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Wie Lübecks Salondame Ida Boy-Ed der Literatur den Weg bereitete

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10:00 08.02.2021
Salondame des kulturellen Lebens in Lübeck: Ida Boy-Ed (1852–1928).
Salondame des kulturellen Lebens in Lübeck: Ida Boy-Ed (1852–1928). Quelle: LN-Archiv
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Lübeck

Im Gedächtnis der Lübecker lebt fort, dass Ida Boy-Ed die Hansestadt mit Thomas Mann versöhnte. Der Sohn einer wirtschaftlich gescheiterten Kaufmannsfamilie hatte den Verfall seiner Sippe in dem umfangreichen Roman „Buddenbrooks“ detailliert und vor allem ironisch geschildert. Das Werk galt in der Hansestadt schnell als „Nestbeschmutzerroman“. Emil Possehl, damals erfolgreichster Lübecker Kaufmann und später Gründer der bekannten Stiftung, hielt das Buch für ein „Zerrbild lübscher Familie und Kaufmannsgeschichte“ und für schlicht unmoralisch.

Thomas Mann (l.) beschrieb Ida Boy-Ed als „die hohe, schöne, klug blickende Frau“. Quelle: hfr

Eine Förderin der Lübecker Literatur und Musik

Er war einer von vielen. Sie alle überzeugte Ida Boy-Ed davon, wie wertvoll Thomas Manns Roman für Lübeck ist. Sie empfing den späteren Nobelpreisträger immer wieder in ihrer aparten Wohnung neben dem Burgtor, die ihr der Senat 1903 ehrenhalber zur Verfügung gestellt hatte. Thomas Mann charakterisiert sie als „die hohe, schöne, klug blickende Frau, die (…) im Lande berühmt war“. Manche Lübecker wissen von ihr noch, dass sie im Alter exzellente junge Dirigenten – vor allem Hermann Abendroth und Wilhelm Furtwängler – als Generalmusikdirektoren der Lübecker Philharmoniker durchsetzte.

Vamp, Sexsymbol, unterschätzte Schriftstellerin

Forschungen in Bayern haben dieses Lübecker Bild ergänzt und Eigenschaften der Schriftstellerin betont, die man im Norden so bisher nicht kannte. Unter süddeutschen Autoren des Naturalismus galt sie als eine Art Vamp und Sexsymbol. Wer war diese Frau?

Ida Boy-Ed war die Tochter des liberalen Lübecker Zeitungsverlegers Christoph-Marquard Ed und von Jugend an literarisch interessiert. 1870 ging sie mit 18 Jahren eine konventionelle und, wie sich erwies, ganz und gar verfehlte Ehe mit dem Lübecker Kaufmann Carl Johann Boy ein. Mit ihm bekam sie in rascher Folge vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Boy war ein schwacher und apathischer Mann. Er nahm keinen Anteil an den schriftstellerischen Versuchen seiner Frau, interessierte sich aber auch nicht für seine Firma, die wirtschaftlich verlotterte. Seine Sippe indessen fand alles Kulturelle ganz grässlich. Sie verboten Ida jede schriftstellerische Tätigkeit und machten ihr das Leben unerträglich.

KCarl Boy-Ed (1872-1930), hier als Fregattenkapitän der deutschen Kaiserlichen Marine. Quelle: hfr

Ein Skandal für die Lübecker Gesellschaft

In der einschlägigen germanistischen Literatur wird Familie Boy als „bösartig“ geschildert. Dies führte im Herbst 1878 zu einem Skandal, wie ihn Lübeck lange nicht gesehen hatte. Mit 26 Jahren warf Ida verzweifelt ihre ganze Lübecker Existenz hin, überließ ihre drei jüngsten Kinder der Obhut ihrer Schwester und floh mit dem ältesten Sohn nach Berlin. Sie wollte auf eigenen Füßen stehen und sich mit Schreiben durchbringen.

Ringen um Selbstbestimmung

In Berlin hatte sie eine schwere Zeit. Mühselig verdiente sie sich winzige Zeilenhonorare von Berliner und Wiener Zeitungen, hungerte sich buchstäblich durch, lernte aber im Umfeld des „Berliner Tageblatts“ das Handwerk der Schriftstellerin. Doch es ging nicht voran. Familie Boy zwang sie zur Rückkehr. Sie lebte, von der Familie ihres Mannes verachtet, von der feineren Lübecker Gesellschaft ignoriert, an der Seite ihres teilnahmslosen Gatten dahin und schrieb in jeder freien Minute.

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Allmählich kam der Erfolg. Sie übernahm das Feuilleton der Tageszeitung, die ihrem Vater gehörte. 1882 erschien eine erste Novellensammlung, 1885 brachte sie auf einen Schlag gleich drei Romane heraus. Schließlich wurde sie von Familienzeitschriften wie der „Gartenlaube“ gedruckt, was damals sehr lukrativ war.

