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Kultur im Norden „Wir gehen gerne über Grenzen“
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18:10 29.06.2018
Christian Kuhnt gibt seit fünf Jahren als Intendant beim Festival den Takt an. Musikalisch macht er das ab und zu auf seinem Schlagzeug im Arbeitsszimmer. Quelle: Foto: Lutz Roesler
Lübeck

Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie ist Ihre Stimmung?

Zwölf! Absolute Begeisterung! Wir stehen jetzt kurz vor der Bescherung.

Sie haben im vergangenen Jahr mit 171 000 Besuchern einen Rekord gefeiert – 20 000 mehr verkaufte Karten. Lässt sich das noch toppen?

Ich weiß gar nicht, ob man mir das glaubt, aber wir streben keine Rekorde an. Das Programm erfindet sich jedes Jahr neu, wir können an keinen Erfolg anknüpfen. Wir fangen immer wieder mit einem weißen Blatt Papier an, müssen die richtigen Ideen an die richtigen Orte bringen, und wenn es gelingt und mehr Besucher anlockt, dann ist es sehr schön.

In diesem Jahr ist die Klarinettistin Sabine Meyer aus Lübeck Porträtkünstlerin des Festivals. Warum gerade jetzt?

Man könnte sagen, gerade weil es so naheliegend ist, haben wir sie erst jetzt angesprochen. Wir mussten eine gewisse Hemmung überwinden. Wir haben auch immer Angst, dass jemand Nein sagt.

Ach, das glaube ich Ihnen jetzt nicht.

Doch, es gibt Künstler, die sagen: Jetzt noch nicht. Oder für die der Sommer heilig ist.

Verraten Sie einen Namen!

Nein, an denen arbeiten wir ja weiter. Und bei Sabine Meyer war es so, dass sie damit nicht gerechnet hat, eben weil es diese Nähe gibt.

Sie sagten, dass sich das Festival immer wieder neu erfinden muss. Was gibt es dieses Jahr Neues?

Auch wenn die Sommer hier doch eher unberechenbar sind, wagen wir ein Strandkorbkonzert am Weißenhäuser Strand. Die Kulisse am Meer ist wunderbar, der Strandkorb ist das Sitzmobiliar der Schleswig-Holsteiner. Also bringen wir noch eine Bühne dazu und setzen auf einen sehr stimmungsvollen Abend am 6. August. Dann ist die Grenzregion zu Dänemark hochspannend. Man fährt in den Urlaub in ein Ferienhaus, aber kulturell gibt es kaum Verzahnungen, obwohl wir eine gemeinsame Geschichte haben. Deswegen machen wir eine eintägige Busreise, machen an verschiedenen Orten Halt, wo etwas über die Kulturgeschichte erzählt und ein Konzert gegeben wird.

Neben den Neuerungen gibt es Konstanten wie das Lübeck Musikfest mit Daniel Hope.

Ja, das ist unsere große Spielwiese mit Daniel Hope, da ist jedes Konzert ein Abenteuer. Es gibt ganz kleine Räume, man muss flexibel sein. Wir können uns keinen Besseren vorstellen als Daniel Hope, weil er Lübeck liebt.

Auch Avi Avital, im vergangenen Jahr Porträtkünstler des Festivals, kehrt wieder zurück. Heißt das: einmal SHMF – immer SHMF?

Es gibt die ungeschriebene Regel: Wer Porträtkünstler war, macht im folgenden Jahr eine Pause. Das hatten wir auch mit Avi besprochen.

Und was kam dazwischen?

Avi schrieb eine SMS: ,Wie geht’s dir, Christian? Machen wir eigentlich nächstes Jahr wieder was?’ Ich habe ihn auf unsere Abmachung hingewiesen. Aber er meldete sich noch ein paar Mal und sagte:

,Ich halte das nicht mehr aus, ich hab mich so verliebt in das Festival, lass uns doch wieder etwas zusammen machen.’ Dann haben wir ihn in das tolle Format Meisterschüler- Meister eingebunden, bei dem Avi mit jungen hochtalentierten Musikern arbeitet. Und wenn er schon mal da ist, gestaltet er gleich noch das Musikfest in Emkendorf.

Sie haben mit 107 Spielstätten in diesem Jahr drei mehr als im Vorjahr. Bewerben sich die Gemeinden?

