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Kultur im Rest der Welt „Ja, sind die Menschen rasend geworden?“
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18:04 14.11.2018
„Was ein FPÖler denkt, ist mir wurscht“: Peter Simonischek im Film „Der Dolmetscher“. Quelle: Film Kino Text

Herr Simonischek, was hat sich in Ihrem Leben seit dem sensationellen „Toni Erdmann“-Erfolg geändert?

Ich bekomme bessere Drehbücher! Jedenfalls mehr als vor „Toni Erdmann“. Ich habe zum Beispiel den Thriller „Kursk“ gedreht mit dem dänischen Regisseur Thomas Vinterberg über den Untergang eines russischen Atom-U-Boots in der Barentssee. Wichtig ist mir auch „Crescendo“: Da spiele ich den Dirigenten eines israelisch-palästinensischen Jugendorchesters, das am Rand einer Nahost-Friedenskonferenz ein Konzert in Südtirol geben soll - gecastet wurden tatsächlich Israelis und Palästinenser. Und dann ist da natürlich „Der Dolmetscher“.

Und bei dem ist endgültig Schluss mit lustig: Der Sohn eines NS-Täters reist in die Slowakei, um mehr über die Verbrechen seines Vaters herauszufinden. Wieso gerade jetzt so ein Film?

Dahinter steckt die Beobachtung, dass vielerorts der Versuch gestartet wird, die Vergangenheit zu manipulieren – auch in der Slowakei. Dort wird, genau wie etwa in Polen, Geschichtsklitterung betrieben.

Rechtspopulisten gibt es nicht nur im Osten Europas.

Wir Österreicher kennen uns da aus: Ich erinnere nur an den Skandal um unseren Präsidenten Kurt Waldheim in den Achtzigern. Die Österreicher haben nach dem Zweiten Weltkrieg sehr gern die Sichtweise der Alliierten übernommen, wonach wir die ersten Opfer des Nationalsozialismus waren. Beim sogenannten Anschluss 1938 ans Deutsche Reich sah es allerdings gar nicht nach Zwang aus.

Verstehen Sie den „Dolmetscher“ als eine Aufforderung, noch einmal bei Eltern und Großeltern nachzufragen, bevor es zu spät ist?

Der pensionierte Wiener Lehrer, den ich spiele, verkörpert eine typisch österreichische Mentalität. Der Mann hat sich lange mit den NS-Verbrechen seines Vaters arrangiert. Wir haben da eine schöne Formulierung: „Mei, des geht sich eh aus.” Aber durch die Konfrontation mit dem Sohn eines Opfers - der ihn dann als Dolmetscher auf der Slowakei-Reise begleitet - kann er nicht mehr länger verdrängen. Dieser Film sagt: Es ist nie zu spät, sich um die Vergangenheit zu kümmern.

Ob Ihr Film dazu motiviert, es zu versuchen?

Ich komme gerade vom Jüdischen Filmfestival in New Brunswick in den USA. Dort sollte ich Auskunft geben über den „Dolmetscher“, aber eigentlich war ich ein lernender Zuhörer: Eine Frau erzählte, wie das für sie war, mit Kindern von Nazi-Größen bei einer Art Workshop zusammenzutreffen. Ein Täter-Sohn sagte ihr: „Wissen Sie eigentlich, wie das ist, wenn der eigene Vater ein Massenmörder ist?“ Bis dahin hatte sie nie die Möglichkeit, Empathie zu entwickeln für solche Menschen. Und doch ist es natürlich eine Anmaßung, so etwas jemandem an den Kopf zu werfen, der seine Familie im KZ verloren hat.

Haben Sie mal Ihrer eigenen Familiengeschichte nachgespürt?

Mein Vater war sechs Jahre lang bei der Deutschen Wehrmacht. Er war Dentist und verbrachte die letzten zwei, drei Jahre hinter der Front in der Zahnstation eines Lazaretts. Zuvor war er beim Frankreich-Feldzug und auf der Krim dabei.

Hat er vom Krieg erzählt?

