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Kultur im Norden Zadie Smith greift Zuckerberg und Facebook an
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Zadie Smith greift Zuckerberg und Facebook an
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06:00 27.05.2019
„Massive Ablenkung vom Leben“: Die britische Autorin Zadie Smith übt Kritik an den sozialen Medien. Quelle: AFP
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London

Die britische Autorin Zadie Smith ist gerade mal 43 Jahre alt, hat aber jede Menge Einwände gegen Social Media. Das sei ein Aufmerksamkeitsfaktor, der Menschen im Sinne einer Wirtschaft steuere. Da ginge es um viel Geld, nicht um Humanität. Sie greift Mark Zuckerberg und Facebook an. „Alles daran wird auf die Größe seines Gründers zurechtgestutzt“, heißt es. Auf einen Zeitgenossen, dessen „persönliche Belanglosigkeiten“ problematisch seien. Den Nutzern werde „Zeit, Kreativität und Energie durch Social Media genommen, und das ist ihrer, die in Wahrheit doch über so viel Kreativität verfügen, unwürdig.“

Es geht immer um sozialen Auf- und Abstieg

Die Kritikerin, in einem Londoner Arbeiterviertel als Tochter einer gebürtigen Jamaikanerin und eines englischen Vaters geboren, zählt zu den bedeutenden Schriftstellerinnen der angelsächsischen Welt. Ihre Romane wie „Zähne zeigen“ oder „Von der Schönheit“ spielen stets im London der Abgedrängten, hauptsächlich im Arbeitermilieu. Sie sind sozialkritisch und finden hohe Anerkennung bei Lesern und Kritikern. Neben ihren Büchern schreibt sie Essays, Artikel für Zeitungen und Magazine und Buchbesprechungen. Es geht immer um den sozialen Auf- und Abstieg, den Alltag ihrer Protagonisten und wie viele allmählich ihre Lebensträume verlieren.

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„All das Lesen, Teilen oder Tweeten bleibt doch folgenlos“

Seit 2010 ist Smith Professorin an der New York University und lehrt Kreatives Schreiben. Auch dort attackiert sie Social Media. Sie empfindet es als „massive Ablenkung vom Leben“. Die Nutzer würden mit Mitteilungen interagieren, nicht mit Menschen. „All das Lesen, Teilen oder Tweeten bleibt doch folgenlos“, sagt sie. Es ändere nichts an der realen Situation des Einzelnen, könne einen sogar ablenken „von der wahren politischen Person, die man sein könnte“. Dahinter vermutet sie eine Taktik: Wir Nutzer sollen unsere Freiheit verlieren. Nicht sofort, nicht ganz, aber doch immer mehr. Es sei so unbedingt nötig, „ein stärkeres Gespür für Freiheiten“ zu entwickeln. Zadie Smiths Aufruf: Die nächste Revolution soll eine Befreiung vom Internet sein.

In „Freiheiten“ – der englische Titel „Feel free“ ist viel ansprechender – versammelt Zadie Smith Beiträge aus den letzten Jahren. Dazu eigens für das Buch verfasste Essays. Anrührend sind sie, wo Smith, immer um eine einfache Sprache bemüht, persönlich wird. Sie erinnert an ihren 2006 verstorbenen Vater, der als junger Soldat zu den Befreiern des KZ Bergen-Belsen gehörte, wo er „das Schlimmste gesehen“ habe, „was diese Welt zu bieten hat“. Dennoch sei er „vorwärtsgegangen mit einem Herzen und einem Geist, die immer noch offen genug waren“.

Eine andere Gesellschaft, ein anderes Leben

Im Blick auf ihre Familie fällt ihr auf, wie diese sie bis heute präge. Als Jugendliche sah sie sich so: „Mozarts Requiem war damals ebenso meine Leidenschaft wie haitianische Malerei, ich stehe auf Hip-Hop, Rembrandt bringt mich zum Weinen, ich liebe meine Geschwister und schwimme für mein Leben gern.“ Eine ehrliche Selbstbeschreibung, die ihre Freude am Leben verrät und zugleich ihren Kampf gegen das, was die Freude der Menschen beeinträchtigt oder bestimmen will. Sie hat eine Tochter und einen Sohn, die angeblich keine Smartphones haben. Der Jugend gehört ihr Engagement. „Die heute Jüngeren haben keine Aussicht auf Jobsicherheit, keine Sicherheit, was Wohnraum angeht, keine Aussicht auf gute Bildung.“ Das bedeute, dass die offene Gesellschaft nicht mehr vorhanden sei. Das Grundübel unserer Zeit.

Manches an diesem Buch ist etwas geschwätzig, aber es bleibt immer sympathisch, weil Zadie Smith eine aufrichtige Person ist. Sie will eine andere Gesellschaft, ein anderes Leben. Damit steht sie nicht allein.

Info: Zadie Smith: „Freiheiten. Essays.“ Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 510 S., 26 €

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