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Kultur im Norden Walter Sittler findet Leiche auf der Fähre
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Walter Sittler findet Leiche auf der Fähre
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18:00 17.03.2019
Regisseur Miguel Alexandre beim Filmen. Quelle: Erik Landerdahl
Visby

Alles scheint wie immer, als die Autofähre im Hafen von Visby auf Gotland (Schweden) in Richtung Stockholm ablegt. Über drei Stunden wird die Überfahrt dauern. Das Restaurant hat geöffnet, Passagiere mit Tabletts holen sich ihr Frühstück. Nur etwas ist seltsam: Gleich am Fenster stehen in einem abgesperrten Bereich drei festlich mit Rosen geschmückte Tische. Vor Champagnerflaschen und schwedischer Marzipantorte sitzt eine Hochzeitsgesellschaft in schicken Kleidern. Die Braut, ganz in Weiß, trägt einen Blumenkranz.

„Den einen da kenne ich!“ Da ist Passagierin Anette Andersson (60) ganz sicher. Sie deutet auf einen bedeutend aussehenden Hochzeitsgast. „Das ist ein bekannter Schauspieler!“ In der Tat: Dag Malmberg (66) ist in Schweden öfter im Fernsehen zu sehen. Sie deutet auf die Kameras und Bildschirme, die neben den Hochzeitsgästen aufgebaut sind. „Die drehen einen Film. Wahrscheinlich ,Der Kommissar und das Meer’“. Stimmt: Es ist die 27. Folge der Serie mit dem deutschen Hauptdarsteller Walter Sittler (66) als Kommissar. Ausgestrahlt wird sie eigentlich nur im ZDF. In Schweden liefen vor einigen Jahren bloß ein oder zwei Folgen auf Deutsch mit Untertiteln. Aber auf Gotland, dem Drehort, ist das kaum jemandem entgangen.

Für die Krimiserie „Der Kommissar und das Meer“ wurde jetzt auf einer Fähre gedreht. Was Schauspieler, Filmteam und Passagiere dazu sagen.

Schreckensnachricht beim Champagner

Während die meisten Schauspieler Schweden sind, ist die Film-Crew aus dem deutschen Norden. Denn die Produktionsfirma „Network Movie“ sitzt in Hamburg. Regisseur Miguel Alexandre (50) stammt aus Lübeck. Er sitzt auf dem Kamerawagen, eine Schiebermütze auf dem Kopf und filmt Schauspielerin Jannike Grut (54), die vom Tisch aufgestanden ist und auf Walter Sittler zugeht. Plötzlich stolpert sie. „Again!“, ruft Alexandre. „You had a misstep!“ („Sie hatten einen Fehltritt!“) Die Filmsprache ist Englisch. „It was a wave“, ruft Grut („Es war eine Welle!“). Alexandre grinst. „I thought, it was the champagne!“ („Ich dachte, es wäre der Champagner!“)

Jannike Grut spielt die Schwester der Ermordeten. Ihr Vater wird gespielt von Björn Floberg (71). Die Szene geht so: Walter Sittler nähert sich den Tischen. Er bringt die Nachricht, dass Flobergs zweite Film-Tochter in ihrer Kabine ermordet aufgefunden wurde. Floberg, der soeben aufgestanden ist, sackt zusammen.

Diese eine Szene wird ständig wiederholt. „Rehearsal“ („Probe“), ruft Produktionsassistent Lars Buscher (37). „Quiet please!“ („Ruhe bitte!“) – „And action!“ („Und Handlung!“), Klappe. Walter Sittler naht...

„Erst wird geprobt, dann gedreht“, erklärt Produktionsleiterin Christa Lassen (54), die in Hammoor (Kreis Stormarn) aufgewachsen ist. Verschiedene Kameraeinstellungen werden probiert. Um 7.15 Uhr ist die Fähre in Visby losgefahren, um 10.30 Uhr legt sie in Nynäshamn bei Stockholm an, nachdem sie die romantische Schärenlandschaft passiert hat. Davon bekommen die ständig geforderten Schauspieler kaum etwas mit. Einer Einstellung folgt die nächste, es gibt nur kurze Pausen mit Kaffee und belegten Broten.

Ungewohnter Drehort

Es sei übrigens tatsächlich möglich, für eine Hochzeitsgesellschaft auf der Fähre Tische zu reservieren, bestätigt der Chefsteward des Schiffes, Martin Johnsson (50). Die Filmgesellschaft habe aber eigene Tische mitgebracht. „Das geht normalerweise nicht.“ Es sei sogar möglich auf dem Schiff zu heiraten. Die Trauung übernimmt dann der Kapitän, auf der Brücke. Auch dort wurde schon gedreht. Der Kapitän ist Matti Bjørebro (38), er ist Angestellter der Fährgesellschaft „Destination Gotland“. „Ich hab mir die Dreharbeiten ein paar Mal angesehen“, sagt er schmunzelnd. „Eine total andere Welt.“

Für Walter Sittler wiederum ist das Schiff ein ungewohnter Drehort. „Diese engen Gänge, die Brücke, das Meer – das ist spannend.“ Der Kommissar, den er spiele sei ein Deutscher, der in Schweden lebe. Er sieht da Parallelen zu sich selbst. Auch ihm gefällt die schwedische Lebensart. „Die Schweden sind entspannter.“

Er scherzt mit Floberg. „Ein großartiger Kollege.“ Dann geht es weiter – dieselbe Szene. Bis die Fähre um 14.55 Uhr wieder in Visby anlegt. Nur Regisseur Alexandre zeigt – anders als einige Schauspieler – keinerlei Ermüdungserscheinungen. „Komischerweise“, wundert er sich selbst, doch immerhin sei es sein Drehbuch. „Es ist sehr schön und befriedigend, es zum Leben zu erwecken.“

Marcus Stöcklin

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