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Kultur im Norden Zu Besuch bei Bestsellerautor Bastian Sick
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09:50 30.09.2019
Autor Bastian Sick, bekannt durch seine Buchreihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", wohnt in Niendorf an der Ostsee. Quelle: Lutz Roeßler
Niendorf

In seinem Haus stapeln sich – wer hätte es anders erwartet – unzählige Bücher: Romane, Duden, Sachliteratur. Alte Schinken mit Familiengeschichten, neue Bände mit Karten und Mappen. Hübsch aufgereiht stehen sie in den Regalen im Wohnzimmer. Natürlich liest Bastian Sick gern, die Frage stellt sich eigentlich nicht bei einem Autor, der sich der deutschen Grammatik verschrieben hat, und dem mit seinem Bestseller „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ 2004 der Durchbruch gelang.

Fünf Folgebände hat er danach geschrieben, die aus der Sammlung der Zwiebelfisch-Kolumnen beim Spiegel Verlag entstanden sind, wo Sick von 1995 bis 2009 als Redakteur gearbeitet hat. Immer weiter hat er sich in den Sumpf der gängigen Rechtschreibfehler und Stilblüten des Landes gewühlt. Zu den millionenfach verkauften Büchern und weiteren Bänden wie „Happy Aua“ gibt es inzwischen Hörbücher, Bühnenprogramme, Lesungen, Touren, Fernsehauftritte und Gesellschaftsspiele.

Sicks aktuelles Buch „Wie gut ist Ihr Deutsch?“ ist ein reines Quiz-Werk, in dem man seine Sprach- und Rechtschreibkenntnisse ausgiebig testen kann. So weit, so erfolgreich.

Autor und Journalist Bastian Sick in seinem Wohnzimmer. Quelle: Fotograf Lutz Roeßler

Fan von Animationsfilmen

Was etwas mehr verwundert, ist die ähnliche große Ansammlung von DVDs im Wohnzimmer. „Ich liebe Animationsfilme“, sagt der 54-Jährige. „Hier sitze ich abends sehr gern und schaue mir einen Film in 3D an.“ „Hier“ – damit meint Sick sein schönes Häuschen in Niendorf an der Ostsee, wo er seit einigen Jahren wohnt. Denn mögen ihn noch so Viele als den akribischen „Grammatik-Retter“ kennen: Dass er in Lübeck geboren und in Ratekau aufgewachsen ist und bis heute hier auf der Ecke lebt, wissen die Wenigsten. „Mein Urgroßvater Rudolf Sick hat mit dafür gesorgt, dass Niendorf um 1920 einen eigenen Fischereihafen bekam“, erzählt Sick und zeigt ein altes Familienbild.

Das Örtchen war zu der Zeit ein beliebter Badeort und die feinen Gäste mochten den Fischgeruch von den Netzen am Strand nicht, woraufhin die Kreisverwaltung in Eutin beschloss, der Fischerei Strandverbot zu erteilen. „Die Fischer aber leisteten erfolgreich Widerstand“, sagt der Ur-Enkel. Der eine Sick kämpfte für die Fischerei, der andere für die Grammatik. Ein Hauch von „Gegenangehen“ scheint in der Familie zu liegen.

Romane auf dem Schwartauer Schulhof

Tief verwurzelt seien die Sicks in Ostholstein, erzählt der Autor. Und das bis heute. Von Lübeck nach Ratekau bis Eutin sei der Clan verstreut – und mittendrin der Mann, der schon als Kind auf dem Schulhof des Leibniz-Gymnasiums in Bad Schwartau für Aufsehen sorgte. „Ich hab damals kleine Abenteuergeschichten geschrieben und meine Mitschüler als Charaktere in die Handlungen eingebunden“, erzählt der Autor. So entstand schließlich der Roman „Die gestohlene Krone“.

In den Pausen habe Sick den Kindern vorgelesen, und die Traube um ihn herum wurde immer größer. „Bis mein Lehrer mich ansprach und fragte, was ich denn da eigentlich mache.“ Zuerst wollte der kleine Steppke nicht mit der Sprache herausrücken, weil es ihm unangenehm war. Aber als der Lehrer nicht nachgab, überreichte ihm der Fünftklässler seine Kladde mit dem Ritter aus Ratekau und der Königin aus Frankreich, die eigentlich Sicks Mitschülerin Julia aus Kreuzkamp war.

Die befürchtete Pein blieb aus. „Mein Lehrer war ziemlich angetan.“

Das war Anfang der 70er Jahre, und der Junge, der da auf dem Schulhof seine ersten Geschichten verbreitete, wusste da schon, dass er eines Tages Bücher schreiben will. Dass es nun ausgerechnet die deutsche Grammatik war, die ihm zum Durchbruch verhelfen würde, das wusste er nicht – obwohl er schon immer gut war in Deutsch. „Das war das einzige Schulfach, in dem ich durchgehend eine Eins hatte.“

Von internen Mails zur „Zwiebelfisch“-Kolumne

Vom Regal mit den vielen Filmen richtet sich der Blick direkt in den Garten. Meeresrauschen im Hintergrund inklusive: Wenn Sick durch seine Gartenpforte spaziert, sind es gerade einmal 30 Meter, die ihn von der Ostsee trennen. Hier geht er täglich am Meer entlang, trinkt bei seinem Lieblingsbäcker einen Kaffee oder erfrischt sich im Wasser. „Allerdings eher nachmittags, ich bin nicht so der Frühaufsteher“, gibt er zu.

