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Kultur im Rest der Welt „Willkommen in Marwen“ – Ein Mann und sein Trauma
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18:00 27.03.2019
Fantasiewelt: Mark Hogenkamp (Steve Carell) erschafft aus einem Trauma heraus das Miniaturmodell einer Stadt. Quelle: Foto: Universal
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Hannover

Nachdem Mark Hogancamp in einer Kneipe erzählt hat, er trage gern Damenschuhe, wird er im Jahr 2000 von fünf Typen ins Koma geprügelt und getreten. Als er daraus wieder erwacht, ist wegen einer Hirnschädigung die Erinnerung an sein früheres Leben weitgehend ausgelöscht. Aus seinem Trauma heraus erschafft er ein Miniaturmodell einer fiktiven belgischen Stadt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, die er „Marwen“ nennt.

Mark Hogencamps Schicksal war bereits Gegenstand einer Doku

Die bevölkert er mit einer Reihe weiblicher Kampfpuppen und der ihm selbst nachempfundenen Heldenfigur Captain Hoagie. Gemeinsam verteidigen sie den Ort in seiner Fantasie gegen Nazi-Soldaten, die an seine Peiniger erinnern. Von den Puppen und ihrem Umfeld schießt Mark Fotos, die schließlich Anklang in der Kunstwelt finden.

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Schicksal und Projekt Mark Hogancamps waren bereits Gegenstand einer Doku („Marwencol“). In Robert Zemeckis Spielfilm wird dessen Puppenwelt nun mittels Motion-Capture-Technik auf seltsam faszinierende Weise zum (Action-)Leben erweckt. Dabei verschränkt der Regisseur, mit „Der Polarexpress“ (2004) einer der Pioniere dieser Technik, das reale Geschehen immer wieder geschickt mit Hogencamps visualisierten Fantasien, die von Rachegedanken, Ängsten, Selbstvorwürfen und Hoffnungen beflügelt werden.

Was bleibt, ist ein spannender Blick in die Psyche eines Traumatisierten

Dramaturgisch ist das Werk indes weniger gelungen. Zwar gibt es kleine Spannungsbögen: Wird sich der von Steve Carell engagiert gespielte Mark den Tätern vor Gericht stellen? Wie entwickelt sich sein Verhältnis zur neuen Nachbarin Nicol (Leslie Mann)? Aber es wiederholt sich auch einiges. Zudem bleiben die Charaktere der für den Traumatisierten wichtigen Frauen, die sich als Avatare in Marwen wiederfinden, bis auf besagte Nicol unterentwickelt. Was bleibt, ist ein visuell ebenso spannender wie interessanter Blick in die Psyche eines Mannes, der sich aus seinem Trauma herauszukämpfen versucht.

Von Jörg Brandes / RND