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Kultur im Norden Wenn Glück unter die Haut geht
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17:34 30.12.2018
Der Tätowierer aus Teheran: Die Striche und Symbole auf Shahabs Hand stehen jeweils für einen Neuanfang oder ein besonderes Ereignis in seinem Leben. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck/Hannover

Der schlimmste Moment, an den er sich erinnern kann, ist der, in dem er sich noch einmal umdrehte. Noch ein einziges Mal, um seine Mutter anzuschauen. Wie sie ihn festhielt, um loszulassen. Wie sie all ihre Kraft aufbrachte und versuchte, zu lächeln. Er war der zweite Sohn, den sie verlor. Der Erste war tot. Der Zweite musste fliehen. Die Nacht war angebrochen und die Dunkelheit wartete, um ihn ins Ungewisse mitzunehmen. Er schaute sie an und sagte, sie solle sich keine Sorgen machen, obwohl er voller Sorge war. Dann dreht er sich um.

Und war weg.

Er fuhr zum Flughafen von Teheran und traf eine Frau, die er nicht kannte. Seine Ehefrau. Zwei Fremde, die sich am Gate zum ersten Mal begegneten, sollten für die nächsten Stunden im Flieger nach Venedig als offizielles Paar aus ihrer Heimat entkommen. Und als er mit seiner Fake-Frau, seinem Fake-Visa und dem Rest seiner Fake-Papiere am Schalter stand, um den ersehnten Ausreise-Stempel für Europa zu bekommen, starb er innerlich vor Angst. „Dieser Augenblick kam mir vor wie eine Ewigkeit“, sagt der Junge mit dem traurigen Blick. „Vielleicht waren es nur Sekunden. Aber es war, als würde die Zeit still stehen.“

Per Fake-Visum raus aus dem Iran

Wie in Zeitlupe hob der Beamte am Schalter den Stempel, um Shahabs neues Leben zu besiegeln. Wie in Zeitlupe donnerte die Tinte auf die Reisedokumente. Dann war es geschafft. Vor Shahab lag die Freiheit in der Fremde, hinter ihm die Vergangenheit im Verborgenen.

Auf dem Papier hatte er ein zehntägiges Visum für Europa. Auf dem Plan hatte er, es nie wieder zu verlassen. Aber wo sollte er hin? Was sollte aus ihm werden? Würde die neue Welt gut zu ihm und seinem Traum sein? Lächerlich, was er als seinen „Traum“ bezeichnet - „lächerlich für alle, die in einem Land aufwachsen, in dem sie frei sind und selbst entscheiden dürfen, welchen Beruf sie ausüben, was sie anziehen und welche Meinung sie haben“, sagt er.

Aus einem normalen iranischen Jungen war ein illegaler Flüchtling geworden, weil er Tätowierer ist. „Das ist dort kriminell, es wird als Teufelsanbeterei verschrien“, erzählt Shahab. „Darauf kann Gefängnis und im schlimmsten Falle auch die Todesstrafe stehen. Für europäische Verhältnisse unglaublich, oder?“ Er nimmt einen Schluck Tee.

Angeschwärzt von der Ex-Freundin

Natürlich könnte man jetzt meinen, er hätte es ja lassen können, weil er ja gewusst habe, worum es geht. Aber was, wenn das Tätowieren für Shahab alles war? Was, wenn Zeichnen ihm über die Trauer um den toten Bruder hinweggeholfen hat, über dessen Tod er nicht sprechen mag. Was, wenn Tätowieren nun mal seine Erfüllung war? Sein größter Traum, dem er nicht widerstehen konnte.

Es war ja noch nicht mal das Tätowieren, das ihn in die Fremde befördert hatte. Es war seine Ex.

Shahab hatte sich im Untergrund von Teheran ein sehr gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut, eine richtige Tattoo-Szene, illegal zwar, aber die Nachfrage war riesig, weil je verbotener etwas im Iran desto begehrter ist es. Der Junge hatte sich das alles selbst beigebracht. „Mit Youtube“, verrät er. Das ist im Iran zwar zensiert und kaum abrufbar, aber Shahab hatte es irgendwie geschafft, eine Anleitung downzuloaden und konnte sich in fünf Minuten abschauen, wie Tätowieren geht. Er griff zu seiner Tätowier-Maschine, die er einst von geliehenem Geld und in alle Einzelteile zerlegt aus der Türkei eingeschleust hatte und probierte sich an dem Rücken seines Cousins aus. Das Ergebnis war großartig, der Cousin war begeistert. Und Shahab bestätigt.

Es sprach sich herum, was er konnte. Er hatte einen guten Ruf in der Stadt und weil er sich vor Anfragen irgendwann nicht mehr retten konnte, mietete Shahab ein Haus im betuchten Norden von Teheran, wo er einen Kosmetikstuhl als Tarnung hinstellte - aber in Wahrheit fleißig Menschen tätowierte. Es lief bestens.

Neben seinem Studium arbeitet Shahab fleißig als Tätowierer in einem Studio. Quelle: Lutz Roeßler

„Es war ein ganz normaler Streit, wie man sich eben unter Pärchen streitet“, erzählt Shahab. „Wir hatten ein paar Tage Funkstille, als dann plötzlich der Anruf kam.“ Ein Freund war am anderen Ende der Leitung, um ihn zu warnen, dass die Polizei soeben mit mehreren Beamten sein Haus im Norden gestürmt und sämtliches Beweismaterial wie seinen Rechner, Malvorlagen, Schablonen und Tattoo-Tinte mitgenommen habe. Und einen anderen Freund noch dazu.

„Bleib bloß, wo du bist“, sagte der Kumpel am Telefon.

