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Kultur im Norden Zurück am Firmament des Pop
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19:10 27.03.2018
Auf der Bühne fühlt sich Kim Wilde zu Hause – die Popsängerin geht regelmäßig auch in Deutschland auf Tour.
Auf der Bühne fühlt sich Kim Wilde zu Hause – die Popsängerin geht regelmäßig auch in Deutschland auf Tour. Quelle: Foto: Lorne Thomson/gettyimages

„Ja, was soll es denn sonst gewesen sein?”, entrüstet sich Kim Wilde, als man beim Treffen in einem berlinmittigen Designhotel nur mal ganz sachte nachhakt, ob das denn wirklich, auf alle Fälle und ohne jeglichen Zweifel ein Ufo gewesen sei, was sie damals 2009 zusammen mit zwei Freundinnen am abendlichen Firmament erblickt habe. „Das Teil strahlte wahnsinnig hell, es war bestimmt hundert Mal so groß wie ein Flugzeug und es bewegte sich im Zickzack.“

Berlin. Kim Wilde glaubt fest an Ufos sowie an die grenzenlose Macht der Popmusik. Auf ihrem aktuellen Album „Here Come The Aliens“ gelingt es der englischen Sängerin, die in den 80er Jahren als blondes Popsternchen die Charts erobert hatte, beide Passionen in Einklang zu bringen.

Noch Fragen? Schon. Aufgeklärt wurde die Sache naturgemäß nie. Doch in dem Dorf in Hertfordshire, das in Speckgürteldistanz von London entfernt liegt, und in dem die 57-jährige Wilde mit Mann und den gerade flügge werdenden Kindern lebt, raune man bis heute über das mysteriöse Himmelsobjekt. „Angst hatte ich überhaupt keine“, sagt der Popstar über beide Backen strahlend, „denn ich liebe alles, was mit Science Fiction zu tun hat. Wenn die Außerirdischen noch näher gekommen wären, hätte ich gewunken und ihnen zugerufen, sie mögen doch bitte zum Abendessen bleiben.“

Kim Wilde, eine Frau von natürlich-handfester Ausstrahlung, begeistert sich schon ihr Leben lang für alles, was mit dem Weltall zu tun hat. Sie war acht, als die ersten Männer auf dem Mond landeten und sie zusammen mit ihrem Vater, dem Rock-’n’-Roll-Sänger Marty Wilde, in wochenlanger Bastelarbeit die Apollo-Rakete nachbaute, die dann jahrelang auf dem Esstisch gestanden hat.

Und so bildet das Extraterrestrische quasi die Klammer ihres ersten Albums mit neuen Songs seit 2010. Der erste Song „1969“ phantasiert eine – da wir den Planeten ziemlich traktiert haben, nicht zwingend megafreundlich geartete – Heimsuchung durch Erdfremde herbei, die finale Ballade „Rosetta“ besingt die gleichnamige Weltraumsonde, und das Albumcover selbst sieht aus wie ein Alien-B-Movie-Plakat aus den Fünfzigern.

Doch erfreulicherweise hat die Sängerin, die in den Achtzigern mit Superhits wie „Cambodia“, „Kids In America“ oder „Keep Me Hangin‘ On“ einen raketenähnlichen Karrierestart hinlegte und zu den marktführenden Popstars des Planeten zählte, den Kopf nicht ausschließlich in den Wolken.

Ein packender, zeitloser Pop ist ihr in Gemeinschaftsarbeit mit ihrem Bruder Ricky, mit dem sie seit jeher ihre Lieder schreibt, gelungen. Es gibt zum Beispiel mit „Kandy Krush“ einen Song über Sex, der noch dazu vom eigenen Ehemann, Hal Fowler, handelt. „Mein Mann macht mich immer noch heiß“, teilt Wilde mit, „was eventuell auch damit zusammenhängt, dass er zehn Jahre jünger ist als ich.“ Man kann sich diese Frau sehr, sehr, sehr gut beim fröhlich-feuchten Damenabend im örtlichen Pub vorstellen.

Aber Kim Wilde bringt auch ernste Themen glaubwürdig rüber. In „Cyber.Nation.War“ spricht sie sich vehement gegen Internet-Mobbing aus, und „Solstice“, das an „Four-Letter Word“ erinnert, ist eine wahnsinnig traurig-schöne Ballade nach einer wahren Begebenheit über zwei Teenagerselbstmorde an Mittsommer in ihrer Region. „Als Mutter hat diese Nachricht mein Herz gebrochen.“

Dass Kim Wilde, die in Großbritannien immer mal wieder an Achtziger-Nostalgie-Tourneen teilnimmt, dem Jahrzehnt ihrer größten Charterfolge auf „Here Come The Aliens“ huldigt, gehört nachdrücklich zum Konzept des Albums. Zu jedem der neuen Songs habe sie eine Referenz im Kopf, etwa Duran Duran, Billy Idol, Gary Numan, Elvis Costello. „Ich verneige mich vor meinen großen Idolen und empfinde Dankbarkeit und Stolz, wenn ich an meine Karriere denke“, sagt sie. „Ich will nicht unbescheiden sein, aber ich hatte wirklich eine Menge guter Songs.“

Das war bevor sie heiratete, Kinder bekam, zehn Jahre pausierte, eine in England populäre TV-Gärtnerin wurde und 2006 vor allem in Deutschland und Holland ein prächtiges Comeback feierte. Mit ihrer neuen Single „Pop Don’t Stop“, Wildes charttauglichster Nummer seit Langem, könnte ihr nun auch endlich mal wieder ein Radiohit gelingen. „Ich würde mir wünschen, einen starken Akzent in dieser Phase meiner Karriere zu setzen“, so Kim Wilde. „Für mich kommen die Kraft der Melodien und die Wärme der Worte nie aus der Mode. Und ans Aufhören denke ich schon gar nicht. Ich begeistere mich für Musik, seit ich klein war. Das hört nie auf.“ Außer vielleicht, wenn die Aliens kommen und uns mitnehmen.

Album „Here Come The Aliens“, Earmusic, Audio-CD, 11,99 Euro

Live am 11. Oktober, Große Freiheit, Hamburg

Wilde Pop-Karriere

Die 80er Jahre waren ihre große Zeit: Bereits mit ihrer ersten Single „Kids in America“ landete Kim Wilde 1981 einen internationalen Top-Five- Hit. Mehr als in ihrem Heimatland England hielten die Fans in Deutschland und Frankreich der „Bardot der Popmusik“ ein ganzes Jahrzehnt die Treue. Mit den 90ern blieben die musikalischen Erfolge aus. Wilde konzentrierte sich aufs Familienleben mit Ehemann Hal Fowler und den Kinden Harry und Rose, moderierte Gartensendungen im britischen TV und arbeitete als Kolumnistin. 2001 veröffentlichte sie ein Best-of-Album und nahm ihre Karriere als Sängerin wieder auf.

Steffen Rüth