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Kultur im Norden Zeitreise zu Hermann Hesse
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18:16 13.11.2019
Aquarelle von Landschaften im Tessin illustrieren die Reise von Hermann Hesses Figur Klingsor. Karin Widmer ist dessen Spuren gefolgt. Quelle: Zeichnung: Karin Widmer
Großhansdorf

1919 reiste Hermann Hesse ins Tessin. Damals entstand seine Novelle „Klingsors letzter Sommer“, in der er anhand der Kunstfigur Klingsor eine existenzielle Krise verarbeitet. Hundert Jahre später hat Hesses Urenkelin Karin Widmer die Reise wiederholt und im Auftrag des Großhansdorfer Verlegers Claus Lorenzen über 50 farbige Aquarelle für eine Neuausgabe der Erzählung gefertigt. Jetzt ist das Buch im Großhansdorfer Kleinverlag „Officina Ludi“ erschienen.

Ein rauschhafter Sommer

In „Klingsors letzter Sommer“ begegnet dem Leser ein Maler, der durch Kriegserfahrung und persönliche Erlebnisse geprägt einen rauschhaften Sommer erlebt, der einerseits von sinnlicher Fülle und emotionalen Extremen nach dem Motto „carpe diem“ erfüllt ist, zum anderen im Hintergrund auch stets die Vergänglichkeit des „momento mori“ aufblitzen lässt.

Illustration von Karin Widmer zu „Klingsors letzter Sommer" von Hermann Hesse.  Quelle: Widmer

„Wie liest sich dieser Text nach 100 Jahren?“, war die Frage, die den Hesse-Kenner Lorenzen zu einer Neuausgabe inspiriert hat. 30 Jahre lang hatte er eine der größten Hesse-Sammlungen in Norddeutschland, und mit Hesses Enkelin, die mit dem Schriftsteller Fritz Widmer verheiratet war, verbindet ihn eine lange Bekanntschaft. Deren Tochter Karin Widmer – eine Schweizer Illustratorin - griff die Idee, ein Buch ihres Urgroßvaters zu bebildern, gerne auf. Das Malen und Schreiben zieht sich in der Familie Hesse durch Generationen; auch Hesse selber hat Illustrationen hinterlassen.

Tropische Nächte, üppige Natureindrücke und schöne Frauen

„Für Hesse war das Malen Teil seiner Therapie, die er als 40-Jähriger begonnen hatte“, erklärt Lorenzen. 1919 war der Dichter 42 Jahre alt, hatte den ersten Weltkrieg in der Schweiz erlebt, seine Ehe kriselte, und seine Bücher verkauften sich nicht mehr, weil der Pazifist in Deutschland als „vaterlandsloser Geselle“ geschmäht wurde. Selbstmordgedanken, finanzielle Nöte und die erste Midlife-Crisis trieben ihn in jene „Casa Camuzzi“ im Tessin, in der sein Alter Ego Klingsor Bilanz zieht. In bildhafter Sprache voller Farbigkeit lässt Hesse tropische Nächte, üppige Natureindrücke und schöne Frauen lebendig werden, die der Maler Klingsor wie im Rausch erlebt, ohne sie letztlich ganz erfassen zu können. So sehr der Protagonist Züge von Hermann Hesse aufweist, so wenig würde man ihm gerecht, wollte man Klingsor nur als autobiografische Figur lesen: Lorenzen weist darauf hin, dass es sich bei Klingsor bei allen autobiografischen Zügen letztlich doch um eine literarische Figur mit unterschiedlichen Einflüssen handelt.

Hermann Hesse malt mit Worten, seine Urenkelin mit dem Pinsel

Hesse verstand es meisterlich, die Erzählung mit der Sprache zu malen“, hebt Lorenzen in seinem Nachwort hervor, das die Novelle in die Lebenswelt Hesses einordnet. Darin zeige sich der für Hesse untypische Stil des Expressionismus, den er nur hier verwendet habe. Groß ist die Nähe von Schrift und Bild: Hesse malt mit Worten die Bilder, die seine Urenkelin 100 Jahre später mit dem Pinsel sichtbar macht.

Die Königin der Gebirge, wie Karin Widmer sie sieht. Quelle: Widmer

Mit leichtem Strich setzt die Illustratorin, Gerichtszeichnerin und Grafikerin die Geschichte ihres Urgroßvaters um. Sie präsentiert die „Königin der Gebirge“ in flammend rotem Kleid – Hesse beschrieb hier die Begegnung mit seiner späteren zweiten Frau Ruth Wenger - , lässt Urwaldmotive aus Klingsors Erleben sichtbar werden und hält die berühmte „Casa Camuzzi“ fest, die es heute noch gibt und die der Verleger und die Künstlerin im Sommer besucht haben. Hier haben sich die Wege von Hesse und seiner Urenkelin gekreuzt – geboren wurde sie vier Jahre nach dem Tod des berühmten Urgroßvaters.

Info Hermann Hesse, „Klingsors letzter Sommer“, illustriert von Karin Widmer, Verlag Officina Ludi, 104 Seiten, 19,80 Euro. Die Vorzugsausgabe im illustrierten Leinenschuber mit Original-Aquarell der Künstlerin kostet 128 Euro. www.officinaludi.de

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