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Kultur im Rest der Welt Cannes 2019: Standing Ovations für die Dardenne-Brüder mit „Le Jeune Ahmed“
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14:38 22.05.2019
Der junge Ahmed (Idir Ben Addi) in „Le Jeune Ahmed“. Quelle: Christine Plenus
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Cannes

Zwei Polizeimotorräder tuckern vorweg, dahinter folgt eine Limousinen-Kolonne: So werden die belgischen Dardenne-Brüder und ihr Team zur Premiere ihres Dramas „Le Jeune Ahmed“ eskortiert. Was für ein gewaltiger Aufwand für einen kleinen, aber feinen Film.

Cannes macht keinen Unterschied, ob so wie Dienstagabend Quentin Tarantinos Stars für „Once Upon A Time... In Hollywood“ im Anflug sind oder zwei Autorenfilmer aus Belgien. Hier geht es zuerst um Filme, nicht um die damit verbundene Starpower.

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Dardenne-Brüder heften sich mit Handkamera an die Wirklichkeit

Jean-Pierre und Luc Dardenne haben ebenso wie Tarantino Kinogeschichte geschrieben, egal ob sie in „Rosetta“ (1999) von einer jungen Frau und ihrem verzweifelten Kampf um einen Platz ganz unten in der neoliberalen Nahrungskette erzählen oder in „Das Kind“ (2005) von einem Vater, der sein Baby verkaufen will. Mit beiden Filmen gewannen sie die Goldene Palme.

In „Le Jeune Ahmed“ heften sie sich mit ihrer Handkamera so dicht wie möglich an die Wirklichkeit. Dieses Mal aber geht es nicht um Auswüchse des Kapitalismus (wie gerade noch bei ihrem britischen Kollegen Ken Loach): Der Teenager Ahmed (Idir Ben Addi) lässt sich von einem Imam verleiten und will in Übererfüllung von dessen Tiraden seine Lehrerin erstechen.

Wir haben von Beginn an keinen Zweifel an Ahmeds Entschlossenheit. Nach einem ersten, kläglich gescheiterten Versuch gelingt es ihm, Familie, Sozialarbeiter, Richter und sogar die Psychologin über seine wahren Absichten zu täuschen. Gibt es wirklich nichts, was ihn aus seinem Fanatismus herausholen könnte, nicht einmal der Kuss von Louise?

Lässt sich Ahmed noch stoppen?

Die Dardennes verstehen es meisterlich, uns mit einem Jungen fühlen zu lassen, der gerade einen Mord vorbereitet. Wir hoffen, dass sich Ahmed zu seinem eigenen Glück irgendwie noch stoppen lässt. Aber wie?

Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist kompliziert: „Le Jeune Ahmed“ ist ein weiterer Film in einer Reihe von Wettbewerbsbeiträgen im 72. Cannes-Jahrgang, die unsere Gegenwart genau in den Blick nehmen.

Gelungen ist das indirekt sogar mit einem Historiendrama, das im 18. Jahrhundert spielt: In Céline Sciammas „Portrait De La Jeune Fille En Feu“ nähern sich eine Malerin (Noémie Merlant) und die Tochter einer Landadeligen (Adèle Haenel) einander vorsichtig an. Von dieser Liebe muss man kein Körnchen Staub pusten: Zwei junge Frauen wollen ihrem eigenen Bild entsprechen, nicht dem von der Gesellschaft vorgegebenen.

Das Streben und Sehnen der beiden ist zeitlos aktuell – und der Film der Französin einer der schönsten bei diesem bislang starken Festival. Auf einige hoffnungsvolle Kandidaten warten wir auch noch, zum Beispiel am Mittwoch auf den Kanadier Xavier Dolan und seinen Film „Matthias Et Maxime“ über eine erwachende Jungenliebe.

Als die Dardenne-Brüder nach ihrer Kolonnenfahrt endlich im größten Kinosaal „Lumière“ eingetroffen waren, wurden sie mit Standing Ovations empfangen. Sie klatschten vorsichtig mit, als würde der Applaus gar nicht ihnen gelten. Spätestens nach der Vorstellung hatten sie ihn sich redlich verdient.

Von Stefan Stosch / RND