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Kultur im Norden Wolfgang Borcherts Geliebte
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06:00 11.06.2019
Heidi Pulley Boyes in einer karierten Jacke, die ihr Wolfgang Borchert geschenkt hat – er hatte sie seiner Mutter stibitzt.
Rehhorst

Nach ihrem Tod vor drei Jahren hat ihr Malschüler und langjähriger Freund Jörn Neven aus Rehhorst ihr Atelier in Hamburg aufgelöst und ihr Gesamtwerk in bisher 16 Fotobüchern katalogisiert. Ein Band liefert eine Biografie Heidi Pulley Boyes in Fotos, Zeitungsartikeln und Dokumenten.

„So habe ich ein wunderschönes Ziel vor Augen“

Heidi wurde als Else Boyes 1917 in Ahrensburg geboren“, erzählt Neven. Ihr Vater, ein Bremer Kaufmann, war gerade aus Kalkutta zurückgekehrt und hatte sich in der Schlossstadt niedergelassen, wo Tochter Heidi, wie sie sich später nach dem Kinderbuch von Johanna Spyri nannte, die Stormarnschule besuchte. Die Familie zog dann nach Bremen, wo Heidi Schauspielunterricht nahm und bei der wandernden Landesbühne Ost-Hannover in Lüneburg eine Anstellung fand. „Dort hat sie 1941 Wolfgang Borchert kennen gelernt, der nach einer abgebrochenen Buchhändlerlehre heimlich Schauspielunterricht genommen hatte und sein erstes Engagement ebenfalls bei dieser Bühne fand“, berichtet Neven. In „Krach um Jolanthe“ spielte Borchert einen Lehrer, Heidi Pulley Boyes hatte die Hauptrolle der Anna. Heidi und Wolfgang waren drei Monate lang ein Paar, ehe Borchert 1941 eingezogen wurde.

„So habe ich ein wunderschönes großes Ziel vor Augen, das mich alles ertragen läßt“, schrieb Borchert aus dem Krieg an die Geliebte, die insgesamt 16 Briefe von Borchert bekam. Sie war mit der Bühne zur Truppenbetreuung unterwegs. 2006 schenkte sie die Briefe von Wolfgang Borchert der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Wolfgang Borchert kehrte nach Fronteinsatz, Haft, französischer Kriegsgefangenschaft und Flucht schwer krank nach Hamburg zurück, wo seine Eltern ihn pflegten und Heidi ihn besuchte.

In diversen Zeitungsartikeln gibt es Rückblicke auf die einstige Liebe des Dramatikers, der mit 26 Jahren an Geldfieber starb, das er sich im Krieg zugezogen hatte. Neven hat alle gesammelt und mit Fotos aus dem Nachlass begleitet. Ein Foto zeigt Borchert mit einer überlangen Zigarette. „Das Bild ist später immer retuschiert worden, weil die Zigarette so unproportional war“, sagt Neven, „dabei war sie selber gedreht und extra so groß.“ Heidi habe die Szene im Foto festgehalten. Ein anderes Foto zeigt Heidi in einer karierten Jacke: „Nachdem Borcherts Mutter dieses Foto gesehen hatte, sagte sie: „Nun weiß ich auch, wo meine Jacke geblieben ist.“ Borchert hatte sie Heidi geschenkt.

Wechsel von der Bühne zur Malerei

Heidi Pulley Boyes war nicht seine einzige Liebe“, erklärt Neven. Borcherts Briefe belegen dennoch die große Nähe zwischen den beiden. Auf dem Krankenbett schrieb Borchert in nur acht Tagen das Drama „Draußen vor der Tür“, das Ida Ehre für die „Kammerspiele“ inszenierte. „Auf Wunsch von Borchert hat Heidi Pulley Boyes darin die Elbe gespielt“, sagt Neven. Borchert hat das nicht mehr erlebt, er starb einen Tag vor der Uraufführung 1947.

1950 kehrte Heidi Pulley Boyes der Bühne den Rücken und wandte sich der Malerei zu. 1956 übernahm sie die Eppendorfer Malschule von Charlotte Voss. Dort wurde Neven als 15-Jähriger ein Jahr lang ihr Schüler. Heidi Pulley Boyes heiratete 1961 einen amerikanischen Schriftsteller und leitete die Malschule bis kurz vor ihrem Tod. Ihre eigenen Arbeiten zeigte sie nur selten. „Im Jahr 2000 gab es eine Ausstellung in Reinbek“, sagt Neven, „damals hat sie viele Bilder verkauft und den Erlös der Wolfgang-Borchert-Gesellschaft gespendet.“

Neven begann damals, ihre Werke zu dokumentieren. Er hat sich seit drei Jahren der Aufgabe verschrieben, das Werkverzeichnis von Heidi Pulley Boyes in großformatigen Fotobänden zu erstellen. Auch Neven hat einige ihrer Arbeiten, darunter eine größere Holztafel. „Das ist das Schreibtischbild“, erläutert Neven. „Sie hat mal erzählt, dass in ihrem Schreibtisch eine Latte fehlte, und da habe sie die Lücke mit einem Bild gefüllt, weil es zufällig passte.“ Neven zog die Schublade heraus und entdeckte auf der Rückseite das Gemälde. „Da hat sie es mir geschenkt.“

Wer die Biografie in Bildern oder die Bände über die Werke von Heidi Pulley Boyes kaufen möchte, kann sich unter joern.neven@teehaus.com an Jörn Neven wenden.

Bettina Albrod

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