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Kultur im Norden Wie Grass und Reich-Ranicki Feinde wurden
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13:14 12.09.2019
1995: Im „Spiegel“ verreißt Marcel Reich-Ranicki Grass‘ Roman „Ein weites Feld“ – das Titelbild des „Spiegel“ setzte die vernichtende Kritik optisch in Szene. Quelle: Bildausschnitt vom Original Titel „Der Spiegel“ Fotomontage
Berlin

Da war was los, damals! In den Sechzigern bis zu den Neunzigern. Die Literaturkritik wurde hochgehalten, Günter Grass (1927-2015) kannten auch Schüler aus dem Deutschunterricht, und wer las, der las auch oft Kritiken von Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), der ja als „Literaturpapst“ galt. Aber was sagt der 1988 im „Literarischen Quartett“ über Grass‘ Indien-Tagebuch „Zunge zeigen“? Er keift. „Was steht denn da drin?“, fragt er die anderen, die mit ihm live im ZDF-Studio diskutieren. „Wozu soll ich eigentlich ein Buch über Kalkutta lesen? Was ist mit diesem Grass los? Ich meine, der ist doch ein Talent sondergleichen. Aber er kann kein Thema mehr finden, ist ausgeschrieben. Schwamm drüber, gehen wir mal weiter.“

Reich-Ranicki zerreißt Grass

Zu dieser Zeit war das Freundschaftsverhältnis zwischen beiden Männern längst zerbrochen. Beide müssen darunter gelitten haben, denn sie hatten einst große Gemeinsamkeiten. Vor allem Reich-Ranicki ist nachtragend. 1995 verreißt er Grass‘ Roman „Ein weites Feld“. Auf dem Titel des „Spiegel“ gab es eine „unselige Karikatur“, erzählt Volker Weidermann. Ein auf einer Fotomontage entfesselter, tobender Reich-Ranicki zerreißt das Grass‘sche Buch mit bloßen Händen. Weidermann schreibt: „Reich-Ranicki fand die Karikatur grauenvoll. Der Ruhm hat ihn gefreut. Und Günter Grass blieb sein liebster Gegner.“

Grass, inzwischen Literaturnobelpreisträger, verlangt eine Entschuldigung von Reich-Ranicki. Dann würde er ihm ein „Versöhnungsangebot“ machen. Der denkt nicht mal darüber nach, und legt noch mal nach. Grass habe doch eine gewaltige Sprachkraft, aber er sei „mit der Erotik noch nie zurande gekommen“. Er klagt, dass „nicht einmal handfeste Sauereien in dem Buch zu haben“ seien. Zu einem anderen Roman urteilte er: „Das Buch ist leer.“

Eine für das Publikum unterhaltsame Fehde

Für das Publikum waren die zwanzig Jahre der offenen Fehde zwischen Grass und Reich-Ranicki außerordentlich unterhaltsam. Wie sie immer wieder verbal aufeinander losgingen, wie sie durch ihre Herkunft und Biografie verkettet waren, wie sie die Literatur über alles liebten, was sie ebenfalls verband, und ihr Größenwahn. Einer der berühmtesten deutschen Schriftsteller und der berühmteste deutsche Kritiker zeigten sich unversöhnlich.

Am Anfang war noch Sympathie

Volker Weidermann erzählt in seinem Buch, dass das einmal anders war. Als sich der Ostpreuße und der Berliner Jude zum ersten Mal 1958 in Warschau treffen, empfinden sie Sympathie füreinander. Reich-Ranicki erzählt Grass, wie er mit seiner Frau den Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Grass ist fasziniert und bittet Reich-Ranicki, ob er diese Geschichte haben kann. Grass „schlachtet“ die Geschichte aus, als das Buch erscheint, möchte Reich-Ranicki ein Honoraranteil – und erhält allerdings von Grass nur eine seiner Grafiken, mit der er nichts anfangen kann.

„Scharfrichtermethoden der deutschen Kritik“

Sie waren bei der Erstbegegnung auch auf den Roman zu sprechen gekommen, an dem Grass‘ damals schrieb: „Die Blechtrommel“. Dem temperamentvolle Reich-Ranicki gefiel die Geschichte nicht, und das sagte er dem Autor. Grass wird gekränkt gewesen sein. Aber auch noch als sein Buch ein Bestseller war, schimpfte Reich-Ranicki darüber. Einige kleine Bücher von Grass und die Gedichte hat er gelobt. Die Großromane missfielen ihm, was Grass dazu brachte, im Fernsehen zu zetern, Reich-Ranicki habe ein Kritikverhältnis wie Joseph Goebbels. Noch 1999 in Stockholm, als Grass den Nobelpreis erhielt, beschwerte er sich in seiner Rede über Scharfrichtermethoden der deutschen Kritik. Es war klar, wen er meinte.

Zwei Männer derselben Generation, die ihr Verhältnis einmal mit einer Ehe verglichen hatten, kamen bis zu ihren Toden nicht mehr zusammen. Das ist traurig, aber es hatte Gründe. Volker Weidermann beschreibt und analysiert sie.

Info: Volker Weidermann: „Das Duell.“ Kiepenheuer & Witsch, Köln, 314 S., 22 €

Von Roland Mischke

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