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Kultur im Norden Zauberhafte Irrungen und Wirrungen
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22:21 01.03.2014
Daniel Jenz als Ritter Renaud und Sabina Martin als Armide, ganz links Jonghoon You als dänischer Ritter. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

In den Applaus für die Sänger und den Dirigenten Christoph Spering mischten sich allerdings einige Buhs für den Regisseur Michael Wallner. Dessen Sicht auf Glucks Oper hatte für manche Besucher offenbar zu viele Fragen offen gelassen.

Und wirklich war ein Zusammenhang zwischen dem von einer großen Spirale geprägten Bühnenbild (Heinz Hauser) und der im ersten Kreuzzug spielenden Handlung nicht zu erkennen. Einen großen ästhetischen Reiz hatte dieses Bühnenbild aber allemal, zumal auch die ausgeklügelte Beleuchtung immer wieder für starke Bilder und Eindrücke sorgte. Das galt nicht unbedingt für die Kostüme von Tanja Liebermann, die einen wilden Stilmix aus Endzeit-Film und Science Fiction boten.

In dieser Szenerie ließ Michael Wallner die Geschichte von der Zauberin Armide und dem Kreuzritter Renaud spielen. Die Angst der schönen Sarazenin vor der Liebe, vor ihren eigenen Gefühlen wollte der Regisseur in den Mittelpunkt seiner Inszenierung setzen, ansatzweise gelang dieses Vorhaben auch. Aber neben wunderbaren Einfällen wie der in den Bühnenhimmel entschwebenden Darstellerin des Hasses (ganz vorzüglich: Wioletta Hebrowska) standen ausgesprochen platte Gags.

Der von seinen fast grenzdebil wirkenden Ritter-Kollegen aus den Fängen der Zauberin befreite Renaud musste mit seinen Kollegen wie die pferdelosen Kämpfer in Monty Pythons „Die Ritter der Kokosnuss“ über die Bühne hoppeln — das wirkte nicht witzig, sondern eher peinlich. Alles in allem jedoch war Michael Wallners Annäherung an Christoph Willibald Gluck durchaus sehenswert.

Musikalisch setzte neben Wioletta Hebrowska vor allem Sabina Martin in der Titelpartie ein Glanzlicht. Hochdramatisch und dann wieder wunderbar verinnerlicht sang sie, vom zarten Piano bis zum donnernden Forte reicht die Bandbreite ihrer Stimme. Dass sie einmal den Faden völlig verlor, trübte den guten Gesamteindruck kaum.     Steinunn Soffia Skjenstad als Phénice und Evmorfia Metaxaki als Sidonie waren darstellerisch und sängerisch ein ausgezeichnetes Paar. Vor allem Steinunn Soffia Skjenstad wirkte viel souveräner als noch im „Wildschütz“. Evmorfia Metaxaki beeindruckte wieder mit ihrer präzise geführten und auch in der Höhe sicheren Sopranstimme.

Daniel Jenz als Renaud kam mit der ausgesprochen exponierten Partie gut zurecht. Was ihm an stimmlicher Strahlkraft noch fehlt, macht er durch Ausstrahlung und Beweglichkeit wieder wett. Er verfügt über eine großartige natürliche Höhe in der Stimme, man darf darauf gespannt sein, wie er sich Ende Saison in Rossinis „La Cenerentola“ schlägt. Als leicht angeschlagenes Ritter-Duo waren Jonghoon You und Steffen Kubach von ähnlicher Durchschlagskraft wie einst Pat und Patachon. Vor allem Steffen Kubach demonstrierte eine Lässigkeit und Coolness, neben der ein Profi-Macho wie Til Schweiger wie ein Schulknabe wirkt.

Und außerdem führte Kubach den Trick vor, wie man mit einer Kippe im Mundwinkel hervorragend singen kann. In den Nebenrollen waren Gerard Quinn als Onkel Armides sowie Leonor Amaral und Annette Hörle als Geister schon fast Luxusbesetzungen. Der von Joseph Feigl einstudierte Chor bewies wieder viel Spielfreude, obwohl das Singen unter Fechtmasken mit Sicherheit alles andere als ein Vergnügen ist.

Dirigiert wurde die Oper, die Gluck von seinen mehr als 100 Bühnenwerken am höchsten einschätzte, von Christoph Spering, einem ausgewiesenen Vertreter der historisch informierten Aufführungspraxis.

Spering, der bereits ein Sinfoniekonzert mit den Lübecker Philharmonikern dirigiert hat, wählte ausgesprochen schnelle Tempi, das Orchester bemühte sich redlich, seinem Leiter zu folgen. Das gelang den Streichern meistens, bei den Bläsern aber kam es immer wieder zu gravierenden Intonationstrübungen. Man merkte es dem Orchester an, dass es nicht gewohnt ist, Musik der Vorklassik zu spielen — das mag sich in den folgenden Vorstellungen noch ändern. Wohin musikalisch die Reise gehen sollte, war immerhin zu erkennen, auch wenn das fast permanente Mezzoforte aus dem Graben eintönig wirkte.

Das Publikum bejubelte am Ende Sängerinnen und Sänger, vor allem Sabina Martin wurde gefeiert. Insofern war der erste Lübecker Gluck seit vielen Jahren ein großer Erfolg, die neue Operndirektorin Katharina Kost-Tolmein kann sich bestätigt sehen. Gluck lohnt sich.

Nächste Vorstellungen: 9. und am 28. März sowie 6. April.

Der Reformer der Oper
Christoph Willibald Ritter von Gluck (* 2. Juli 1714 in Erasbach bei Berching, Oberpfalz; † 15. November 1787 in Wien) war Sohn eines Försters. Schon als Kind begeisterte er sich für Musik, nach einem abgebrochenen Studium der Mathematik wurde er schließlich Musiker in einem Mailänder Orchester. Dort wurde 1741 auch seine erste Oper aufgeführt. Nach langen Wanderjahren ließ sich Gluck 1754 in Wien nieder und wurde Kapellmeister. In den folgenden Jahren wandte sich Gluck von der italienischen Opera seria ab und bearbeitete stattdessen französische Opéra comique.
1774 ging Gluck nach Paris. In seinen dort entstandenen Werken reformierte er die Form der Oper grundlegend. Unter verzicht auf die starren Zwänge schuf er durchkomponierte Opern von bis dahin unbekannter Dramatik. Die Textdichtung gewann gegenübe der Musik an Bedeutung und wurde zur echten Grundlage der Dramatik der Musik. An diesem Prinzip sollten sich später Komponisten wie Richard Wagner und Hector Berlioz orientieren, die große Bewunderer Glucks waren. Erhalten sind von Glucks mehr als 100 Opern nur 49.

Jürgen Feldhoff