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Kultur im Norden Weltliteratur mit Gesang: „Die Nibelungen“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Weltliteratur mit Gesang: „Die Nibelungen“
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14:31 30.09.2019
Sigi Stargast und seine Kumpane: Markus John, Lina Beckmann, Ute Hannig, Clemens Sienknecht und Yorck Dippe (v. l.). Quelle: Matthias Horn/hfr
Hamburg

Es ist ja nicht zu übersehen, dass Bezahlfernsehsender und Streamingdienste mit ihren Großserien seit einigen Jahren das literarische Erzählen bestimmen. Es ist deshalb nur logisch, dass sich auch das Theater der Serienform bemächtigt.

Der Bühnenmusiker Clemens Sienknecht und die Regisseurin Barbara Bürk sind Vorreiter dieses Trends und mit ihren literarisch-musikalischen Experimenten im Hamburger Schauspielhaus bei der dritten Folge angekommen. Die beiden bedienen sich in jedem dieser Sequels bei der Weltliteratur und präsentieren das jeweilige Werk der Hochkultur mit den Mitteln der Popkultur. Nach Fontanes „Effie Briest“ kam Tolstois „Anna Karenina“ und nun das deutsche Nationalepos „Die Nibelungen“, alle mit der Titelergänzung „allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“.

„Wie der Faust aufs Gretchen“

Das mit der Melodie ist wichtig, denn Sienknecht und Bürk erzählen die bekannten Geschichten mit ebenso bekannten Evergreens, manchmal wird auch klassisches von Beethoven oder Brahms angestimmt. Die Songtexte haben zwar selten etwas mit der Handlung zu tun, aber die Art, wie sieben Akteure auf der Bühne das Liedgut intonieren, passt zu ihren Rollen „wie der Faust aufs Gretchen“, um einen schnellen Gag aus dem Stück zu zitieren.

Termine

Weitere Vorstellungen: Sonnabend, 5., Sonnabend, 12. und Donnerstag, 24. Oktober; Kartentelefon: 040 – 248713

Sienknecht selbst ist Siegfried, der Drachentöter, gekleidet wie ein Besatzungsmitglied des Raumschiffs Orion. Er gibt die Musik vor, mal am Flügel, mal mit Gesang. Ein rasantes Medley aus Songs von Culture Club bis Spice Girls stellt das Personal vor – nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt –, das sich allen Modetorheiten und dem Musikgeschmack der 1970er und 1980er Jahre unterwerfen muss. Die Schauspieler Markus John, Ute Hannig, Yorck Dippe, Michael Wittenborn und Lina Beckmann, der Musiker Friedrich Paravicini und eben Clemens Sienknecht führen eine groteske Choreografie vor wie die Temptations seligen Gedenkens – viel synchrones Rumgefuchtel und verwegene Beinarbeit.

Sechs Meter Stau auf der A7

Wir befinden uns also zum dritten Mal in einer Radioshow des Senders Walhalla, Musik- und Hörspielaufnahme im Sendestudio bilden den Rahmen für die Nibelungengeschichte. Die hehre Saga muss Werbung für „Mini-Maxi-Müller-Moden“ ebenso ertragen wie wiederkehrende Verkehrsmeldungen („Sechs Meter Stau auf der A7“).

Siegfried, als „Sigi Stargast“ mit David-Bowie-Klängen avisiert, stirbt in dieser Show zum Hörerwunsch „Isn’t it a Pity“ („Der Song ist für Petra Griesbaum aus Schweinfurt“), Hunnenkönig Etzel (Wittenborn) verschafft sich Geltung mit „I don’t Need No Doctor“, Brunhilde (die wunderbar chargierende Beckmann) haucht „Sweet Nothin’s” im Minikleid und mit affektiertem Körpereinsatz wie einst Nancy Sinatra. Alles wunderhübsch gesungen, vieles mehrstimmig, selbst wacklige Instrumentalstücke werden virtuos vorgetragen.

Viel Horror

Das klingt nach Klamauk, und diese „Nibelungen“ wollen auch vor allem Spektakel bieten. Doch nicht nur. Die mittelalterlichen Aventüren von Liebe, Verrat, Mord, Rache und Untergang werden artgerecht vorgetragen und vorgespielt, wenn auch, wie angekündigt, mit abweichendem Text. Dass in der Sage viel Horror steckt, wird nicht geleugnet. Selbst der Showrahmen wird samt etlicher kunstfertiger Pannen mit heiligem Ernst aufgeführt.

In zwei Stunden wird das gerühmte Heldenepos allerdings auf das Format eines Popsongs geschrumpft. Oder einer Fernsehserienfolge. Das Theater beweist ganz nebenbei, dass es auch diese Form beherrscht. Am Schluss kündigt das Ensemble an, dass es sich als Nächstes die Bibel vornehmen werde, allerdings, wie gehabt, „mit anderem Text und auch anderer Melodie“. Das sollte man nicht als Drohung, sondern als realistischen Ausblick verstehen und sich darauf freuen.

Von Michael Berger

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