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Kultur im Norden Willkommens-Kultur auf brüchigem Boden
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20:24 07.12.2015
Afrikanische Flüchtling stürmen das Deck (v. l.): Ibrahima Sanogo, Kathrin Wehlisch und Sayouba Sigue auf Fellinis Dampfer. Quelle: dpa
Hamburg

Irgendwann tritt er auf im Halbdunkel der Bühne im Schauspielhaus, der in künstlerischer wie körperlicher Hinsicht sehr gewichtige Schauspieler Josef Ostendorf. Er singt, gehüllt in ein grässlich rotes Frauenkleid, das Lied „I am beautiful“. In diesem Augenblick wirkt er so, als sei er eine Figur aus der knallbunten Menschen-Menagerie, die Federico Fellini 1983 im Film „E la nave va“ auftreten ließ.

Aber mit diesem in Deutschland unter dem Titel „Fellinis Schiff der Träume“ gelaufenen Film hat Karin Beiers Theaterfassung nur noch wenig zu tun. Immerhin: In beiden Fällen fährt eine Gemeinschaft fragwürdiger Gestalten, hinter der der Prototyp einer ganzen Gesellschaft zu erkennen ist, mit einem Luxusdampfer dem Untergang entgegen. Die Schauspielhaus-Intendantin nennt deshalb ihre Inszenierung, die bei der Premiere mit einigem Jubel quittiert wurde, aber nach der Pause vor sichtlich geleerten Reihen stattfand, ein „europäisches Requiem“. Es geht bei ihr wie bei Fellini um eine Totenmesse für das alte Europa, das sich mit dem Ansturm vor allem junger Flüchtlinge konfrontiert sieht und nicht mehr weiß, wo ein, wo aus.

Ein hochaktuelles Thema, das in der Beier-Version deutlich anders daherkommt als im Film-Original. Bei Beier ist es ein ganzes Orchester, das die Asche seines toten Chefdirigenten von Bord der „CS Europa“ aus ins Meer streuen will. Wie eine Priesterin reckt die Cellistin Tati Weber (Julia Wieninger) die Urne mit der Asche empor. Und auch sonst herrscht Ruhe vor dem späteren Sturm. Man probt ein paar Takte, isst kultiviert, intrigiert ein wenig, redet ein bisschen vom Tod, fragt beiläufig, ob man die Kinder auf die Waldorfschule schicken soll. Luxusprobleme einer Luxusgesellschaft eben.

Bevor der Smalltalk in Langeweile ausartet, baut Beier immer wieder Einlagen zum Wachrütteln ein. Da wandelt dann Kathrin Wehlisch als barbusiger Engel über die Bretter, der amtierende Orchesterchef (Charly Hübner) stäubt mit der Asche des toten Meisters sich selbst und die Bühne ein, und der Chefstuart des Schiffs (Thorsten Schilling) saust auf Rollschuhen durch die Szenerie.

Aber mit derart leichten Gags lässt sich eine Spieldauer von dreieinhalb Stunden nicht füllen. Deshalb setzt Beier ungefähr in der Mitte der Aufführung eine harte Zäsur. Fünf afrikanische Flüchtlinge, in der Ägäis (!) aus Seenot gerettet, stürmen vom Unter- aufs Oberdeck und bringen dort die erstarrte Lebenswelt der Musiker zum Einsturz. Die jungen Männer, furios dargestellt von Mitgliedern der deutsch-ivorischen Performancegruppe von Monika Gintersdorfer, stehlen den verdutzten Europäern schlichtweg die Schau. Hinreißend tanzend, listig argumentierend, versetzen sie die westlichen Kulturmenschen in Schockstarre. Was sollen die auch antworten, wenn ihnen gesagt wird, man sei aus Afrika gekommen, um „eure Probleme mit euch zu teilen“. Der Spieß ist umgedreht, aus Hilfsbedürftigen sind Hilfswillige geworden. Eine Utopie, die nicht einmal in der Scheinwelt des Theaters Bestand haben kann. Der Willkommens-Idealismus steht schnell auf brüchigem Boden. An dieser Stelle schaut Karin Beier ganz scharf hin auf die Wirklichkeit. Sonst aber verheddert sie sich oft in Klischees zur Flüchtlingsfrage. Hermann Hofer

Nächste Vorstellungen: 12. und 22. Dezember. Karten: (040) 24 87 13.

LN

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