Erfolgreicher als Thomas oder Heinrich Mann

Um 1900 begab es sich dann, dass die Firma Boy, nach jahrelanger Verschleierung, über Nacht Bankrott ging. Alles, aber auch alles war hin: die Villa an der Wakenitz, Aktien und Staatsanleihen, aber auch ihr vom Vater geerbter Anteil an der Lübecker Tageszeitung, die damals im Gebäude der heutigen Musikhochschule redigiert und gedruckt wurde. Jetzt hing die Existenz der Familie ganz allein von ihr, ihrer emsigen Feder, ihrem unaufhaltsamen Fleiß ab. Sie verdiente Geld, sehr viel Geld, veröffentlichte bis zu ihrem Lebensende über 70 Bücher. Nimmt man die Höhe der Auflagen zum Maßstab, so war sie bis zum Ersten Weltkrieg erfolgreicher als Heinrich oder Thomas Mann.

Alexander Bastek, Leiter des Behnhaus Drägerhaus, präsentiert 2015 das Bild „Ida Boy-Ed“ von Max Slevogt – Bildnis einer Lübecker Persönlichkeit. Quelle: dpa

Eine Amour Fou

Was in Lübeck nahezu unbekannt ist und von ihr erstmals kurz vor dem Tode in den „Erinnerungen“ angedeutet wird: Ab 1883 erlebte sie eine Amour Fou mit dem Münchner Schriftsteller und Wagnerianer Michael Georg Conrad. Der heute nahezu vergessene Autor soll eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein. Er hatte lange in Italien und Frankreich als Korrespondent wichtiger deutschsprachiger Zeitungen gearbeitet, kannte Nietzsche, Wagner und Zola persönlich und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, deren Ideenwelt und Kunstprogramm in Deutschland publizistisch durchzusetzen: „Seine Beredsamkeit hatte Töne von Leidenschaft, man spürte ein Temperament von ungewöhnlichem Feuer“, schreibt Boy-Ed. Es gibt ähnliche Charakterisierungen von Rainer Maria Rilke, Thomas Mann und Erich Mühsam. Franziska von Reventlow sprach ihn mit „Mein teurer und verehrter Meister“ an.

Schlüsselroman einer Affäre

Die Affäre Conrads mit Boy-Ed dauerte mindestens bis 1885. Beide Liebenden waren noch anderweitig verheiratet. Das verursachte einen gewissen Wirbel. Ida Boy-Ed ist in mehreren naturalistischen Werken der Zeit als Femme Fatale porträtiert worden. Vor allem aber erschien 1891 von Wolfgang Kirchbach in Dresden der Roman „Weltfahrer“, in dem die Liebesgeschichte breit geschildert wird. Originalbriefe von Conrad und Boy-Ed sollen verarbeitet worden sein. Ida heißt im Roman Ada und stammt aus Hamburg und nicht aus Lübeck. Kirchbach prangert die zügellose Moral („Ehewechsel“) seiner Figuren an. Boy-Ed wird als „Rasseweib“ geschildert, das die Männer verrückt mache. „Wie im Opiumrausch“, drängt es den Erzähler zu „Ada, um zu lieben, um zu sündigen“. „Leidenschaft“, „Sünde“, „geistige Lustseuche“ sind die Stichworte des so schlüpfrigen wie moralisierenden Romans. Schande, Geilheit, Eifersucht beschäftigen die Charaktere über drei Bände.

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Aus gut unterrichteten Kreisen

Für Boy-Ed und Conrad lag das Geschilderte mehr als ein halbes Jahrzehnt zurück. Sie empfanden den Schlüsselroman als infam. Conrad strebte ein Reichstagsmandat an. Boy-Ed veröffentlichte Romane in konservativen Familienzeitschriften. Beide waren auch um ihren Ruf besorgt. Ihre Liebe hatte sich in eine Freundschaft verwandelt. Sie fuhren bis 1914 regelmäßig zu den Bayreuther Festspielen, gehörten zum engsten Kreis um Cosima Wagner und trafen sich dort hin und wieder. Viele Briefe und andere Originaldokumente sind 1943 bei der Bombardierung der Bibliothek Schweinfurt zerstört worden. Die Stadtbibliothek München besitzt nun die umfangreichste Conrad-Sammlung. Dort findet sich auch einiges über Boy-Ed. In den gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen wusste man das alles.

Wie sich die Zeiten ändern

Das Buddenbrookhaus besitzt einen Brief Heinrich Manns aus dem Jahr 1909 an den Lübecker Freund Ludwig Ewers: „Was Du mir von den Lübecker Häusern erzählst, ist interessant. Besonders Tommy hört immer gern von Lübeck. Frau Boy-Ed hält ihn ein wenig auf dem Laufenden. (…) Übrigens ist sie ja jetzt eine der größten Damen von Lübeck, die den ganzen Senat bei sich sieht. Wie die Zeiten sich ändern! Aber Tommy und mich kann sie trotz ihrer Autorität noch nicht zu Ehren bringen in Lübeck, dann protestieren die Herren.“ Hier irrte Heinrich Mann!

(Unser Autor arbeitet gerade an einem historischen Roman über das Lübeck Ida Boy Eds)

Von Christian Schwandt