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Kultur im Norden Wie sich das Burgtheater in Ratzeburg gegen das Kinosterben wehrt
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11:45 16.08.2019
„Das Schönste, was es gibt“: Burgtheater-Chef Martin Turowski im Großen Saal. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Ratzeburg

Martin Turowski war neun, als er seinen ersten Film im Burgtheater sah. „E. T“, der Außerirdische. Er fand das großartig. Der dunkle Saal, der Vorhang, der sich zur Seite bewegte, die Bilder, die plötzlich da waren wie aus dem Nichts. Es lag ein großer Zauber über diesem Moment. Das hat sich bis heute nicht geändert. Nur dass er das Kino jetzt leitet, in dem er damals gesessen hat.

Seit 2004 ist der gebürtige Ratzeburger Geschäftsführer des Burgtheaters. Da hatte es bereits eine lange Geschichte hinter sich, inklusive Insolvenz. Er hat früh schon im Kino gearbeitet, hat Karten abgerissen, Filme vorgeführt, mit 27 war er plötzlich verantwortlich. Und weil ihm das alles sehr am Herzen lag, hat er mit zwei Freunden eine Gesellschaft gegründet und das Kino übernommen. Heute steht es ziemlich gut da. Ein „Landkino“, wie er sagt, das aber immer wieder von sich reden macht.

Seit 2013 jedes Jahr ausgezeichnet

Mit Preisen zum Beispiel. Seit 2013 sind sie jedes Jahr vom Land ausgezeichnet worden, zuletzt als bestes Kino im ländlichen Raum. Auch in Berlin hat man bemerkt, was sie da tun im Herzogtum Lauenburg, fernab der Metropolen. 2016 gab es dafür den Kinoprogramm-Preis der Bundesregierung. Vergangenes Jahr wurden sie unter die beliebtesten Kinos in Deutschland gewählt. Das alles freut sie sehr. Und das alles hat seine Gründe.

Kino im Burgtheater, das ist für jeden etwas, sagt Martin Turowski. Aber eben auch das Besondere. Sie haben zum Beispiel einen Filmclub, mit etwa 1300 Mitgliedern den größten der Republik. Sie zeigen Mainstreamfilme, natürlich, aber sie zeigen auch Arthouse, jede Menge. Dann laufen ausgewählte Filme am Montag und am Sonntag, am Dienstag Dokumentationen. Sie haben einen Saal mit 350 Plätzen, so viel wie kaum ein anderer in Schleswig-Holstein. Sie kümmern sich um Kinder und Jugendliche, um Schulen. Gut die Hälfte aller Filme sind für jüngere Zuschauer. Es gibt ein Programm für die ganz Kleinen mit gedimmtem Licht, leiserem Ton und einer Toilettenpause zwischendurch. Es gibt Partys im Kino. Und bei „Bohemian Rhapsody“ spielte im Saal eine Queen-Coverband.

Kino unter freiem Himmel mit der Leinwand im See

Und sie fahren zusammen mit dem Kino Mölln raus auf die Dörfer. Seit Jahren machen sie das, mit viel Aufwand und Ehrenamt, und zeigen Filme mit modernster Technik unter freiem Himmel. Die Leinwand steht dann in Salem oder bei der Heuherberge in Dargow, manchmal steht sie auch im Ratzeburger See. Zu sehen gibt es „Leberkäsjunkie“ oder „Mord im Orient-Express“, und manchmal wie bei der Kieler „Tatort“-Premiere voriges Jahr in Niendorf an der Stecknitz kommen 1005 Zuschauer. Es sind nicht immer so viele, bei „Tschick“ zum Beispiel waren es nur etwa hundert. Aber da hat es auch in Strömen geregnet, und dann sind hundert ungefähr so viel wie 1005 bei Kommissar Milberg.

Kino, sagt Martin Turowski, das ist mehr als Filme gucken. Filme gucken kann man auch zu Hause. Aber einem Film einen Rahmen geben, ihn mit anderen sehen, sich für zwei Stunden abmelden von Smartphone und all dem anderen Rauschen da draußen, sich auf eine Geschichte konzentrieren, einen Film also „zelebrieren“, wie er sagt, das gehe eben nur im Kino. Deshalb spricht er auch lieber vom Filmtheater. Da bekommt man im Begriff den besonderen Blick schon gleich mitgeliefert.

„König der Löwen“ ist Lieblingsfilm

„Der König der Löwen“ ist einer seiner Lieblingsfilme, die alte Version von 1994. Da mussten die Gäste im Burgtheater oben durch einen Notausgang raus, weil unten schon die nächsten kamen. „Vom Winde verweht“ ist ihm auch sehr wichtig.

Und er kann von der Technik erzählen, von den alten Filmrollenzeiten, die so alt gar nicht sind. Von den Maschinen, über die die Filme liefen. Vom Überblenden, von Relaiscomputern, vom Zurückspulen und davon, dass Filme längs reißen, wenn sie reißen, nicht quer. Aber seit 2011, seit der Digitalisierung, hat sich das auch erledigt.

„Kino“, sagt er, „ist das Schönste, was es gibt.“ Und ein Bildungsträger, der größte nach der Schule. „Kinokultur“, zumal für die Fläche, darum geht es. Im Burgtheater wie im Hauptverband Deutscher Filmtheater, wo er seit November im Vorstand arbeitet.

Zahl der Kinoleinwände in Deutschland stabil

Trotzdem gibt es ein Kinosterben, „keine Frage“. Auch wenn die Zahl der Leinwände in Deutschland zuletzt nicht abgenommen hat. Und natürlich kann ein Tropensommer wie der vergangene eine Kinobilanz ganz fantastisch verhageln. Aber in England etwa habe man 2018 eines der besten Kinojahre überhaupt gefeiert. Bei den Franzosen sei das nicht viel anders gewesen. Und die waren noch um einiges länger bei der Fußball-Weltmeisterschaft dabei als die Deutschen, die es mit der Heimreise ja sehr eilig hatten.

Ist also so eine Sache mit dem Kino. Muss man sich geschickt anstellen, wenn man die Säle füllen will. Mit Freundlichkeit zum Beispiel. Indem man sich bei den Gästen für den Besuch bedankt wie ein Kellner im kleinen italienischen Restaurant. Indem man 365 Tage im Jahr geöffnet hat. Gute Sitze können auch nicht schaden, wie im Kino 2, das sie jüngst umgebaut und bequemer gemacht haben. Sie planen auch noch einen vierten Saal, 20 Plätze nur, Wohnzimmeratmosphäre. Ende des Jahres könnte es vielleicht losgehen.

Es soll überhaupt renoviert werden, im Foyer, im Kino 1. Es gibt neueste Technik, „Dolby 7.1 im ganzen Haus“. Kino sei etwas Besonderes, sagt Turowski, das wolle man auch deutlich machen. Und da ist ihm bei der Perspektive nicht bang. „Kino funktioniert“, sagt er. „Kino hat Zukunft, auf jeden Fall.“

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