freiheitsberaubung darstellt. Und eine Sucht zu beenden bedeutet meistens, sie gegen eine andere einzutauschen. Ich suche also noch nach einer interessanten neuen, die ich dann eintauschen kann gegen das Rauchen. Wenn Sie da Ideen haben: gern!

Peter Intelmann

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