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Kultur im Norden Zu zweit im Wald
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06:00 15.04.2019
„Unsere Familie und Freunde haben uns für verrückt erklärt“: Franziska und Carsten Jebens. Quelle: privat
Ludwigslust

Da steht er, vor seinem Landrover, einem Kindheitstraum. Ein Baum von einem Mann. Er strahlt Ruhe aus. Carsten Jebens (48) wartet vor dem Forsthaus im Wald bei Ludwigslust, das man über eine schmale Straße erreicht. Er ist die große Liebe von Franziska Jebens (38), die beiden kennen sich seit der Jugend. Dann haben sie etwas völlig Verrücktes gemacht. 2007 kauften sie sich ein Haus, 2009 zogen sie ein. Es liegt mitten im Wald. Abseits jeglicher Zivilisation.

Am Treffpunkt sagt Carsten: „Fahr’ mal hinter mir her. Ist aber ein Stück.“ Ein Stück? 20 Minuten geht’s über holprige Waldwege. Zum Nachbarn sind es Kilometer. Hier irgendwo muss Rotkäppchen den Wolf getroffen haben. Hier könnten Hänsel & Gretel auf das Knusperhäuschen treffen.

Mit Schmiddie und Clint

Und tatsächlich, da steht es: ein verwunschenes Haus. Je näher man kommt, desto schmucker wird es, und dann steht da Franziska wie ein gut gelauntes Topmodel in Outdoorkluft und winkt fröhlich. Neben ihr Schmiddie, der Berner Sennen-Appenzeller-Mix, durchs Küchenfenster schaut gelangweilt Clint, der vierbeinige King auf Samtpfoten. Mehr Idylle geht nicht.

„Im Frühling, wenn der Flieder explodiert, denken wir zuweilen: Nun wird’s kitschig“, sagt Franziska. Gut, zwischen Kitsch und Romantik passt ja noch jede Menge Realität. Und man fragt sich: Wie kommt man auf die Idee, im bewaldeten Nichts eine Ruine von Forsthaus zu erwerben? Man muss doch funktionieren und klarkommen, in all dem Wahnsinn, den wir Alltag nennen.

Das alte Forsthaus hatte keinen Fußboden, keinen Strom, kein Leitungswasser, kein Abwasser, keine heilen Wände. Eigentlich hatte es nichts, als sie diese Ruine 2007 kauften und jedes Wochenende von Hamburg aus ins Nirgendwo fuhren und in einem wildromantischen Mix aus Trapper und Camper begannen, ihren Traum zu renovieren – Stück für Stück, Stein für Stein, Brett für Brett. Mit den eigenen Händen, dem Anpacken von Freunden, Verwandten und Menschen, die sie in diesem weitläufigen Nichts aus Natur Nachbarn nennen. Als sie 2009 einzogen, hatten sie noch immer keinen Fußboden. Die Mäuse liefen durchs Wohnzimmer, wurden gefangen, Anton getauft, draußen freigelassen und bald wieder getroffen.

Kaffee und Zitronenkuchen

Wie kommt man auf so was? Franziska und Carsten sind keine Esoteriker, Aussteiger oder Super-Ökos. Hier gibt’s Kaffee und Zitronenkuchen (Backmischung!). Sie wirken, als würden sie mit ihren vier Beinen im Leben stehen, aber auch, als könnten sie ihr Essen überall auf der Welt selbst erlegen. Franziska Jebens stammt aus Dithmarschen, hat Modejournalismus studiert, in der Filmbranche bei Warner gearbeitet. Sie lebte in München, Hamburg, Tokio, New York und gehörte der Generation Praktikum an.

Zwölf Bilder, die das Leben von Franziska (38) und Carsten (48) Jebens mitten im Wald bei Ludwigslust beschreiben.

Als sie irgendwann merkte, dass ihr die Wochenenden im Forsthaus nicht mehr genügten, schmiss sie ihren Job und zog in den Wald. Carsten war schon dort. Der hatte mal in Hamburg ein Literaturstudium begonnen, aber gemerkt, dass er so die Lust am Lesen verliert, und sich aufs Handwerk spezialisiert. Was der anpackt, wird heil und schön. Bevor er in den Wald ging, betrieben er und seine Frau in Hamburg einen Laden für selbst gebaute Möbel. Die stehen jetzt im Forsthaus. Tische, Schränke, Stühle, Anrichten – alles selbst gemacht. Seine Möbel baut er weiter, vermarktet sie nun per Internet. Franziska schreibt Bücher und arbeitet als Coach für gestresste Großstädter. Carsten überlegt, da mit einzusteigen und den praktischen Part zu übernehmen. Mit seelisch scheintoten Managern, die ernsthaft glauben, dass ohne ihr Zutun die Welt stillstehen würde, ab in den Wald. „Aber nicht auf der Survivalwelle oder dieser Im-Wald-Baden-Nummer“, sagt er.

Unter Protest

Die beiden sind keine traumverlorenen Hippies, sie leben im Hier und Jetzt. „Für uns war das damals noch romantischer, weil es so kaputt war“, sagt Franziska und lacht „Unsere Familie und Freunde haben uns für verrückt erklärt.“ Ihr Vater hat die Pläne bis zuletzt entschieden abgelehnt, dann geholfen. Finanziell, tatkräftig, unter Protest. Jetzt kommen alle gern in den Wald zu Besuch.

Franziska hat das sehr kurzweilig aufgeschrieben. Nicht die ganz große Literatur, aber wie ein Echo aus der Romantik. Sie schildert die Anfänge als Paar mit Fernbeziehung, die gemeinsame Zeit an der Elbe mit ihrer Arbeit bei Warner und Carstens Möbelladen, den Hauskauf, die Renovierung, Waldanekdoten. Von denen gibt’s reichlich. Ob Wildschweinangriff, verletztes Reh, grimmige Wölfe bei Nacht, praktische Bürstenfrisur oder der Angst vor Verwaldschratung.

Das Sympathische an diesem sehr persönlichen Lebensansatz und Buch ist, dass es nicht als Konzept, als Lebenshilfe daherkommt. Es ist ihres, und das erzählen sie gern. Eine ganz individuelle Exitstrategie für den Wahnsinn einer immer schneller werdenden sich permanent ausbeutenden Gesellschaft, die sich von humanistischen Werten und romantischen Idealen abwendet. Jede Revolution beginnt in Familie.

Info: „Kaffee mit Käuzchen“ist bei Eden Books erschienen, hat 253 Seiten und kostet 14,95 Euro.

Michael Meyer

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