Ja, es gibt Bewerbungen und Empfehlungen. Manchmal fahre ich irgendwo vorbei und mir fällt ein schönes Gebäude auf. Bei meiner Fahrt zu einem Hundespaziergang habe ich die malerische Kirche in Bad Schwartau entdeckt, sie ist jetzt Spielort. Oder wir versuchen Regionen einzubeziehen, in denen noch nicht viele Konzerte sind.

Wenn Sie mehr Spielstätten und Konzerte haben – hat sich das Budget auch erhöht?

Ja, wir sind jetzt bei mehr als zehn Millionen Euro, zum ersten Mal. Wir erwirtschaften deutlich mehr als die Hälfte des Budgets über den Kartenverkauf. Der Rest setzt sich aus Sponsoring, Spenden und dem Landeszuschuss zusammen.

Wie ist das Durchschnittsalter der Besucher?

Bei der letzten Erhebung 55 Jahre.

Was tun Sie, um jugendliche Zuschauer zu locken?

Wir sind stark im Bereich der pädagogischen Arbeit, was die musikalischen Talente betrifft. Wir haben das Festivalorchester und die Meisterkurse. Unser Anliegen ist, Kinder aktiv mit Musik in Verbindung zu bringen. Wir arbeiten mit Hochdruck an Projekten, bei denen auch Kinder, die vielleicht noch keine musikalischen Erfahrungen haben, singen, trommeln, zupfen können und dabei erleben, dass das etwas ganz Besonderes ist, das einen verändert. Wer selbst Musik gemacht hat, kann den Wert dieser Kunst viel besser empfinden. Wir haben ja auch den Festivalchor bewusst aus Laien gebildet.

Wir werden in dieser Richtung mehr tun.

Sie feiern in diesem Jahr den 100. Geburtstag von Leonard Bernstein, der das Festival mit initiiert und geprägt hat. Was ist heute noch von seinem Geist zu spüren?

Für mich ist Leonard Bernstein ein ganz, ganz großes Vorbild in Bezug auf Musikvermittlung und darauf, Grenzen zwischen Genres einfach zu ignorieren. Dass wir zum Beispiel Judith Holofernes einladen, hat auch mit Bernsteins Geist zu tun. So wie Bernstein den Schwerpunkt seiner Arbeit auf klassische Musik gelegt hat, ist er immer wieder auch über Grenzen gegangen. Solange ich hier bin, werden wir auch gerne über Grenzen gehen.

Am 15. Juli spielen das Jourist Quartett und das Trio Neuklang auf Gut Stockseehof – wer spielt beim WM- Endspiel in Russland?

Uruguay gegen England

Und wer gewinnt?

Der Bessere.

Interview: Petra Haase

Die nächsten Konzerte

Heute und morgen eröffnet das NDR Elbphilharmonie Orchester mit der Cellistin Sol Gabetta in der MuK das Festival. Das Konzert heute ist ausverkauft, für morgen gibt es noch wenige Restkarten.

Karten gibt es noch für folgende Termine nächste Woche: Klavierkonzert mit Rafal Blechacz am 2. Juli in Wotersen, Lesung mit Martina Gedeck am 3. Juli in Altenhof, Konzert des Brad Mehldau Trios am 3. Juli in der MuK, Aftershowkonzert mit den Nixen am 3. Juli im Radisson Lübeck, Missa sacra am 5. Juli in der MuK, Gipsy Night am 6. Juli in Wotersen und das Lunchkonzert am 8. Juli im Radisson Lübeck.

Tickets gibt’s in den LN- Geschäftsstellen und bekannten Vorverkaufstellen. Mehr Infos: www.shmf.de

LN

Wenn Schauspielschüler auf der Bühne stehen, denkt man an gehobenes Laientheater. Wenn man jedoch die ausschließlich mit Schauspielschülern besetzte Produktion „Der Lubeca-Code“ von Martina Nowatzyk gesehen hat, muss man sein Vorurteil revidieren. Gründlich revidieren sogar.

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Cismar. Früher hätte man gesagt: literarischer Salon. Aber das klingt elitär und gestrig, und das wollten die Freunde der Dichtkunst nicht, als sie vor 25 Jahren den Verein Literatur im Weißen Haus in Cismar gründeten. Die Gründungsmitglieder und Hausherren Doris Runge und Reiner Binkowski haben seitdem viele Autoren von Weltrang empfangen.

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Los Angeles. Bill Withers hat sich vor so langer Zeit aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, dass viele Musikfans denken, er müsse schon gestorben sein. „Manchmal wache ich auf und frage mich das selbst“, sagte Withers jüngst dem „Rolling Stone“. Aber er lebt. Und wie. Jetzt wird er 80 Jahre alt.

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