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Kultur im Rest der Welt Bruce Springsteen singt für die Gestrauchelten im Leben
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13:38 12.06.2019
Es ist noch Resthoffnung da: Bruce Springsteen. Quelle: Annie Leibovitz
Hannover

Im September wird Bruce Springsteen 70. Der aussortierte Cowboy-Darsteller, den er im Titelsong seines neuen Albums „Western Stars“ (erscheint diesen Freitag) porträtiert, ist wohl im selben Alter. Gin und Viagra schluckend hängt der Schauspieler seinen Erinnerungen an glorreiche Zeiten nach. Einst wurde er im Film von John Wayne erschossen. Es ist die Story seines Lebens. Er erzählt sie allen, die sie hören wollen – und auch allen anderen. „Mit dieser einen Szene finanzierte ich tausend Drinks.“

Heute kennt man ihn nur noch aus der Kreditkartenreklame. Er trinkt. Aber er träumt immer noch ein bisschen – trotz allem, so wie all die anderen Gestrauchelten, die Springsteen diesmal besingt. Es ist noch Resthoffnung da. „Tonight the western stars are shining bright again.“

„Western Stars“ ist Bruce Springsteens 19. Studioalbum. Quelle: Sony Music

Die ersten Songs für sein 19. Studioalbum hat Springsteen bereits 2010 aufgenommen, die Veröffentlichung aber mehrmals verschoben. Immer wieder kam etwas Dringenderes dazwischen: das Album „Wrecking Ball“, seine Abrechnung mit dem Amerika der Abzocker, die „The River “-Tour 2016, auf der er die alten Songs über das Erwachsenwerden aus der Sicht eines Vaters sang sowie seine Autobiografie „Born to Run“ und 236 Auftritte bei „Springsteen on Broadway“; beides wirkte, als präsentiere der unter Depressionen leidende Rockstar das stolze Ergebnis der eigenen Selbstrettung.

Der Mann bleibt in einem Alter, in dem andere längst abgeschaltet haben oder nur noch ihren Backkatalog pflegen, künstlerisch agil und relevant. Im nächsten Jahr, kündigte er in Interviews an, wird er wieder mit seiner E Street Band touren. Die Songs für sein 20. Album sind schon geschrieben, im Herbst will er sie aufnehmen.

Die ganz normalen Menschen sind bei Bruce Springsteen die wahren Helden. Quelle: Sony Music

Anrührender als „Western Stars“ kann es kaum werden. Springsteen hat seine Protagonisten in den Westen der USA platziert: ins Provinzkaff, auf den Parkplatz eines traurigen Motels oder in die karge Landschaft, die für Weite, Offenheit und Freiheit steht, aber auch für Leere. Viele fühlen sich isoliert, allein, vergessen; es sind ganz normale Menschen, die sich nach einem Zuhause sehnen, nach ein bisschen Sicherheit. Sie hadern mit sich und der Welt, aber sie halten ihr Schicksal aus. Bei Springsteen sind sie die wahren Helden.

In „Tucson Train“ wartet jemand auf den 17.15-Uhr-Zug. Er ist Kranführer, hat hart gearbeitet in den Jahren nach der Trennung, auch an sich selbst. Jetzt betet er dafür, dass die Frau, die er noch immer liebt, aus dem Zug steigt, dass sie zu ihm zurückkehrt. Er will ihr beweisen, dass er sich geändert hat.

In „Somewhere North of Nashville“ erstellt ein gescheiterter Songschreiber eine Liste mit den vielen Dingen, die er in seinem Leben vermasselt hat. Ganz oben steht seine Beziehung. Schon lange ist die Liebe seines Lebens weg. Geblieben ist nur das Lied der Einsamkeit.

Angst kennt der Stuntman aus „Drive Fast (The Stuntman)“ nicht. Schon mit neun kletterte er auf die höchsten Bäume, nur um den Wind dort oben zu spüren. Mit 19 ist er das erste Mal gegen eine Wand gerast. Vieles ist zerbrochen in seinem Leben: seine Knochen und auch so manche Liebe.

Hemmungslos sentimental

Für den Stuntman, aber auch für alle, die mutig sind, die nach vorn blicken, die nicht aufgeben, singt Springsteen, hemmungslos sentimental, die schönsten Zeilen des Albums. „Drive fast, fall hard, I’ll keep you in my heart. Don’t worry about tomorrow, don’t mind the scars.“

Über Menschen, die das Gefühl haben, ein gestohlenes Auto zu steuern, weil alles falsch läuft, über das triste Leben im Abseits und vergilbte Träume hat er schon immer berichtet.

Neu und besonders ist hier die filmmusikartige Instrumentierung. Er hat die Songs mit Orchestermusikern aufgenommen; von seiner E Street Band sind nur Patti Scialfa, Charles Giordano und Soozie Tyrell als Gäste dabei sowie der einstige Keyboarder der Gruppe, David Sancious.

„Man kann sich in die Einsamkeit verlieben“: Bruce Springsteen. Quelle: Sony Music

Springsteen setzt auf Nostalgiemagie, auf etwas Gutes von Früher. Denn sein Schwarzwälderkirschsound erinnert an die Country-Pop-Songs von Glen Campbell, den man in den Sechziger- und Siebzigerjahren im amerikanischen Radio hören konnte. Auch Roy Orbison, Harry Nilsson und Scott Walker haben Springsteen wohl inspiriert. Jimmy Webb und Burt Bacharach, die beiden großen Orchester-Pop-Komponisten, nannte er selbst als Einfluss.

Es ist guter Kitsch, schlagersahnig klingt der 69-Jährige nie. Er verleiht seinen gebrochenen Figuren durch die würdevolle, emphatische Begleitmusik die Anerkennung, die jeder Mensch verdient, egal ob er eine Haupt-, eine Nebenrolle oder gar keine Rolle spielt. Manchmal heben die Streicher und Bläser an, als würde tatsächlich ein Westernheld am Horizont erscheinen, um den Weg Richtung Zuversicht und Zukunft freizuschießen.

„Man kann sich in die Einsamkeit verlieben“, warnt Springsteen in dem herzergreifenden „Hello Sunshine“. „Dann endet man auch so.“ Oder man geht dagegen an, rafft sich auf, macht das Beste aus allem und trifft sich zum Beispiel am Samstagabend zum Tanzen in „Sleepy Joe’s Cafe“.

Ein leises Lied über das Dableiben

Der Song ist keine laute Hymne des Aufbruchs wie „The Promised Land“ oder „Born to Run“, sondern ein leises Lied über das Dableiben. Vielleicht covert die Band in Joes Kneipe ja Springsteens „Dancing in the Dark“. Die Gäste twisten und shouten, lassen ihren Alltag für ein paar Stunden los. „Montagmorgen ist eine Million Meilen weit weg.“ Ein Akkordeon tanzt mit. Die Stimmung ist heiter.

Joe und seine Frau May, die Inhaber des Lokals an den Gleisen der San Bernardino Line, sind neben der schwangeren Sally aus „Hitch Hikin‘“ die einzigen Protagonisten auf „Western Stars“, denen Springsteen Namen gegeben hat. Vielleicht, weil sie mit ihrem kleinen Glück zufrieden sind.

Von Mathias Begalke/RND

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