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Kultur im Rest der Welt Wo ist das teuerste Gemälde der Welt?
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15:44 01.05.2019
Das teuerste Gemälde der Welt: Der „Salvator Mundi“ wurde 2017 bei Christie’s versteigert. Quelle: Ray Tang/imago images/ZUMA Press

Herr Zöllner, vor zwei Jahren wurde das GemäldeSalvator Mundi“ für 450 Millionen Dollar versteigert. Weiß man, wo es sich heute befindet?

Nein. Das weiß man nicht mit Sicherheit. Aufgrund der Aussagen der Restauratoren wissen wir, dass das Gemälde fertig gemacht wurde für einen Transport in die Schweiz. Und wenn es in die Schweiz kommt, dann landet es in der Regel in einem Zollfreilager. Und wenn es in einem Zollfreilager landet, dann in der Regel in Genf. So lautet im Moment die Kette der Vermutungen.

Dort soll es ja wahrscheinlich aber nicht bleiben. Wo soll es denn mal gezeigt werden?

Wir sind bei alldem auf Vermutungen angewiesen. Wir haben es hier ja mit Akteuren zu tun, die nicht für eine zuverlässige, offene Informationspolitik bekannt sind. Eine Vermutung lautet, gestützt auf eine Aussage des Ministeriums für Kultur und Tourismus in Abu Dhabi, dass das Gemälde im Louvre Abu Dhabi gezeigt werden soll. Eigentlich schon im September letzten Jahres, aber dieser Termin ist verstrichen. Seitdem ist gar nichts passiert. Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, über die ganze Angelegenheit zu spekulieren.

Es gibt Experten, die das Bild eindeutig Leonardo da Vinci zuschreiben. Sie haben aber Ihre Zweifel. Warum?

Das ist eine sehr wichtige Frage, aber nicht mit einem Satz zu beantworten. Es ist mit Sicherheit ein Altmeistergemälde. Es ist mit Sicherheit ein Gemälde, das in seinem Konzept, seinem Entwurf auf Leonardo da Vinci zurückgeht. Es ist mit Sicherheit in seiner Werkstatt und seinem Umfeld entstanden. Es ist mit Sicherheit die beste von mehreren Werkstattfassungen des Salvator-Themas. Es ist, wie ich finde, eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste Entdeckung auf dem Gebiet der Leonardo-Forschung der vergangenen 100 Jahre. Und es ist wahrscheinlich ein Gemälde, an dem Leonardo mitgearbeitet hat.

Aber?

Aber es war gleichzeitig in einem ruinösen Zustand gewesen, als es auftauchte. Wir wissen bis heute leider nicht, wie ruinös, da der Restaurierungsbericht mit dem entsprechenden Fotomaterial nie vollständig publiziert wurde. Daher ist eine Beurteilung schwierig. Dafür kann das Gemälde nichts, sondern es ist den Akteuren geschuldet, die aus uns unbekannten Gründen bestimmte Dokumentationen nicht offengelegt haben. Das ändert aber an der Bedeutung des Werks nichts.

Aber wie kommt die Kunstwelt nun zu einem Ergebnis?

Man muss der Sache ein bisschen Zeit lassen. Eine berühmte Spruchweisheit der Kunstgeschichte lautet: Über Zuschreibungen wird nicht an einem Tag entschieden. Wir haben eine bestimmte Idee davon, wie ein Leonardo auszusehen hat. Bei manchen Bildern sagt man: So sieht ein Leonardo meiner Meinung nach aus. Aber als Anfang des 20. Jahrhunderts die Porträts der Ginevra de’ Benci und der Cecilia Gallerani langsam in die Forschung sickerten, hat man auch gedacht, das sind keine Leonardos.

Warum nicht?

Weil sie ganz anders waren als unsere Vorstellung von einem typischen Leonardo-Porträt. Die Vorstellung lautete: Ein Leonardo-Porträt muss aussehen wie die „Mona Lisa“. Und die Ginevra de’ Benci sah nicht aus wie sie. Da gab es die ersten Probleme mit der Zuschreibung. Was ich damit sagen will: Es braucht Zeit, um Sehgewohnheiten an etwas Neues anzupassen. Und das mag auch für den „Salvator Mundi“ gelten, bei dem wir vielleicht in fünf, zehn oder 20 Jahren sagen: Es steckt vielleicht doch mehr Leonardo drin, als wir dachten. Wir stehen erst am Anfang der Beurteilung.

Sie sagen, es ist mit Sicherheit aus seiner Werkstatt, aber sehr wahrscheinlich nicht von ihm. Wie können Sie das denn nach mehr als 500 Jahren unterscheiden?

Die Formulierung „sehr wahrscheinlich nicht von ihm“ würde ich gern nochmal ein wenig präzisieren: Wir müssen uns ein wenig von der Idee der Maximalautorschaft lösen. Wir wissen aus dem Umkreis Leonardos und allgemein aus der Zeit Anfang des 16. Jahrhunderts, dass Künstler Gemälde nicht nur allein malen, sondern dass sie in Werkstätten agieren. Das ist für Leonardo bezeugt. Zum Beispiel ist die „Felsgrottenmadonna“ in der National Gallery in London mit Sicherheit ein Gemälde, das zu einem Teil von Schülern von Leonardo stammt. Da sich dieses Gemälde aber in einer öffentlichen Sammlung befindet und nicht zum Verkauf steht, gibt es diese absurde Diskussion über den Maximalautor nicht.