Seine Ex hatte ihn verpfiffen.

Mit Nichts nach Europa

Shahab versteckte sich in seinem Elternhaus und dann ging alles ganz schnell. Der verhaftete Freund wurde nur unter der Auflage freigelassen, dass er auspackt. Also nannte er Hof und Reiter und rief Shahab an. „Es tut mir leid.“

Shahab tauchte bei seiner Mutter unter und wusste, er konnte da nicht bleiben: Er war ein Gesuchter – und wenn sie ihn finden würden, den Jungen, der sich schon immer fürs Zeichnen und Wandmalereien interessierte, wenn sie ihn aufgreifen würden, den Träumer mit der türkischen Tätowier-Maschine , wenn sie ihn jetzt fänden, wusste Shahab, wäre er weg vom Fenster. Gerade einmal 23 Jahre alt und so gut wie tot. Ob er seine Zeit nun im Knast oder in der Todeszelle absitzt.

Im Flieger nach Venedig wurde das Reisegemurmel laut, seine Fake-Frau und er führten belanglose Und-Du-so-Gespräche und der Junge saß da und sah, wie die Wolken am Nachthimmel von Teheran an ihm vorbei zischten und die Lichter der Stadt unter ihm verschwanden.

In Venedig kam er für eine Woche bei Bekannten unter, von da ging's mit dem Zug nach Österreich und nach Tschechien, bis ihm ein anderer Bekannter anbot, ihm bei seinem Asylantrag zu helfen, wenn er nach Hannover komme, wo er wohnte. Shahab fuhr in den Norden, in seinem kleinen Koffer ein einiziges Set Wechselklamotten und die türkische Tätowiermasche. Er landete schließlich in einem Flüchtlingscamp in der Nähe von Bremen, wo er in einem riesigen Zelt untergebracht wurde. Seine Mitbewohner waren zwei iranische Junkies, die den ganzen Tag damit beschäftigt waren, sich den nächsten Schuss zu setzen. Eine Pritsche, ein Schrank, ein kaltes Zelt und sein Koffer - das war der Anfang seines neues Lebens im November 2016.

Das erste Tattoo in Freiheit

Shahab konnte ja gar nicht anders und packte die Maschine aus, um sich abzulenken. Und er sprach im Camp die Bewohner an, dass er tätowiere. Es dauerte nicht lange, da kam ein Serbe und gab ihm 10 Euro für ein Bild unter der Haut. Shahab war so glücklich, dass er sich danach mit dem Zehner in der Hand zu Fuß über zwei Stunden in die Stadt aufmachte - nur, um sich davon einen Burger bei McDonalds zu kaufen und wieder zu Fuß in der Kälte zurückzulaufen, weil nachts keine Busse und Bahnen in die Bremer Pampa fahren. Tränen steigen ihm in die Augen, wenn er sich an diese Nacht erinnert. „Ich werde nie vergessen, wie gut dieser Burger geschmeckt hat.“

Es war der Geschmack der Freiheit.

Und es war nicht der letzte lange Fußmarsch, den Shahab machte, denn es war ihm egal, wie weit er laufen musste, wenn er nur weit genug vom Camp weg war, in dem die Junkies ihm eines Tages seine Sachen klauten und er vor lauter Kälte darum bat, woanders unterzukommen. Zunächst wanderte er ein Zimmer im Zelt weiter, dann aber kam er im Laufe seines Asylverfahrens in ein Wohnheim etwas näher an Bremen heran. Von da ging es täglich in ein Tattoo-Studio, in dem er Klinken putzte, weil er kein Geld verdienen durfte. Es war ihm egal. „Hauptsache, ich konnte lernen.“

Ich bin froh, hier leben zu dürfen und das machen zu können, worauf ich Lust habe“, sagt Tätowierer Nico Wagner. Quelle: Lutz Roeßler

Glück ist Glücksache

Und Shahab lernte viel und ging eines Tages auf seinem Weg ins Studio an einem Gebäude vorbei, das ihn neugierig machte. Er ging hinein und es stellte sich heraus, dass es die Hochschule der Künste war. Und weil Shahab sich noch nie von seinem Willen hat abbringen lassen, bewarb er sich mit einigen Zeichnungen und wurde zu einer Vorstellungsrunde eingeladen. Da saß er dann vor einem Professor im Aufnahmeverfahren, der ihm 30 Minuten Zeit und eine Aufgabe gab, die lautete: Wie findet mich das Glück?

Shahab brauchte keine 30 Minuten, er brauchte nicht einmal drei Minuten als er zu einer Münze griff und den Professor fragte: „Kopf oder Zahl?“ Dann warf er die Münze, um zu demonstrieren, Glück ist Glückssache. Er wurde genommen und ist seitdem offiziell Kunststudent.

Neben dem Studium verbringt Shahab bis heute sehr viel Zeit fürs Gehen und Fahren. Er muss für seinen Studienplatz seine Deutschkenntnisse aufbauen, also fährt er vier Mal die Woche mit dem Zug täglich von Bremen nach Hamburg zu einem Aufbaukurs, die anderen drei Tage fährt er ebenfalls nach Hamburg in ein sehr renommiertes Tattoo-Studio, in dem er jobbt. Das ist anstrengend, aber der Status als Student und der Nicht-Mehr-Status als Asylant bringen andere Auflagen mit sich und bedeuten, dass es keine Unterstützung mehr vom Staat gibt. Shahab ist auf sich allein gestellt. Das Glück ist wieder mal Glückssache.

Sein größter Wunsch ist, dass seine Mutter eines Tages wieder glücklich ist. Sein Name bedeutet im Übrigen Sternschnuppe.

Schabnam Tafazoli