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Kultur im Rest der Welt „Ben is Back“ – Julia Roberts kämpft um ihre Familie
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18:00 07.01.2019
„Sag mir, wo ich dich beerdigen soll“: Die verzweifelte Mutter Holly (Julia Roberts) provoziert ihren Sohn Ben (Lucas Hedges) mit dieser Frage. Quelle: Foto: Tobis
Hannover

Ben ist erst seit ein paar Stunden zurück bei der Familie, da zerrt ihn seine Mutter Holly auf den Friedhof: „Sag mir, wo ich dich beerdigen soll?“ Und dann: „Bei Tod durch eine Überdosis kannst Du den Platz in Toplage neben Oma aber vergessen.“ Ben schweigt. Und dann klammert er sich an seine Mutter.

„Ben is Back“ – von der ersten bis zur letzten Minute spannend

Was ist los bei der Familie Burns? Was ist so beunruhigend, wenn der Sohn überraschend Weihnachten vor der Tür steht? Bei den Burns herrscht sofort der Ausnahmezustand, als Ben (Lucas Hedges) im Kapuzenpulli im Vorgarten auftaucht und nervös an seiner E-Zigarette zieht. Es macht sich Entsetzen breit. Nur nicht bei Bens Halbgeschwistern: Die beiden sind noch zu klein, um die Gefahr auch nur zu erahnen, die offenbar von Ben ausgeht.

Gewiss, Holly (Julia Roberts) stürmt mit glänzenden Augen aus dem Auto und presst ihren Sohn an sich. Im nächsten Moment jedoch versteckt sie die Tabletten aus dem Badezimmerschrank und ebenso den Familienschmuck. Sie droht ihrem Sohn: „Keinen Moment lasse ich Dich aus den Augen, und ich schlafe heute Nacht vor deinem Bett.“

Bens Schwester Ivy (Kathryn Newton) tippt derweil hektisch auf ihrem Handy herum und warnt ihren Stiefvater Neal (Courntey B. Vance), der noch bei der Arbeit ist: „Ben is back“ sagt sie ins Telefon. Und so heißt auch Peter Hedges’ von der ersten bis zur letzten Minute spannender Film.

„Ben is Back“ erzählt vom Abstieg ins Milieu wie ein Thriller

Nur in einzelnen Puzzlestücken lässt Regisseur und Drehbuchautor Hedges die Vorgeschichte ans Licht. Bis zum Ende erahnen wir nur aufgrund der Reaktionen seiner Umwelt, welche Tragödien sich in der Familie und auch im Kreis der Freunde und Nachbarn abgespielt haben müssen. „Ben Is Back“ ist kein gewöhnlicher Film über den Abstieg ins Drogenmilieu und die Folgen. Es handelt sich um einen regelrechten Thriller, der innerhalb eines Tages eine viel tiefer gehende Geschichte erzählt.

So viel steht fest: Ben ist aus einem Therapiezentrum über Heiligabend nach Hause gekommen, und das war keineswegs so geplant, auch wenn er anderes behauptet. Holly weiß, dass es am besten wäre, ihn sofort zurückzufahren. Bleiben darf er dann doch, für eine Nacht und erst nach einem peinlich genau überwachten Urintest. Ben ist clean. „Seit 77 Tagen“, wie er sagt. Ben sagt aber auch: „Trau nie einem Süchtigen.“

Wie soll eine Mutter mit so einer Aufforderung umgehen? Holly liebt ihre Kinder mehr als alles andere. Einen Vorgeschmack darauf bekommen wir, als sie in der Stadt zufällig den – inzwischen dementen – Kinderarzt trifft, der Ben einst nach einem Unfall Schmerzmittel verschrieb. Das muss Bens erster Schritt in die Sucht gewesen sein.

Holly unternimmt eine Reise in die Vergangenheit ihres Sohnes

„Ich hoffe, sie haben einen quälenden Tod“, sagt Holly freundlich, als die Frau des Arztes einen Moment weg ist. Wie eine Löwin wird Holly später um ihren Sohn kämpfen. Eine Odyssee am Heiligen Abend durch die Stadt und damit in Bens Vergangenheit wird sie unternehmen. Und sie wird ihre Familie belügen, um Ben zu retten.

„Ben is Back“ ist der Film von Lucas Hedges, Sohn des Regisseurs und gerühmt für seinen Auftritt in „Manchester By The Sea“. Bravourös spielt er einen Drogensüchtigen, der in der Furcht lebt, dass sein Leben und das der anderen wieder aus den Fugen geraten könnte. Dass er die Menschen hintergeht, die er liebt.

Genauso ist dies aber der Film von Julia Roberts, die ihre beste Vorstellung seit Jahren abliefert (gelobt wird sie gerade auch für ihre Rolle in der dystopischen Thrllerserie „Homecoming“ über traumatisierte US-Soldaten). In ihrem Gesicht vermengen sich Freude und Schmerz, Sanftmut und Wut, Durchsetzungswillen und Verzweiflung. Nicht immer scheint sie selbst zu wissen, welches Gefühl gerade die Oberhand gewinnt.

Regisseur Hedges zeigt, wie eine Familie ins Wanken gerät

Regisseur Hedges, bislang vorrangig für seine Drehbücher bekannt („Gilbert Grape“, „About A Boy“), hat sich von Alkohol- und Drogenfällen aus der eigenen Familie inspirieren lassen. Er wollte „einen Film darüber machen, wie ein instabiles, gebrochenes Familienmitglied alles ins Wanken bringen kann“. Das ist ihm auf imponierende Weise gelungen.

Von Stefan Stosch / RND

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