Was meinen Sie mit Maximalautor?

Den größten anzunehmenden Fall einer 100-prozentigen Autorschaft. Die Frage nach dem, was ich den Maximalautor nenne, kommt erst dann zum Tragen, wenn ein Kunstwerk auf dem Markt angeboten wird, und vor allem dann, wenn es sich um eine der großen Raritäten auf dem Kunstmarkt handelt. Wir müssen uns langsam daran gewöhnen, dass es auch Gemälde von Leonardo gibt, die er zwar entworfen, aber seine Schüler ausgeführt haben - und er lediglich daran mitgearbeitet hat. Wir wissen aus Quellen, dass er zum Schluss noch mal über das Gemälde ging und noch das eine oder andere verbesserte.

Ist das ungewöhnlich in der Kunstgeschichte?

Nein, das gibt es auch bei Raffael. Und schauen Sie mal in die zeitgenössische Kunst! Ob das jetzt bei Andy Warhol war oder heute bei Jeff Koons oder Ólafur Elíasson. Diese Kunstwerke gibt es ja auch in vielen Auflagen und Varianten, und die werden natürlich nicht von Koons oder Elíasson hergestellt, sondern von der Werkstatt. Und da kräht kein Hahn danach, dass es keine authentischen allein geschaffenen Werke sind. Wir müssen da mal unsere Maßstäbe zurechtrücken. Ich habe das Gefühl, dass die ganze Diskussion um die Maximalautorschaft beim „Salvator Mundi“ eine Verschiebung ist, wie Sigmund Freud gesagt hätte. In unserem eigenen Zeitalter haben wir uns von dem Gedanken der Alleinautorschaft entfernt – wir reden seit den Sechzigerjahren ja vom Tod des Autors. Aber umso mehr projizieren wir das Problem der Autorschaft in die Vergangenheit.

Ist es vielleicht eine Sehnsucht?

Ja, das kann man sagen: Es ist eine Sehnsucht nach alleiniger Autorschaft im Zeitalter des Tod des Autors.

Bleibt immer noch die Frage, wie Sie den Unterschied zwischen der Arbeit Leonardos und der Arbeit seiner Schüler feststellen können?

Indem man das Gemälde technisch untersucht. Und zwar – und das ist sehr wichtig – ergebnisoffen. Im Fall des „Salvator Mundi“ war es das Problem, dass es sich nicht um eine öffentlich ausgeschriebene Restaurierung handelte. Man hätte damals sagen müssen: Wir präsentieren das Gemälde mehreren Experten, die es sich unabhängig voneinander anschauen. Im Fall des „Salvator Mundi“ ist von denjenigen, die es restauriert haben, aber von Anfang propagiert worden, es sei ein Leonardo. Das ist nicht ergebnisoffen.

Wie kann man noch vorgehen?

Man kann natürlich auch stilkritisch ergründen, inwieweit Leonardo seine Hand im Spiel hatte. Das ist ein sehr komplexer Prozess. Dafür brauchen Sie Gutachter, Experten, die Autopsie des Gemäldes, das genaue Anschauen und die beruhigende Gewissheit einer guten Dokumentation. Wir haben ja hier das Problem, dass das Gemälde vor dem Jahr 1900 praktisch keine Herkunftsgeschichte hat. Das ist gravierend. Wenn wir wüssten, dass es sich im Jahr 1520 zum Beispiel im Besitz des französischen Königs befunden hat, hätten wir eine gewisse Sicherheit. Denn die Beurteilung eines Gemäldes durch das Auge ist immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Es gibt ja den schönen Spruch: Das Auge ist fehlbar, aber es sollte unbestechlich sein.

Das müssen Sie erläutern.

Damit ist nicht nur gemeint, dass man den Kunsthistoriker, den Experten, mit Geld besticht, damit er ein Gemälde als echt zertifiziert, und dieses dadurch viel wert ist. Sondern das Auge kann auch bestechlich sein durch die Aussicht auf eine Sensation, durch Aussicht auf Ruhm oder durch die Tatsache, dass man als Experte ein Bild etwa als echten Leonardo entdeckt. Auch das ist eine Form der Bestechlichkeit – das soll jetzt gar nicht böse klingen. Wir sind nicht immer unabhängig. Wir sollten es aber sein, auch Museen sollten es sein.

Mal unabhängig von der Frage nach der Autorschaft – sind 450 Millionen Dollar für ein Gemälde nicht einfach nur pervers?

Diese Summe ist ein Symbol für die völlig irrsinnige ungleiche Verteilung des Geldes. Da das Geld in dem Fall aus den Golfstaaten kommt, ist es auch ein Zeichen dafür, dass wir diese Staaten mit unserem Benzinwahn mästen. Indirekt zahlen wir ja ein solches Gemälde mit, weil wir immer noch fossile Brennstoffe verbrennen. Für die Herrscher in Abu Dhabi oder Saudi-Arabien sind 450 Millionen Dollar nicht viel. Irgendjemand hat mal ausgerechnet, dass das für die Scheichs dort etwa so viel ist wie 4000 Dollar für eine vierköpfige amerikanische Familie. Davon kaufen sie sich halt mal eine Yacht, eine Insel oder eben ein Gemälde. Unser moralisches Urteil, diese Summe als obszön einzustufen, ist eigentlich ein Urteil über den Zustand dieser Welt, nicht unbedingt über den „Salvator“.

Von Kristian Teetz / RND

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