Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Wer kriegt den Goldenen Bären?
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Wer kriegt den Goldenen Bären?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:10 23.02.2018

Erst hat er als Flüchtling vor den Nazis in Christian Petzolds Drama „Transit“ Begeisterung entfacht und gestern noch einmal als Gabelstaplerfahrer in Thomas Stubers zart-herber Liebesgeschichte „In den Gängen“. Unisono preisen beide Regisseure die Körperlichkeit des gelernten Tänzers. Petzold fühlte sich an den jungen Jean-Paul Belmondo erinnert, mit Stuber studierte Rogowski kleine Choreografien zwischen Nudelregalen ein.

Die steile Karriere mit Filmen unter der Regie von Sebastian Schipper („Victoria“), Michael Haneke („Happy End“) und demnächst US-Legende Terrence Malick („Radegund“) ist besonders bemerkenswert, weil Rogowski lispelt. So ein menschlicher Makel wird Schauspielern selten zugestanden. Steht er aber vor der Kamera, mischen sich beeindruckend Entschlossenheit und Verletzlichkeit in sein Spiel.

Die 68. Berlinale und die deutschen Filme: Das war überhaupt eine erfreuliche Begegnung. Leer dürften die vier deutschen Bären-Kandidaten in einem insgesamt wenig spektakulären Wettbewerb jedenfalls keinesfalls ausgehen. Und Jury-Präsident Tom Tykwer wird damit ein Problem haben: Darf er deutsche Regisseure zu sehr in den Vordergrund rücken?

Petzolds originelle Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“ stach schon mal hervor. Klug hat er das Thema zu aktualisieren gewusst, das dieses Festival durchdrungen hat: der Umgang mit Flüchtlingen. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit hatte sich jedoch eine andere Frage gedrängt: Wie lässt sich der Schwung der „#MeToo“-Bewegung in die Praxis umsetzen?

Beim Befund waren sich alle einig in zahlreichen Diskussionsrunden. Männlich dominierte Machtstrukturen sind der Sumpf, in dem sexuelle Übergriffe gedeihen. „MeToo“ beeinflusste auch den Blick auf die Filme selbst. Der Inhalt eines Werks wird inzwischen leicht gleichgesetzt mit der Meinung seiner Macher. Sollte es jemand wagen, Dieter Wedels Leben zu verfilmen, muss er aufpassen, sich bei Bademantel-Szenen nicht dem Verdacht der Komplizenschaft auszusetzen. Wie aber soll man den vielzitierten männlich dominierten Blick dann zeigen? Und noch eine Frage dürfte künftig Kopfzerbrechen bereiten: Gehört es zur Aufgabe einer Filmauswahl-Jury, belastete, aber juristisch nicht belangte Regisseure auszuschließen?

Im nächsten Jahr legt Dieter Kosslick seinen letzten Auftritt als Intendant auf den roten oder wie auch immer eingefärbten Teppich hin. Die leidige Nachfolge ist dann definitiv geregelt. Auch nach dem Abgang des obersten Spaßbären dürfte die Berlinale ein wild wucherndes Großstadt-Festival bleiben, das Besucher magisch anzieht. Stefan Stosch

LN