Von den schlimmsten NS-Verbrechen erfuhr ich als Zwölfjähriger: Mein Großvater nahm mich mit ins Kino in einen Dokumentarfilm, den die Amerikaner nach der Befreiung von Auschwitz gedreht hatten. Berge von Leichen habe ich darin gesehen. Meine Familie hat das meinem Großvater, einem überzeugten Sozialdemokraten, übel genommen, aber er sagte: Der Junge kann das gar nicht früh genug erfahren. Ich bin ihm dafür dankbar.

Macht man sich mit einem Film wie „Der Dolmetscher“ Freunde bei jener Bevölkerungshälfte, die heute so laut „Österreich First“ schreit?

Für diese Hälfte ist das Thema Vergangenheitsbewältigung Schnee von gestern. Diese Leute gehen garantiert nicht in so einen Film.

In Deutschland hat jüngst ein rechtspopulistischer Politiker die NS-Zeit als „Vogelschiss der Geschichte“ bezeichnet: Wie gehen Sie mit ähnlichen Sprüchen in Österreich um?

Wissen Sie, wenn Sie jeden Blödsinn zu kontern versuchen, der da aus diesen Mäulern hervorsprudelt, dann kommen Sie gar nicht mehr nach. Inzwischen ist es ja salonfähig geworden, ganz bewusst mit der Unwahrheit zu provozieren. Und zwar überall auf der Welt: In Brasilien wird jemand Präsident, der die Diktatur verherrlicht. Was ist das für eine irre Welt! Ja, sind die Menschen rasend geworden?

Lassen Sie im Wiener Burgtheater manchmal den Blick übers Publikum wandern und fragen sich, welche Honoratioren da unten wohl die FPÖ wählen?

Was ein FPÖler denkt, ist mir wurscht. Diesen ganz rechten Typen begegne ich auch gar nicht, die kenne ich nicht. Die tauchen irgendwie nicht wirklich auf.

Zumindest in Deutschland erwacht gerade die gesellschaftliche Mitte, die ihr Land gegen rechts verteidigen will. Auch in Österreich?

Wir kriegen vielleicht nicht eine Viertelmillion auf die Straße wie neulich bei Ihnen in Berlin. Aber auch hier gibt es immer mehr Aktionen für die Demokratie. Zum Beispiel wird gerade gegen die Absicht der österreichischen Regierung mobilisiert, sich aus dem UN-Migrationspakt zurückzuziehen. Die Empörung ist gewaltig.

Wird der Protest Erfolg haben?

Jedenfalls glaube ich immer noch, dass es in Österreich eine proeuopäische Mehrheit gibt. Der Rechtsruck in diesem Land ist nicht so stark, wie das manchmal im Ausland erscheinen mag. Ich hoffe, dass ich da nicht blauäugig bin.

Die Slowaken haben den „Dolmetscher“ für den Auslands-Oscar ins Rennen geschickt: Fliegen Sie bald wieder nach Hollywood so wie mit „Toni Erdmann“?

Ich wage da keine Prognose. 85 Länder bewerben sich um den Auslands-Oscar, das sind ganz schön viele.

Haben Sie eigentlich noch Ihre „Toni Erdmann“-Hasenzähne?

Natürlich! Und zwar alle acht Prothesen, die ich damals beim Drehen brauchte. Da kann ja auch kein anderer was mit anfangen. Die passen nur mir. Aber bevor Sie fragen: Ich trage Sie nicht mehr, auch nicht heimlich zu Hause.

Zur Person

Der 1946 in Grad geborene Schauspieler Peter Simonischek ist zuerst am Theater zu Hause. Von 1979 bis 1999 war er Ensemblemitglied an der Berliner Schaubühne und gehört seitdem dem Wiener Burgtheater an. Im Kino reüssierte er weltweit besonders mit einer Rolle: In Maren Ades Tragikomödie „Toni Erdmann“ verkörperte er einen Vater, der seiner karrieristischen Managertochter in kurioser Verkleidung neue Lebenslust einhaucht. Vom 22. November an ist Simonischek im Kinodrama „Der Dolmetscher“ als Sohn eines NS-Täters zu sehen, der in der Slowakei mehr über die Verbrechen seines Vaters herausfinden will.

Von Stefan Stosch

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