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Kultur im Rest der Welt Schriftsteller Henning Mankell gestorben
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20:32 05.10.2015
Henning Mankell am 1. Juni 2015 in Stockholm. Quelle: Nora Lorek
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Stockholm

Mit einem wie dem mürrischen Kommissar Wallander hätte Henning Mankell nicht befreundet sein wollen. Dessen Art, Frauen zu behandeln, missfiel ihm. Und: „Er isst schlecht, er trinkt zu viel, und er interessiert sich für meinen Geschmack zu wenig für Politik“, hat der Schriftsteller gesagt.

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Henning Mankell ist gestern mit 67 Jahren in Göteborg an Krebs gestorben. Sein trauriger Held Wallander hat ihn weltbekannt gemacht. Seine Bücher wurden weltweit über 40 Millionen mal verkauft. 1991 erschien „Mörder ohne Gesicht“, der erste der Wallander-Reihe. Viele weitere folgten — Mankell hatte eine Figur geschaffen, die ihm half, seine Geschichten zu erzählen.

Mankells Vater war Richter. Mit Verbrechern und Verbrechen war der Sohn, am 3. Februar 1948 in Stockholm geboren, folglich schon früh in Kontakt gekommen. Als klassischer Krimiautor sah er sich selbst jedoch nicht, folgte vielmehr dem Prinzip Shakespeares in „Macbeth“: „Ich sehe auf die Gesellschaft durch den Spiegel des Verbrechens . . . Meine Geschichten handeln von der Gesellschaft und der Zeit, in der ich lebe.“

Diese Auseinandersetzung hat Mankell nicht nur als Krimiautor betrieben. Er schrieb auch Kinder- und Jugendbücher sowie Romane über Afrika, wo er seine wahre Heimat sah. Schon als Kind hatte er davon geträumt, Afrika zu bereisen. Als dieser Traum 1972 wahr wurde, fühlte er sich sofort zu Hause, wie er bekannte. 1985 wurde Mankell eingeladen, in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, eine professionelle Theatergruppe aufzubauen. Mit seiner Frau Eva lebte er fortan eine Hälfte des Jahres in Afrika, die andere in Schweden, „mit einem Fuß im Sand, mit dem anderen im Schnee“.

Seine Popularität half ihm dabei, auf die drückenden Probleme des Landes — Armut, Aids, Analphabetismus, Unterdrückung — aufmerksam zu machen. 1995 erschien sein erster Afrika-Roman „Der Chronist der Winde“. Es handelt von dem langsamen Sterben eines Jungen, der tödlich verletzt neun Tage auf dem Dach eines Hauses verbringt. „In Afrika ist der Tod ein Teil des Lebens“, so Mankell. Der Tod werde nicht wie in Europa verdrängt.

Mankell setzte sich nicht nur literarisch mit den Problemen der Welt auseinander. 2010 beteiligte er sich an der pro-palästinensischen Aktion „Ship to Gaza“, die auf Schiffen Hilfsgüter zu den Menschen zu bringen. Das israelische Militär beendete die Aktion gewaltsam, es gab neun Tote. Über 600 Menschen wurden inhaftiert, darunter Mankell. „Solidarität war und ist das Leitmotiv meiner politischen und schriftstellerischen Arbeit“, sagte er nach seiner Entlassung aus israelischer Haft.

Ende 2013 fand das „Vagabundenleben, das ich führte“ abrupt ein Ende. In Lunge und Hals des Autors wurden bösartige Tumoren entdeckt. Er zog sich jedoch nicht zurück, sondern entschied sich dafür, die Öffentlichkeit an seinem Kampf gegen den Krebs Anteil haben zu lassen. Er habe keine Angst vor dem Tod, sagte er der Zeitung „Die Zeit“. Er habe ein langes Leben gehabt und ein fantastisches.

In „Treibsand — Was es heißt, ein Mensch zu sein“, seinem letzten Buch, erzählt er vom Ringen gegen den Krebs, von Dingen, die ihn geprägt und von Dingen, die ihm geholfen haben. Er ließ nicht zu, dass Gedanken an seinen Tod sein Leben beherrschten. Ein Hilfsmittel seien Bücher gewesen, schreibt er: „Nach einem Buch zu greifen und im Text zu verschwinden, war immer meine Methode, mir in schwierigen Zeiten Linderung, Trost oder auch nur eine Atempause zu verschaffen.“

Die wichtigsten Bücher
Ein Dutzend Wallander-Krimis hat Henning Mankell geschrieben. Nach „Mörder ohne Gesicht“ (1991) folgten zehn weitere Romane und „Mord im Herbst“
über einen zuvor nur als Film bekannten Wallander-Fall.

„Der Chronist der Winde“ (1995) war der erste in einer Reihe von Afrika-Romanen. Weitere sind „Kennedys Hirn“ , „Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt“, „Der Chinese“ und „Erinnerung an einen schmutzigen Engel“ (2012).

Erst vor wenigen Tagen erschien „Treibsand“, sein letztes Buch.
„Nach einem Buch zu greifen und im Text zu verschwinden, war immer meine Methode,
mir in schwierigen Zeiten eine Atempause
zu verschaffen.“
Henning Mankell in „Treibsand — Was es heißt, ein Mensch zu sein“

Liliane Jolitz