Ob er dabei erkannt wird? „Ab und zu“, sagt der Autor. „Es hält sich aber in Grenzen, ich bin ja kein Popstar.“ Aber der Rechtschreibpapst ist er! Den Titel muss Bastian Sick sich gefallen lassen – auch wenn sein Handwerk eher aus der Tugend entstanden ist, seine internen Spiegel-Mails als Korrekturleser an die Kollegen lustig, sympathisch verpacken zu wollen. „Eines Tages fragte mich mein Chef, ob ich mir nicht vorstellen könne, eine Kolumne über die deutsche Sprache zu schreiben.“ Das war 2003 und die Geburtsstunde der „Zwiebelfisch“-Kolumne.

Es dauerte nicht lange, da bekundete der Kölner Buchverlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi) sein Interesse, die gesammelten Kolumnen als Taschenbuch herauszubringen. Im Herbst 2004 erschien „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ und erstürmte innerhalb weniger Wochen die Bestsellerlisten. 2005 folgte die Fortsetzung.

2006 kam der dritte Band und die „größte Deutschstunde der Welt“ mit einem Auftritt in der Köln-Arena vor 15000 Menschen. 2007 hatte die Gesamtverkaufszahl aller drei „Dativ“-Bände die Drei-Millionen-Marke geknackt und Sick war mit einer Mischung aus Lesung und Comedy im ganzen Land auf Tour.

Der Bestsellerautor wohnt seit 2014 in Niendorf.

Seit 2014 an der Ostsee Zuhause

Als Udo-Jürgens- und Mireille-Mathieu-Fan schaffte Sick es tatsächlich, seinen Idolen ein paar Mal persönlich zu begegnen und sie zu herzen. Die Bilder zeigt er stolz auf seinem Tablet – aber das Prominent-und-ständig-unterwegs-Sein war irgendwann zu viel – und so ging es 2014 „nach Hause“, nach Ostholstein, wo Sick in Niendorf das Häuschen fand.

Hier genießt er vor allem die Ruhe und die Natur, „wenn in den Gärten nebenan mal keine Geräte wie Schleifmaschinen oder Laubpuster laufen“, erzählt er. Hier schnippelt er an seinen Rosen und freut sich vor allem, wenn er auf der Terrasse entspannen kann.

Falls ihn die Sehnsucht nach Großstadttrubel packt, fährt er in seine Hamburger Wohnung nach Uhlenhorst – und zeigt wieder ein Bild, dieses Mal von seinem Balkon dort.

Und wie ist es nun mit der Deutschen Sprache und der Rechtschreibung? Muss man sich in Sicks Anwesenheit unwohl fühlen und Angst haben, Fehler zu machen? „Überhaupt nicht“, sagt er. „Ich selbst mache ja auch Fehler.“ Das Wort „enthusiastisch“ sei zum Beispiel eines seiner persönlichen Anti-Wörter in der Schreibweise.

Sick will nicht belehren: „Ich finde, Sprache ist ein wertvolles Instrument. Es macht Spaß, sich damit zu beschäftigen.“ Aber, fügt er hinzu: „Von denen, die mit Sprache ihr Geld verdienen, also von Lehrern, Werbetextern und Autoren zum Beispiel, von denen erwarte ich, dass sie ihr Handwerk verstehen.“ Das unachtsame Geschreibe, vor allem in den sozialen Netzwerken sei so, weil die Leute da eben „so schreiben, wie sie reden“. Das wolle er nicht verurteilen. Aber dass die, die mit Sprache und Rechtschreibung arbeiten, keinen Wert drauf legen würden, „das geht nicht.“

Schulsysteme in der Verantwortung

Kritisieren müsse man auch das Schulsystem, das sich in den vergangenen 30 Jahren rauf- und runterbewegt habe, sagt Sick. Von den Reformpädagogen aus der 68er-Zeit, die Grammatik vom Lehrplan strichen, weil sie darin ein „Instrument der herrschenden Klasse“ sahen, bis hinein in die 90er, als sich die sogenannte „Erleichterungspädagogik“ durchsetzte und Rechtschreibung und Zeichensetzung für die Deutschnote keine entscheidende Rolle mehr spielten.

Das letzte Bild, das er auf seinem Tablet zeigt, ist noch mal eine Nahaufnahme der Pflanzen auf seinem Uhlenhorster Balkon. Bastian Sick mag es, wenn alles seine Richtigkeit und Ordnung hat. Und er fährt am liebsten antizyklisch nach Hamburg, „immer dann, wenn die Autobahn frei ist“.

Gegenan halt.

Sein Leben in Kurzversion präsentiert Sick in einem Video auf seiner Homepage bastiansick.de

Von Schabnam Tafazoli