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Kultur im Norden Wie soll man auf Trump reagieren?
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17:24 25.06.2019
Ordnung pflegen, indem man sie einhält: der „Tagesspiegel“-Journalist Christoph von Marschall in er Reformierten Kirche. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Er sitzt nun mal da im Weißen Haus, und man muss umgehen mit Donald Trump. Aber wie? Man sollte ihn nicht unterschätzen, sagt Christoph von Marschall. Man sollte ihn aber auch nicht überschätzen. Überhaupt täte man in Deutschland gut daran, den Blick auf den Präsidenten und die Welt zu weiten.

Von Marschall ist Journalist beim Berliner „Tagesspiegel“ und war von 2005 bis 2013 diplomatischer Korrespondent in Washington. Er hat auch als Stipendiat fast ein Jahr dort verbracht und kennt sich aus in den Zimmern und Hinterzimmern der Macht. Auf Einladung des Lübecker Willy-Brandt-Hauses hat er am Montagabend (24. Juni) in der Reformierten Kirche referiert.

Trump-Kritiker vergeblich gesucht

Wichtig war ihm dabei, sich von der Fixierung auf Trump zu lösen. Die sei in Deutschland sehr speziell und so in anderen Ländern nicht anzutreffen. Frankreich etwa gehe ganz anders mit ihm um. Ganz zu schweigen von einer Partei wie der polnischen PiS, in der man lange nach einem Trump-Kritiker suchen müsse und dann immer noch keinen gefunden habe.

Außerdem habe es die zentralen Krisen in Europa schon gegeben, als Trump noch Immobilientycoon und TV-Showstar in den USA gewesen sei. Und man müsse sich fragen, was passiere, wenn er etwa mit seinem Ausstieg aus dem Atomvertrag mit dem Iran oder seiner Handelspolitik gegenüber China Erfolg haben sollte. Zumal Deutschland beim Atomvertrag näher an den USA sei, als es zugeben möge. Das Modell Trump jedenfalls sei gekommen, um vorerst zu bleiben. Es könne aber dafür sorgen, dass Europa seine Hausaufgaben mache.

Mehr Selbstbewusstsein

Und mit ihm Deutschland, die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt und der ökonomische Riese der EU, der aber Angst habe vor der eigenen Stärke. Da sei mehr Selbstbewusstsein gefordert und mehr internationale Präsenz. Seinen Aufstieg und seine derzeitige Lage verdanke es dem, was Marschall „die liberale westliche Ordnung“ nannte. Und Ordnungen müssten gepflegt werden. Am besten schon mal damit, dass man sie einhalte.

Deutschland werde ja im Übrigen nicht nur von Trump kritisiert. In der Asyl- und Währungspolitik oder bei der Nordstream-Pipeline kämen die Vorwürfe auch von europäischen Partnern. Und höhere Verteidigungsausgaben habe schon Barack Obama von der Bundesrepublik gefordert. Von Marschall empfahl daher, weniger zu predigen und mehr zuzuhören. Und bereit zu sein, das eigene Verhalten zu ändern. Aber das falle in Zeiten zufriedenen Wohlstands schwerer als in der Krise.

Nicht so wahnsinnig wie behauptet

Er hoffe auf einen Wechsel im Weißen Haus bei der nächsten Wahl, sagte der promovierte Historiker im Gespräch mit der Hamburger Journalistin Frauke Hamann. Aber er könne „absolut“ nicht ausschließen, dass Trump in eine zweite Amtszeit gehe. Der habe zwar kaum politische Erfolge vorzuweisen, aber die Wähler in den Fly-over-States zwischen den liberalen Küsten hinter sich. Und auch wenn die „Erwachsenen“ um Trump herum, die den Quereinsteiger einhegen sollten, nicht mehr da seien, sei er doch nicht so dumm und wahnsinnig wie oft behauptet.

Info: Christoph von Marschall hat auch ein Buch zum Thema vorgelegt: „Wir verstehen die Welt nicht mehr. Deutschlands Entfremdung von seinen Freunden“, Herder, 256 Seiten, 22 Euro

Peter Intelmann

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