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Kultur im Norden Zirkus Böhmermann
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18:10 07.12.2015
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Lübeck. David Garrett bewahrte immerhin die Fassung. Er war zu Gast in Jan Böhmermanns Talkshow, im Kino lief gerade sein „Teufelsgeiger“, und der Trailer für den Film war an Pein und Schein kaum zu überbieten. Es war schlimm. Es war sehr, sehr unangenehm.

Böhmermann wählte die gleichen Waffen. Er konterte mit „Der Satans-Trianglist“, einem Film mit ihm an dem dreieckigsten aller Instrumente, und der Trailer war an Bosheit und Entlarvung kaum zu überbieten. Es war schlimm. Es war sehr, sehr angenehm.

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So ist das oft bei dem jungen Mann aus Bremen, der mit 34 so jung nun auch nicht mehr ist. Er guckt die Welt mit großen Augen an und aus einer Distanz, die weit genug ist fürs ganze Panorama, aber klein genug für die Details. Meist kommt er dann aus dem Staunen nicht mehr heraus und überlegt sich was. Und hinterher fühlt sich jemand beleidigt, ertappt oder manchmal auch beides.

Momentan gibt es Differenzen mit Haftbefehl, einem Rapper aus Offenbach. Böhmermann hat ein Video gedreht, „Ich hab Polizei“ heißt es, und es geht darin um all das breitbeinige Gewerbe der Gangsta-Rapper. Inzwischen hat Haftbefehl nicht nur mit einem „CopKKKilla“-Video geantwortet, es haben sich auch andere zu Wort gemeldet, von der Deutschen Polizeigewerkschaft bis zum ZDF. Bei „Zeit online“ ging man gar ins Lager, wo die alten Begriffe der Kulturkritik ruhen. Aber es half alles nichts: Böhmermann landete in den Download-Trends aus dem Stand noch vor Justin Bieber. Er hatte es wieder mal geschafft.

„Pol1z1stens0hn“ nennt er sich in dem Video, und das ist er tatsächlich. Sein Vater starb, als er 17 war, und er nahm einen langen Anlauf, bis er wurde, was er heute ist. Er wollte zur Schauspielschule, landete aber über mehrere Medienstationen 2004 beim WDR, wo er sich Lukas Podolskis Tagebuch ausdachte. Darin wollte der Trainer mit dem Fußballer Tacheles reden, aber der konnte ja nur Deutsch und Polnisch, und es war überhaupt ein großer Spaß. Als aber der echte Podolski wegen der Parodie Interviews verweigerte, wusste Böhmermann um die Macht des Apparats — und fand noch mehr Gefallen daran, sie zu nutzen.

Natürlich ist da immer sofort der Harald-Schmidt-Vergleich zur Hand. Der bleibt nicht aus, wenn Böhmermann in seinem wöchentlichen „Neo Magazin Royale“ mit Anzug und Krawatte hinter dem Late-Night-Schreibtisch sitzt, eine Band im Studio und Gäste neben sich, die meist wissen, dass das hier furchtbar peinlich werden kann. Außerdem hat er ein paar Jahre mit dem großen Meister Schmidt gearbeitet. Und wo der zuletzt im kaum mehr messbaren Quotenbereich zu sehen war, ist Böhmermann nun so etwas wie die Fortsetzung Schmidts mit anderen Mitteln.

Aber er ist keine Kopie. Er hat längst eine Böhmermannhaftigkeit entwickelt, die ihn heraushebt aus dem Gleichmaß des Humorstandorts Deutschland. Er ist schnell im Kopf und schnell mit dem Mund. Er sagt: „Die FDP im Internet — das ist nur noch geschmacklos.“ Er prüft Bewohner deutscher Fußgängerzonen in Staatsbürgerkunde und befiehlt: „Beantworten oder raus hier!“ Er interviewt Sahra Wagenknecht und schaut sie an wie ein verliebter Bauer auf Brautschau bei RTL. Und immer ist da ein Gefühl von: Sie haben es so gewollt.

Und er hat längst allgemeine Verunsicherung geschürt, etwa wegen des Stinkefingers von Griechenlands Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis. Den hatte Günther Jauch in seiner Talkshow als echt präsentiert, Böhmermann aber sagte, er habe das Video manipuliert, und überhaupt sollten Jauch und die „Bild“-Zeitung sofort die Euro-Zone verlassen. Stefan Raab machte er gar glauben, China würde nicht nur deutsche Autos und deutsche Küchenhobel kopieren, sondern auch Teile von dessen Show.

Aber was soll er machen? Er war schon mit sechs im Kinderzirkus in Bremen-Vegesack und hat ihn im Grunde seither nicht mehr verlassen. Aber es ist Zirkus für Fortgeschrittene. Und einer mit Moral.

„Ich glaube, ich bin leicht naividealistisch im Kern“, hat er gesagt. Jetzt hat ihn sogar die „New York Times“ porträtiert. Und das ZDF verpasste abermals eine Gelegenheit, wenn es ihn weiter auf ZDFneo oder spät am Freitagabend versteckte. Aber in Mainz wollen sie ja jetzt Steven Gätjen aus der Raab-Konkursmasse von ProSieben zum neuen Gesicht aufbauen. Dann soll es wohl so sein.

Peter Intelmann